Biolabore in der Ukraine (Foto: IMAGO, imago images/Panthermedia)

Sicherheit

Ukraine: Was über die Gefahren von Bio-Laboren bekannt ist

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Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt ausdrücklich vor einer möglichen Gefahr in der Ukraine: Es geht um wissenschaftliche Labore, in denen an und mit Krankheitserregern geforscht wird, die nicht ungefährlich sind, darunter ist auch das Coronavirus.

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Die WHO rät, die Krankheitserreger in ukrainischen Laboren zu vernichten. Andernfalls könnte Gefahr für die Bevölkerung drohen, wenn die Labore beim russischen Vormarsch zerstört und die Erreger freigesetzt würden. David Beck aus der SWR Wissenschaftsredaktion gibt eine aktuelle Einschätzung der Lage:

Warum werden überhaupt Krankheitserreger in Laboren aufbewahrt? Könnte was an der russischen Propaganda dran sein, dass in der Ukraine an Biowaffen gearbeitet wird?

Auf der ganzen Welt wird ganz harmlos an verschiedenen Erregern geforscht. Es ist auch naheliegend, dass es natürlich sehr wichtig ist, an Krankheitserregern zu forschen. Gerade in den letzten zwei Jahren ist uns allen das sehr bewusst geworden: Wir wollten so viel möglich über das Coronavirus wissen. Dafür muss daran geforscht werden – und dann braucht man diese Krankheitserreger eben auch in den Laboren.

Sehr viele Labore auf der ganzen Welt haben gerade das Coronavirus auf Lager, auch in der Ukraine. Aber alle bekannten Krankheitserreger sind irgendwo auf der Welt in einem Labor in der Tiefkühltruhe zu finden. Sogar das Pockenvirus, das ja als ausgerottet gilt, wird noch in zwei Laboren aufbewahrt, eines im russischen Nowosibirsk und eins in Atlanta (USA).

Die Forschung an und mit Krankheitserregern ist eigentlich nicht Ungewöhnliches (Foto: IMAGO, imago images/Arnulf Hettrich)
Die Forschung an und mit Krankheitserregern ist eigentlich nichts Ungewöhnliches und findet auch in der Ukraine statt. Wenn entsprechende Erreger z.B. nach der teilweisen Zerstörung eines Biolabors in Umlauf gelangen, ist eine weitere Verbreitung unter bestimmten Bedingungen denkbar. imago images/Arnulf Hettrich

Welche anderen Erreger könnten neben Coronaviren in Laboren in der Ukraine gelagert sein?

Genau kann man das nicht sagen, aber wir können immerhin schon mal die gefährlichsten Viren ausschließen, nämlich die, für die man ein sogenanntes S4-Labor braucht. Es gibt vier Labor-Sicherheitsstufen, S1 bis S4. Jeder Krankheitserreger wird einer bestimmten Risikogruppe bzw. Sicherheitsstufe zugeordnet. S4-Labore gibt es auf der ganzen Welt nur sehr wenig, einige Dutzend, in Deutschland sind es zum Beispiel vier – in der Ukraine gibt es keines.

Dadurch können wir uns schon mal relativ sicher sein, dass es hier nicht um die allergefährlichsten Viren geht, die wir kennen. Zum Beispiel das Ebola-, Lassa- oder Marburg-Virus gehören in diese Risikogruppe.

Hobert Koch-Institut Hochsicherheitslabor (Foto: IMAGO, imago/Christian Ditsch)
Im Hochsicherheitslabor des Robert Koch-Instituts mit der Schutzstufe S4 werden auch hochansteckende, lebensbedrohliche Krankheitserreger wie Ebola-, Lassa- oder Nipah-Viren untersucht. imago/Christian Ditsch

Eine Stufe drunter, also S3-Labore, gibt es aber auch in der Ukraine viele. Man kann davon ausgehen, dass jede Universität, die eine biologische oder medizinische Fakultät hat, auch ein S3-Labor hat. Und es gibt auch noch öffentliche Einrichtungen, die auch S3-Labore betreiben.

Und auch die Erreger, die in diese Risikogruppe fallen, können gefährlich sein: Die gefährlicheren Grippeviren, zum Beispiel, wie Vogelgrippe oder H1N1, das die Spanische Grippe ausgelöst hat. Auch HIV, das Hepatitis-C-Virus, Bakterien, wie Milzbrand-, Tuberkulose- oder EHEC-Bakterien und die sogenannten Prionen, das sind Proteinfragmente, die BSE auslösen, gehören in diese Gruppe.

Vielleicht nicht alle, aber einige dieser Erreger sind in Laboren in der Ukraine zu finden. Dazu kommen noch die Erreger, die in S2-Laboren aufbewahrt werden. Die sind zwar deutlich ungefährlicher, aber dafür gibt es deutlich mehr von diesen Laboren.

Was könnte passieren, wenn gefährliche Erreger aus Laboren freigesetzt werden?

Einerseits kommt es drauf an, was genau freigesetzt wird. HIV zum Beispiel wäre wahrscheinlich relativ ungefährlich, da es sich nicht über die Luft überträgt, aber Grippe und das Coronavirus natürlich schon.

