"Ötzi" wurde im September 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt. (Foto: IMAGO, imago)

Steinzeit-Mumie "Ötzi" wurde vor 30 Jahren entdeckt

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Heiner Wember
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Ralf Kölbel

Vor 30 Jahren, am 19. September 1991, wurde in den Ötztaler Alpen eine Mumie entdeckt. Älter und besser erhalten als alle anderen Mumien der Welt. Ein Mensch, genannt Ötzi, der uns genaue Details aus dem Leben seiner Zeit hinterließ und eine präzise Vorlage für den Spielfilm „Iceman“ lieferte.

Quelle: 3sat nano ORF

19. September 1991, ein heißer Tag nach einem heißen Sommer. Das Ehepaar Erika und Helmut Simon aus Nürnberg erschrickt sich an diesem sonnigen Herbsttag 1991 gewaltig, als es im Hochgebirge zwischen Österreich und Italien unterwegs ist:

Auf einem Schneefeld sehen sie etwas Braunes liegen. Sie denken zunächst an einen Bergsteiger, der vielleicht vor 20, 30 Jahren verunglückt ist.

 Das Foto vom 14. September.2016 zeigt Erika Simon, die ֖tzi-Finderin aus Nürnberg, an der Fundstelle der Mumie im ֖tztal.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Alexander M. Lohmann/Ötztal Tourismus/dpa)
Das Foto vom 14. September.2016 zeigt Erika Simon, die ֖tzi-Finderin aus Nürnberg, an der Fundstelle der Mumie im ֖tztal. Alexander M. Lohmann/Ötztal Tourismus/dpa

Medien-Hype nach Entdeckung von "Ötzi"

Bergungskräfte stemmen den Toten mit Presslufthammer und Skistöcken nach und nach aus dem Eis. Dabei zerstören sie Teile seiner Hüfte, ein Bestatter bricht beim Einsargen seinen Arm, der Gerichtsmediziner will die Leiche zur Bestattung freigeben. Bis entdeckt wir, dass dieser Mann schon lange tot ist.

Ein Medien-Hype bricht los. Der Name Ötzi setzt sich durch, ein Verbindung aus Ötztal und Yeti. Wenig respektvoll gegenüber einem Toten. Getoppt nur noch durch den englischen Spitznamen „Frozen Fritz“. Heute liegt der Mann tiefgefroren im Südtiroler Archäologie-Museum in Bozen. Und zieht massenweise Besucher an. Er beflügelt die Phantasie der Menschen und er lässt die Kassen klingeln. Der Südtirol-Tourismus profitiert von Ötzi. Vor allem aber die Wissenschaft. Der Mann aus dem Eis, er ist unser wichtigster Zeuge für das Leben in der Steinzeit.

Fernsehbild der Bergung der rund 5.000 Jahre alten Leiche "֖tzi", die am 19. September 1991 im Gletschergebiet der südtiroler Alpen von deutschen Urlaubern gefunden wurde (Archivbild September 1991 (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Reportdienste)
Fernsehbild der Bergung der rund 5.000 Jahre alten Leiche "֖tzi", die am 19. September 1991 im Gletschergebiet der südtiroler Alpen von deutschen Urlaubern gefunden wurde (Archivbild September 1991). picture-alliance / Reportdienste

Das weiß man heute über den Mann aus den Bergen

Der Mann ist auf der Flucht über die Berge. An diesem Tag vor 5.300 Jahren macht er Rast und isst in der Kälte etwas Steinbock-Fleisch mit Getreidebrei. Einige Tage zuvor ist er in einen Nahkampf geraten, Um sich zu schützen, hat er die Hände vors Gesicht gehalten. Die tiefe Schnittwunde verheilt inzwischen, denn an den Wundrändern haben sich neue Zellen gebildet. Gegen Entzündungen weiß der Mann sich zu helfen. Er hat einen antiseptischen Pilz bei sich.

Schon Gletschermann "Ötzi" litt unter schlechten Zähnen. (Foto: picture-alliance / Reportdienste,  R. Seiler / Zentrum für Evolutionäre Medizin (ZEM) dpa)
Schon Gletschermann "Ötzi" litt unter schlechten Zähnen. Ähnlich wie heutige Menschen plagten ihn vor mehr als 5.000 Jahren Karies und Parodontitis. Obendrein war einer seiner Frontzähne - vermutlich unfallbedingt - abgestorben. R. Seiler / Zentrum für Evolutionäre Medizin (ZEM) dpa

Der Steinzeit-Mensch hatte Schuhgröße 38 und trug einen Vollbart

Überhaupt ist dieser Steinzeit-Mensch bestens ausgestattet. An Kleidung trägt er vor allem Leder und Fell von Ziege, Kalb, Bär und Hirsch. Die ledernen Schuhe sind mit Heu ausgestopft. Schuhgröße 38. Mit einer Art einfachem Profil. Bergschuhe halt. Er trägt leggingsähnliche Beinkleider, Gürtel und Lendenschurz. Ein ledernes Obergewand aus Fell. Auf dem Rücken hat er eine Trage. Den Kopf wärmen lange Haare, eine Mütze und ein Vollbart.

