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Der Grünen-Politiker Cem Özdemir musste sich in diesem Jahr vor dem Hohen Grobünstigen Stockacher Narrengericht verantworten. Der Prozess fand traditionell am "Schmotzigen Dunschtig" statt.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
20:15 Uhr
Sender
SWR Fernsehen

Die närrischen Richter verurteilten den früheren Grünen-Bundesvorsitzenden in ihrer Fastnachts-Sitzung zu einer Strafe von drei Eimern Wein zu je 60 Litern.

Narrengericht beginnt mit Schweigeminute

Mit einer Schweigeminute hatte das traditionelle Narrengericht in Stockach (Kreis Konstanz) am Donnerstag den Opfern der Gewalttat von Hanau gedacht. Solche Taten seien ein Anschlag auf den inneren Frieden, der Voraussetzung für eine freie und offene Gesellschaft sei, sagte Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in einer Ansprache zu Beginn der närrischen Veranstaltung. Das Narrengericht feiere an diesem Abend das Fest eines solchen inneren Friedens. "Das soll ein Signal gegen genau solche Taten sein."

Kretschmann als Zeuge geladen

Kretschmann war als Zeuge vor das närrische Gericht geladen, um seinem Parteikollegen, dem Angeklagten Cem Özdemir, beizustehen. Mit mäßigem Erfolg.

Bilder vom Stockacher Narrengericht 2020

Cem Özdemir musste sich vor dem Narrengericht verteidigen. Mit vielen Zitaten und Pointen gelang dies dem Grünen-Politiker. Das Publikum im Saal war begeistert.  mehr...

Mit Cem Özdemir wurde "ein scheinbar allseits beliebter, tatsächlich jedoch hochumstrittener Politiker vorgeladen, der sich mit seiner gefürchteten und manchmal nervigen, gar herabwürdigenden Schwertgosch immer wieder und im wahrsten Sinne um Kopf und Kragen redet", so das Narrengericht.

Moderatoren-Duo im Einsatz

Dieser Höhepunkt der schwäbisch-alemannischen Fastnacht am Schmotzigen Dunschtig wurde fachkundig und humorvoll kommentiert von SWR-Moderatorin Kristin Haub und dem Stockacher Gerichtsnarren Rainer Vollmer.

