Blaumeisen fressen gerne Meisenknödel (Foto: IMAGO, IMAGO / Shotshop)

Vogelkundler wirbt für Ganzjahresfütterung

Vögel füttern auch im Sommer - für den Artenschutz

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Vögel beobachten und ihnen Futter anbieten macht Spaß. Gleichzeitig sei Füttern ein wichtiger Beitrag zum Artenschutz, sagt der Ornithologe Peter Berthold. Bedenken hält er für unbegründet.

In ausgeräumten Kulturlandschaften, wo vor allem Nutzpflanzen wie Weizen oder Mais wachsen, finden Vögel immer weniger Nahrung, klagt der Naturschützer. Es fehle an Samen von Wildkräutern und an Insekten. Die Folge: Wir verlieren jedes Jahr ungefähr ein Prozent unserer Vögel. Wo früher einmal zehn Vögel gesungen haben, höre man heute nur noch zwei.

Kraftakt im Sommerhalbjahr

Anders als viele vermuten, brauchen Vögel im Frühjahr und Sommer besonders viel Energie, erklärt der Fachmann.

"Die Vögel müssen morgens aufstehen, um 3 Uhr oder 4 Uhr, sie müssen singen, ihr Revier verteidigen, sich um Weibchen bemühen und dann die Jungen füttern - das heißt hunderte Male am Tag Futter suchen, das Nest anfliegen, füttern. Da läuft die Energie nur so durch den Körper durch."

Wenn die Menschen nicht zufüttern und die Vogeleltern die wenige Nahrung, die sie finden, selbst fressen müssen, dann verhungern die Jungen in den Nestern und der Bruterfolg geht dramatisch zurück, warnt Berthold. Für ihn ist Zufüttern darum ein Muss.

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Vögel werden nicht faul

Den Einwand, Vögel könnten durch die Fütterung bequem oder abhängig werden, lässt der Ornithologe nicht gelten. In Jahren, in denen die Buchen viele Eckern tragen, könne er sich vor Anrufen nicht retten. Die Leute wollen dann wissen, warum sich keine Vögel an der Futterstelle zeigen. Die Antwort: Die Vögel sind alle im Wald und fressen Bucheckern. Auch an Tagen, an denen es mal viele Insekten gibt, etwa wenn Ameisen schwärmen, zeigten sich an der Futterstelle keine Vögel. Darum ist Berthold überzeugt: wildlebende Vögel lassen sich nicht durchfüttern, sondern nur bei Bedarf unterstützen. Trotzdem ist das Füttern unter Vogelfreunden umstritten.

Welche Vögel profitieren

Umweltverbände weisen darauf hin, dass das Futter vor allem Vögeln zugute komme, die gar nicht gefährdet seien – wie Meisen, Finken oder Rotkehlchen. Peter Berthold hält dagegen:

"Inzwischen ist es so, dass alle Vogelarten Hilfe brauchen. Es gibt heute keine Vogelart mehr, wo wir sagen können, die Bestände sind stabil, die brauchen kein Futter. Die Art muss deswegen noch nicht in der Roten Liste stehen. Die Rote Liste ist sowieso ein Instrument, das weit hinter der Realität her hinkt."

Natürlich kann man längst nicht alle Arten durch die Fütterung erreichen, das ist auch Peter Berthold klar – keine Chance etwa bei Mehlschwalben oder bei Grauschnäppern, die im Flug Insekten jagen.

Mehlschwalbe am Nest mit Jungen (Foto: IMAGO, xblickwinkel/AGAMI/W.xLeursx)
Eine Mehlschwabe am Nest mit Jungen. Die Vögel jagen im Flug Insekten. Futterstellen in Gärten helfen ihnen nicht. xblickwinkel/AGAMI/W.xLeursx

Aber gut und dauerhaft geführte Futterstellen würden in Europa von über 100 Vogelarten besucht, darunter auch solchen, die in Deutschland durchaus auf der Roten Liste stehen – wie der Bluthänfling oder der Star.

Vogelfutter schädlich für Jungvögel?

Eine andere Sorge mancher Vogelfreunde betrifft das Futter in der Brutzeit von April bis Juni. Der Naturschutzbund NABU etwa schreibt, an großen Erdnuss-Bruchstücken oder Sonnenblumenkernen könnten Jungvögel ersticken. Berichtet wird auch von Magen- und Darmverschlüssen bei Jungvögeln.

Ornithologe Berthold nennt das "ein Märchen aus 1001 Nacht". Ungeeignetes Futter wird von gesunden Jungvögeln meist rasch ausgeschleudert, sagt er. Allerdings legen Meisen in der freien Natur oft viele Eier. Wenn es zu wenige Insekten gibt, um die Jungen zu füttern, wird ein Teil des Nachwuchses gar nicht flügge, sondern stirbt langsam ab. Aber selbst kurz vor dem Tod sperren die Nesthäkchen noch den Schnabel auf. Deshalb finde man manchmal tote Jungvögel mit dem letzten Bissen im Rachen - eine Raupe, eine Fliege, ein Stück Erdnuss - aber sie seien nicht daran gestorben.

Fett ist ein guter Energielieferant

Einzelne Studien legen nahe, dass Fettfutter Meisen eher schadet, etwa Meisenknödel. Für Berthold sind das Ausreißer. Es gebe viele andere Studien, die zeigten, dass gerade Meisenknödel das bestmögliche Futter in der Brutzeit sind, in der die Vögel sehr viel fliegen müssen.

"Die Vögel verbrennen Fett im Brustmuskel. Und das können sie aus den Meisenknödeln hervorragend beziehen, deswegen ist das ein absolutes Spitzenfutter."

Auch Kleiber mögen Fettfutter. (Foto: IMAGO, IMAGO / STAR-MEDIA)
Auch Kleiber mögen Fettfutter. Meisenknödel am besten in Metallspiralen oder Gittersilos anbieten. IMAGO / STAR-MEDIA

Insgesamt belegten zahlreiche Untersuchungen aus aller Welt, dass Vögel von der Ganzjahresfütterung profitieren. In seinem Buch übers Vogelfüttern führt er sie auf.

Langfristziel: ein bundesweiter Biotopverbund

Die ganze Diskussion ums Vogelfüttern wäre überflüssig, wenn die Vögel in Natur und Kulturlandschaft ausreichend Nahrung fänden, meint Peter Berthold. Er kämpft darum für einen deutschlandweiten Verbund von Biotopen.

In der Zwischenzeit aber sieht der Fachmann im Vogelfüttern eine wirksame Sofort-Hilfe, am besten in einem naturnahen Garten, in dem es auch Samen, Beeren, Früchte und Insekten für die Vögel gibt.

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