Alpenüberquerungen sind für Menschen wie ihn nichts Besonderes. Es gibt viele Handelskontakte. Eine sehr komplexe Welt, in der es auch Sprachen gegeben haben muss.

Ötzi Rekonstruktion in Herxheim (Rheinland-Pfalz).  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Uwe Anspach/dpa)
Wissenschaftler*innen bringen ständig neue Erkenntnisse über den Mann aus dem Eis ans Licht. Möglich machen es moderne Verfahren der Genanalytik. Uwe Anspach/dpa

In der Zeit von "Ötzi" gab es bereits sesshafte Menschen

Hier in den Bergen schläft er nachts in Höhlen. Doch im Flachland gibt es bereits große Häuser. Die Menschen in den Ebenen sind zu dieser Zeit sesshaft geworden, bauen Getreide an, halten Haustiere, backen am Feuer in den Häusern ihre Fladenbrote. Keine unberührte Natur mehr, sondern erste Wellen an Überbevölkerung und Raubbau durch Bodenerosion.

Ausstellungsraum mit Ötzi-Nachbildung im Südtiroler Archäologiemuseum in Bozen. (Foto: IMAGO, imago/MiS)
In einem Ausstellungsraum des Südtiroler Archäologiemuseums in Bozen ist auch Ötzi-Nachbildung zu sehen. Er trug Pfeil und Bogen und auch ein Beil aus Kupfer. imago/MiS

Ötzi trug ein Beil aus Kupfer

Feuer ist für alle überlebenswichtig. Unser Mann hat es immer dabei. Ein kleines Birkengefäß mit glühender Holzkohle. Wo immer er auch ist, kann er Feuer machen, sich wärmen, Tiere abschrecken, Fleisch garen.

Er kommt viel herum, Sommer wie Winter. Unser Mann hat als Waffe ein Kupferbeil am Gürtel. Mit dem er allerdings auch Bäume fällen kann. Sehr wertvoll, das hat nicht jeder. Wegen des Metalls wird dieser späte Teil der Jungsteinzeit auch Kupferzeit genannt.
Auf dem Rücken trägt er seinen Bogen und einen Köcher mit Pfeilen. An der Seite hat er einen prestigeträchtigen Feuerstein-Dolch und sein kupfernes Beil. Am Gürtel hängt eine Tasche mit kleineren Werkzeugen.

Von Zecken, anderen Parasiten und Fußpilz geplagt

Der zottelige, dick eingepackte Kerl mit braunen Augen und braun gewelltem Haar, hat seine besten Jahre hinter sich. Er ist etwa 45, für seine Zeit ein Greis. Zecken müssen ihn heimgesucht haben, denn er hat Borrelien im Blut. Zwischen seinen Zehen sprießt schmerzender Fußpilz. Die Knochen tun ihm weh, denn ihn plagt Arthritis.

Flöhe quälen ihn, er hat Peitschenwürmer und einen erfrorenen Zeh. Die Zähne sind abgenutzt, die Blutgefäße verkalkt. Die Lungen von innen schwarz. Er hat wohl zu oft nah am Feuer gesessen. Ungefähr eins sechzig ist er groß und wiegt um die 50 Kilo. Also kein Gramm zu viel.

Forscher sind bei der Probenahme des Mageninhaltes der Mumie (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance / Reportdienste)
Hier untersuchen Forscher den Mageninhalt von Ötzi (Archivbild aus dem Jahre 2010.) picture-alliance / Reportdienste

Ötzi wurde von einem Pfeil getötet

Ob er ein Händler ist, ein Jäger oder Sammler, Krieger oder Schamane, das wissen wir nicht. Allerdings ist er tätowiert. Seine Haut trägt mehr als 50 kleine Gravierungen: Strichbündel und Kreuze.
An diesem Frühlingstag vor über 5.000 Jahren ist der alte Mann auf der Flucht Richtung Norden. Am Tisenjoch in den Ötztaler Alpen, 3208 Meter hoch. Er wird den Angreifer nicht gesehen haben.

Der Pfeil trifft ihn von hinten in die linke Schulter. Er verblutet schnell und stirbt. Die Kälte hüllt ihn ein, Eis bedeckt und konserviert seinen Körper. Und genau hier wurde über 5.000 Jahre, am 19. September 1991 von einem Ehepaar aus Nürnberg entdeckt.

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