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Mehr als vier Prozent der Erwachsenen haben chronische Ohrgeräusche, also Tinnitus. Forscher aus Dublin und Regensburg haben jetzt eine neue vielversprechende Behandlungsmethode vorgestellt.

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Fast jeder hat ab und an mal für kurze Zeit ein Pfeifen oder Klingeln im Ohr – quälend wird ein solches Störgeräusch, wenn es überhaupt nicht mehr weggeht: Chronischer Tinnitus heißt dann die Diagnose. Vor allem bei Menschen im Rentenalter häufen sich die Fälle. Manche Tinnitus-Opfer leiden massiv, bis hin zu Schlafstörungen und Depressionen.

Mit Medikamenten lassen sich die Phantomgeräusche nicht behandeln, aber Verhaltenstherapien und Neuro-Musiktherapie haben schon einigen Patienten geholfen. Jetzt haben Forscher aus Dublin und Regensburg im Fachblatt „Science Translational“ eine neue Behandlungsmethode vorgestellt.

Tinnitus trifft oft auch ältere Menschen. Da Medikamente meist wenig helfen, suchen Forschende nach alternativen Methoden. (Symbolfoto) (Foto: Imago,  imago/fStop Images)
Tinnitus trifft oft auch ältere Menschen. Da Medikamente meist wenig helfen, suchen Forschende nach alternativen Methoden. Imago imago/fStop Images

Elektrische Zungenimpulse sollen neue Schaltkreise im Gehirn aktivieren

Bimodale Neuromodulation nennt sich der neue Ansatz: Die Tinnitus-Patient*innen bekommen dabei per Kopfhörer unterschiedliche Geräusche vorgespielt. Gleichzeitig wird die Zungenspitze mit leichten elektrischen Impulsen stimuliert. Dafür muss man ein kleines Gerät auf die Zunge legen. Die Reize im Mund sollen unter anderem den Trigeminusnerv anregen. Mit einer Fernsteuerung lassen sich Töne und Zungenimpulse regulieren.

Diese Behandlung soll mit der Zeit dazu führen, dass neue Schaltkreise im Gehirn aktiviert werden und die Phantomgeräusche des Tinnitus überlagern. Das haben Wissenschaftler am Tinnituszentrum der Uni Regensburg und am St. James Hospital in Dublin bei 326 Probanden und Probandinnen über drei Jahre getestet.

Schlafstörungen oder auch Depressionen können mögliche Begleiterscheinungen von Tinnitus sein. (Foto: Imago,  imago images/Science Photo Library)
Schlafstörungen oder auch Depressionen können mögliche Begleiterscheinungen von Tinnitus sein. Imago imago images/Science Photo Library

Studienergebnisse teilweise verwirrend

Nach Angaben der Forscher*innen ist es die größte und längste Studie zu Tinnitus überhaupt. Die Probanden sollten die Behandlung zwölf Wochen lang täglich eine Stunde lang zu Hause durchführen. Das Ergebnis ist vielversprechend, allerdings sind die Zahlen etwas verwirrend:

78 Prozent der Probanden würden die Therapie weiterempfehlen. Von einem persönlichen Nutzen berichten jedoch deutlich weniger Versuchsteilnehmer: Lediglich zwei Drittel der Probanden bestätigten, dass ihnen die Therapie geholfen habe.

Mit Medikamenten heilen kann man Tinnitus bislang nicht. Mit Medikamenten lassen sich die Phantomgeräusche nicht behandeln, aber Verhaltenstherapien und Neuro-Musiktherapie haben schon einigen Patienten geholfen (Foto: Imago, imago images/Panthermedia)
Mit Medikamenten heilen kann man Tinnitus bislang nicht. Mit Medikamenten lassen sich die Phantomgeräusche nicht behandeln, aber Verhaltenstherapien und Neuro-Musiktherapie haben schon einigen Patienten geholfen Imago imago images/Panthermedia

Positiver Effekt der Behandlung auch nach Monaten

Nach der dreimonatigen Behandlung wurden die Geräte wieder eingesammelt. Trotzdem hielt die positive Wirkung bei vielen Teilnehmern an – häufig sogar ein ganzes Jahr. Selbst wer nicht jeden Tag mitmachte, konnte profitieren: Auch bei nur 36 Behandlungsstunden pro Vierteljahr war ein Effekt möglich.

Noch ist nicht klar, ob das wirklich ein Durchbruch in der Behandlung von chronischem Tinnitus ist.

Auch eine andere Studie zeigte positive Effekte der Neurostimulation

Und es ist auch nicht der erste Versuch mit bimodularer Neurostimulation bei Ohrgeräuschen: Vor zwei Jahren hatten Forscher der Universität von Michigan bei 20 Probanden schon einmal ähnliche Geräte getestet – allerdings mit einem genau umgekehrten Ansatz: Statt einer Überlagerung durch neue Reize versuchten die US-Forscher um Susan Shore, das Tinnitus-Phantomgeräusch genau zu treffen und von außen zuzuspielen.

Wenn sie diese Töne mit einem darauf abgestimmten elektrischen Impuls an Kopf oder Nacken kombinierten, ließ sich die Lautstärke des Tinnitus deutlich reduzieren. Die neue deutsch-irische Studie ist durch die höhere Teilnehmerzahl nun deutlich aussagekräftiger.

Durch die bimodulare Neurostimulation lässt sich die Häufigkeit und Intensität von Ohrgeräuschen wohl verringern. (Foto: Imago, imago images/Panthermedia)
Durch die bimodulare Neurostimulation lässt sich die Häufigkeit und Intensität von Ohrgeräuschen wohl verringern. Imago imago images/Panthermedia

Studien haben auch Schwächen

Aber sie hat auch klare Schwächen: unter anderem fehlte eine Kontrollgruppe – es bleibt also offen, welche Rolle der Placebo-Effekt bei der Behandlung spielt.

Der zweite Einwand: Die Studie in Science Translational Medicine ist vom Hersteller des Therapiegeräts in Auftrag gegeben, der Firma Neuromod aus Dublin. Die niederländische Psychologin Rilana Cima fordert deshalb weitere Versuche von unabhängigen Forschern – erst dann könne man über den Einsatz auf breiter Basis nachdenken.

Behandlung bisher nur an wenigen Orten mit teuren Geräten

In Deutschland ist die Behandlung im Moment in Frankfurt, Darmstadt, Hannover und Schweinfurt möglich – das dreiteilige Stimulationsgerät kostet allerdings mindestens 2500 Euro und muss von Fachleuten individuell eingestellt werden.

Hilfe finden Betroffene u.a. auch bei der Tinnitus-Selbsthilfe.

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