Wenn so ein Labor jetzt getroffen wird, gibt es verschiedene Szenarien: Es könnte alles zerstört werden und es passiert nichts. Es könnte aber zum Beispiel auch sein, dass ein Kühlraum nicht komplett zerstört wird, aber stark verwüstet: Die Kühlung fällt aus, die gefrorenen Proben geraten an die frische Luft und tauen auf. Dann kommen Rettungskräfte, die womöglich nicht wissen, womit sie es zu tun haben und natürlich auch andere Prioritäten haben als auf die Proben zu achten. Dann könnte das zum Beispiel zu einem Grippeausbruch führen. Dass eine größere Epidemie losgetreten wird, dafür muss noch deutlich mehr passieren, aber auch das ist nicht ausgeschlossen.

Dass in der Ukraine auch Biolabore bewusst von den Russen zerstört werden könnten, ist nicht auszuschließen.  (Foto: IMAGO, imago images/Cover-Images)
Dass in der Ukraine auch Biolabore bewusst von den Russen zerstört werden könnten, ist nicht auszuschließen. imago images/Cover-Images

Wäre es denkbar, dass die Russen diese Erreger mitnehmen und als Biowaffen benutzen?

Das ist eher unrealistisch, allein schon, weil es alles was es in der Ukraine gibt, auch in Russland gibt, beziehungsweise dort gibt es sogar noch mehr, wie die Pockenviren im Labor in Nowosibirsk.

Und dass Soldaten auf eigene Faust absichtlich Krankheitserreger freisetzen, glaube ist auch unrealistisch. Dazu müssten sie erstmal wissen, womit sie es zu tun haben. Wenn man sich in einem Labor nicht auskennt, dann ist es meistens nicht sofort ersichtlich, was genau in gekühlten oder gefrorenen Proben enthalten ist.

Außerdem werden diese Erreger auch nicht in Mengen aufbewahrt, dass sich der Einsatz als Biowaffe wirklich lohnen würde. Das ist nicht genug, dass man eine ganze Stadt damit einnebeln könnte und sich dann sicher sein kann, dass es eine Wirkung zeigt.

Es ist zu bezweifeln, dass die in den ukrainischen Biolaboren archvierten Erreger von den Russen bewusst als Biowaffen genutzt werden.  (Foto: IMAGO,  imago/photothek)
Es ist zu bezweifeln, dass die in den ukrainischen Biolaboren archvierten Erreger von den Russen bewusst als Biowaffen genutzt werden. imago/photothek

Wie zerstört man gefährliche Erreger? Wie schnell geht das?

Zerstört werden können diese Erreger durch autoklavieren. Dafür werden die Proben in einer Art Druckkochtopf, dem Autoklav, erhitzt – in der Regel auf 121° Celsius und diese Temperatur wird dann mindestens 20 Minuten gehalten. Dadurch werden alle Viren und Bakterien abgetötet werden. Für Prionen werden höhere Temperaturen benötigt.

Und das kann schnell gehen. Alle Labore, in denen mit Krankheitserregern gearbeitet wird, haben Autoklaven und es werden auch immer nur kleine Mengen der Proben aufbewahrt, da der Platz in den Ultratiefkühlschränken im Labor begrenzt ist. Große Forschungseinrichtungen haben auch zentrale Stellen mit großen Autoklaven, mit denen man nochmal viel mehr Proben auf einmal sterilisieren könnte.

Welche Folgen hätte das für die ukrainische Forschung?

Die Tiefkühltruhen in Laboren sind deren Archive und Schatzkisten. Andererseits ist Forschung in den meisten Fällen nichts Geheimes. Die Erreger und die Zelllinien, die in der Ukraine eingesetzt werden, die gibt es auch anderswo auf der Welt.

Es ist anzunehmen, dass es nach dem Krieg auch in der Wissenschaft eine Welle der Solidarität geben wird. Forschungseinrichtungen aus der ganzen Welt würden die ukrainischen Labore mit allem was sie brauchen, versorgen, damit sie so schnell wie möglich wieder weiterforschen können.

Das Hochsicherheitslabor des Robert Koch-Instituts erfüllt höchste Sicherheitssstandards.   (Foto: IMAGO, imago/Christian Ditsch)
Das Hochsicherheitslabor des Robert Koch-Instituts erfüllt höchste Sicherheitssstandards. imago/Christian Ditsch

Die Aufschriebe der Forschenden, die Dokumentationen, können über das Internet schnell außerhalb des Landes gesichert werden. Wahrscheinlich kann man nicht sofort nahtlos da ansetzen, wo man aufgehört hat. Aber die allermeisten Forschenden, vorausgesetzt sie können nach dem Krieg direkt weitermachen, verlieren wahrscheinlich nicht mehr als ein halbes oder ein ganzes Jahr, vielleicht in einigen Fällen auch mehr, aber es sind keine Jahrzehnte.

Insgesamt hat der Krieg an sich wohl den größeren Einfluss auf die Forschung, einfach weil momentan nicht gearbeitet werden kann.

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