Politiker vor dem Stockacher Narrengericht

Cem Özdemir am 20.2.2020 vor dem Stockacher Narrengericht. Neben ihm sitzt der Narrenbüttel. (Foto: dpa Bildfunk, Patrick Seeger)
Der Grünen-Politiker Cem Özdemir mussste am 20.2.2020 - was für ein närrisches Datum - vor das Stockacher Narrengericht. Neben ihm sitzt der Narrenbüttel, der dafür sorgt, dass das Protokoll bei der Verhandlung eingehalten wird. Özdemir wurde zwar in zwei von drei Anklagepunkten freigesprochen. Wegen „Vorteilssuche im Amt“ muss er aber wegen besonderer Schwere der Schuld 180 Liter Wein abliefern. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
Annegret Kramp-Karrenbauer stellte sich 2019 dem Narrengericht. Sie wurde wegen "Entmannung der CDU" verurteilt. Außerdem habe sie die Wahl um den CDU-Vorsitz nur mit Hilfe der Jungen Union gewonnen. Das deuteten die Richter als "Thronraub durch Verführung Minderjähriger". Als Strafe musste sie 3 Eimer Wein à 60 Liter entrichten. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
„Frauen an die Macht, auch in der Fastnacht“, das forderte Thomas Strobel 2018. Das Publikum im Saal war begeistert. Letztlich wurde der CDU-Politik jedoch wegen seiner Allmachtsphantasien schuldig gesprochen. Bei der Strafe ließen die Richter Gnade walten. Statt sechs Eimer à 60 Liter Wein, musste er nur sechs Eimer zu 41 Liter abliefern. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
Die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin war im Februar vom Narrengericht im baden-württembergischen Stockach zur Zahlung des Strafweins verdonnert worden. Dreyer war von den Narren aus dem Kreis Konstanz in zwei von drei Anklagepunkten für schuldig befunden worden: Sie hatten ihr "wissentliche Karnevalisierung der Landespolitik" sowie einen Verrat am angeblichen Grundkonsens der SPD vorgeworfen, wonach sich Wahlsiege nicht gehören würden. Dreyer hatte 2016 die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz gewonnen. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) wurde 2016 vorgeworfen, er wolle durch eine Maut Ausländer diskriminieren. Das Problem daran: "Wer ist denn für einen Bayern ein Ausländer? Na, alle anderen in Deutschland! Wir! So kann er abkassieren", rief der Kläger in Stockach. Er wurde zur Zahlung von drei Eimern Wein zu je 60 Litern verurteilt. Stockacher Narrengericht / Thomas Niedermüller Bild in Detailansicht öffnen
Peter Altmaier (CDU), Chef des Bundeskanzleramts, kam 2015 mit einer vergleichsweise milden Strafe davon. Er wurde zur Zahlung von einem Eimer Wein verurteilt. Schuldig gemacht hatte er sich der Schweigsamkeit. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
Im Fall Winfried Kretschmann (Grüne) ließ das Stockacher Narrengericht 2014 keine Milde walten: Der Ministerpräsident wurde zur Zahlung von drei Eimern Wein zu je 60 Litern verurteilt. Sein Vergehen: Umkehrung der gesellschaftlichen Ordnung. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
2013 musste sich Heiner Geißler, Politiker (CDU) und Stuttgart 21-Schlichter, verantworten. Und zwar wegen folgender Punkte: "Fortgesetzte Beleidigung des Wählers durch Raub des politischen Koordinatensystems, Zerstörung der eigenen Partei und des politischen Establishments und wegen gröbster Fahrlässigkeit beim Sprengen, Schlichten und Putschen von Denkmälern aller Art." Er wurde zu drei Eimern Wein verurteilt, die er persönlich in Stockach ablieferte. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
2012 lautete die Anklage für den Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP): "Unrechtmäßige Verwendung von heißer Luft" und "Herstellung von Seifenblasen". Er wurde nur teilweise für schuldig befunden und erhielt folgendes Urteil: Zwei Eimer Wein vom "Guten Roten". Sein Urteil enthielt allerdings eine Besserungsklausel, die ihm ein Skonto in Höhe des Wahlergebnisses der nächsten Landtagswahl einräumte. Nach der Wahlergebnis im Saarland konnte er also knapp 1,5 Liter Wein von seinem Strafmaß abziehen. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
2011 war der damalige SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier als Angeklagter vor das Narrengericht getreten. Er sei ein Meister der Täuschung geworden, er habe die Linke verraten und sich als Verantwortlicher in der Regierung auf die Seite der Banker geschlagen, diese Punkte führte Kläger Thomas Warndorf gegen ihn ins Feld. Er wurde für schuldig befunden. Zur Strafe verhängte das Gericht viereinhalb Eimer Wein österreichischen Maßes, was 270 Litern Wein entspricht. Marijan Murat Bild in Detailansicht öffnen
Renate Künast traf es 2010 in ihrer Funktion als Grünen-Fraktionschefin. Sie musste sich vor dem Narrengericht in Stockach wegen folgender Anklagepunkte verantworten: Machtgeilheit, Gewaltbereitschaft und Wahnvorstellungen, unter denen sie leide. Auch sie wurde schuldig gesprochen und zu eineinhalb Eimern Wein (90 Liter) verurteilt. Bernd Weissbrod Bild in Detailansicht öffnen
Vergesslichkeit war einer der Anklagepunkte, die dem damaligen Landesfinanzminister Willi Stächele (CDU) vor dem grobgünstigen Gericht vorgeworfen wurde. Ihm wurde zur Last gelegt, seine Ehefrau an einer Autobahnraststätte stehen gelassen zu haben. Obwohl er Dutzende Finanzamtsvorsteher dazu bewegen konnte, als Chor dem Gericht ein Ständchen zu bringen, konnte ihn das nicht vor einer Verurteilung schützen. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
2008 stand Andrea Nahles als stellvertretende Vorsitzende der SPD vor Gericht - unter anderem lautete die Anklage auf "Königsmord" am "König der Arbeiter", Franz Müntefering. Auch sie wurde für schuldig befunden und zu vier Eimern Wein (240 Liter) verurteilt. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
Baden-Württembergs ehemaliger Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) traf es 2007 als Beklagter. Bei ihm lautete die Anklage auf "gedankenlose Schnellsprecherei" und Frauenfeindlichkeit. Bereits 1987 war er zum Stockacher Laufnarren ernannt worden - jedoch ohne Anklage. Doch er musste vor Gericht eingestehen, dass er die Kappe inzwischen verloren hatte. Dies bestrafte das Gericht vorab bereits mit einem Liter Wein und kannte dann auch keine Gnade mehr mit ihm. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
2006 war Ex-Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) an der Reihe. Vorgeworfen wurde ihm unter anderem "Handeln ohne Einsicht und wider besseren Wissens". Von seinem Fürsprecher ließ sich das Gericht wenig beeindrucken, sprach ihn schuldig und verurteilte ihn zu zwei Eimern Wein. Zusätzlich behielt sich das Gericht vor, das Weingut seiner Familie zu besuchen. Jung stammt nämlich aus einer hessischen Winzerfamilie. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
Peter Müller (CDU), der damalige saarländische Ministerpräsident saß 2005 auf der Anklagebank. Er bekam den ersten und einzigen Freispruch! Allerdings wurde eine Ordnungsstrafe gegen ihn verhängt, wegen Ungebührlichkeiten gegenüber dem Gericht in Höhe von zwei Eimern Wein und der Teilnahme am Laienschauspiel in Stockach. Er hatte die Gerichtsnarren als "Beischläfer" betitelt. Patrick Seeger Bild in Detailansicht öffnen
2004 wurde dem ehemaligen Vizevorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Friedrich Merz, die Narrenkappe aufgesetzt. Bei der Verhandlung nahmen die Richter insbesondere sein damaliges Steuerkonzept aufs Korn. Es hieß, er habe sich ein Steuerkonzept ausgedacht, das so eindeutig und klar sei, dass die "Lieblinge der Nation", die Finanzbeamten, arbeitslos würden. Ihr Urteil: zwei Eimer Wein. Patrick_Seeger Bild in Detailansicht öffnen

Narrengericht seit 1351

Seit 1351, also seit 669 Jahren, dürfen die Stockacher Narren im Gedenken an ihren Gründervater, Erznarr "Hans Kuony von Stocken", einmal im Jahr ein Narrengericht abhalten. Die Strafe wird traditionell in "Eimern Wein" bemessen. Dabei fasst ein "Eimer" laut einem alten österreichischen Hohlmaß sage und schreibe 60 Liter.

Hintergründe

Prominente Politiker und Pointen So viel Spaß macht das Stockacher Narrengericht

Seit 1965 schwitzen Politiker auf der Anklagebank des Stockacher Narrengerichts und verteidigen sich büttenreif. Szenen und Kurioses aus den Verhandlungen finden Sie hier.  mehr...

Das Stockacher Narrengericht

Die alljährlich Sitzung des "Hohen, grobgünstigen Narrengerichts" ist ein Höhepunkt der Fastnacht. Seit 1351, wird dort im Namen des Brauch-Begründers Hans Kuony Recht gesprochen.  mehr...

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