OMPRIS ist ein Onlineportal, das Internet- und Computerspielsüchtigen eine kostenlose und dennoch professionelle Hilfe verspricht. (Foto: imago images, Imago Felix Jason)

Psychologie

Internetsucht: Das neue Online-Portal OMPRIS soll helfen

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Beim Computerspielen oder der Nutzung sozialer Netzwerke kennen viele Nutzer*innen keine Grenzen. Ein neues Online-Angebot verschiedener Fachkliniken soll Betroffenen helfen, von ihrer Internetsucht loszukommen.

Sie sitzen oft stunden-, tage- oder nächtelang lang ohne Pause vor dem Bildschirm. Sie halten sich mitunter wach mit aufputschenden Getränken und vernachlässigen ihre alltäglichen Aufgaben: Wenn Online-Spiele, soziale Netzwerke, Porno-Filme, Youtube-Videos oder virtuelle Spielcasinos das ganze Leben bestimmen, kann zweifellos von Sucht gesprochen werden.

Internet-Süchtige nehmen nur selten professionelle Hilfe in Anspruch

Mittlerweile ist Internetsucht als psychische Störung anerkannt. Doch: Die Hemmschwelle für Betroffene, Suchtberatungsstellen oder andere Hilfen aufzusuchen, ist groß. Nicht selten fehlt es auch am Bewusstsein, dass sich hinter dem Online-Zeitvertreib überhaupt eine Sucht verbirgt. OMPRIS nennt sich ein neues und bundesweit bislang einmaliges und kostenloses Angebot verschiedener Fachkliniken, das Betroffenen online helfen will.

OMPRIS steht für: Onlinebasiertes Motivationsprogramm zur Reduktion des problematischen Medienkonsums und Förderung der Behandlungsmotivation bei Menschen mit Computerspielabhängigkeit und Internetsucht.

Entwickelt wurde das Projekt OMPRIS an der LWL-Klinik für psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum. Dr. Jan Dieris-Hirche leitet dort die Mediensuchtambulanz. Dieris-Hirche versucht, sich in die Gedankenwelt eines Onlinesüchtigen hineinzuversetzen:

„Wenn ich wählen könnte, dann würde ich wählen, in der virtuellen Welt zu leben, nicht in der realen Welt, weil die ist in vielen Dingen komplizierter und schwerer.“

Spielsüchtige leben oft in ihrer eigenen, virtuellen Welt. Mit dem realen Leben haben sie häufig Probleme. (Foto: imago images, imago images / Westend61)
Spielsüchtige leben oft in ihrer eigenen, virtuellen Welt. Mit dem realen Leben haben sie häufig Probleme. imago images / Westend61

Äußere Faktoren bringen zum Nachdenken

Oft sind es äußere Faktoren, die Betroffene zum Nachdenken über ihr Verhalten zwingen:

  • Die schlechten Schulnoten.
  • Das abgebrochene Studium.
  • Die gescheiterte Ausbildung.
  • Die vermurkste Beziehung.
  • Oder ständig dicke Luft im Elternhaus.
Internetsüchtige haben oft Konflikte in ihrem Elternhaus. Das spielt auch bei der Therapie eine nicht zu unterschätzende Rolle. (Foto: imago images, imago/epd)
Internetsüchtige haben oft Konflikte in ihrem Elternhaus. Das spielt auch bei der Therapie eine nicht zu unterschätzende Rolle. imago/epd

Gerade bei Onlinesucht oder Computerspielsucht seien es, so Dieris-Hirche, oft die Eltern, die an ihren KIndern zerren, weil der Sohn oder die Tochter zu viel online ist:  "Junge, du musst was verändern, hör' auf zu spielen, mach mal aus."

Dieses Problem spüren Jan Dieris-Hirche und seine Mitarbeiter*innen auch in der Klinik. Bei der stationären aber auch der ambulanten Behandlung, geht es, so Dieris-Hirche, vor allem darum, Motivation zu fördern. Das gilt auch für die Onlineberatung von Onlinesüchtigen:

„Wir versuchen Menschen dort abzuholen, wo sie süchtig sind, nämlich direkt im Internet.“

Freundlich, niederschwellig und sehr motivierend treten die Mitarbeiter von OMPRIS auf. Angesprochen werden dabei zwei verschiedene Zielgruppen von Teilnehmern:

  • Betroffene, die vorbeugend beraten werden, das heißt, die noch keine Sucht ausgebildet haben aber erste Symptome zeigen.
  • Sowie die harten User mit starkem Suchtverlangen.
Poster zum Thema Spielsucht in der Beratungsstelle für Computerspiel- und Internetabhängige des Caritasverbands Berlin, Lost in Space (Verloren im Raum). (Foto: imago images, imago/epd)
Poster zum Thema Spielsucht in der Beratungsstelle für Computerspiel- und Internetabhängige des Caritasverbands Berlin, Lost in Space (Verloren im Raum). imago/epd

Computerspielsüchtige haben oft soziale Ängste

„Wenn ein Computerspielabhängiger in seinem Leben täglich zehn, zwölf, vierzehn Stunden spielt und das über Jahre, dann führt das dazu, dass viele Dinge des Alltags aber auch des Erwachsenenwerdens nicht stattfinden. Also zwischenmenschliche Beziehungen, Erfahrungen, Frustration aushalten. Und natürlich soziale Ängste.
Wenn ich alle meine sozialen Beziehungen online erlebe, dann kann ich das schnell wegklicken, wenn es schwierig wird aber im sozialen Leben ist es ja nicht so leicht. Dann sehen wir ganz häufig bei den schwersüchtigen Menschen auch zwischenmenschliche Defizite.“

Schaffung von Strukturen soll Internetsüchtigen helfen  

Bislang sind bundesweit vier Kliniken an diesem Projekt beteiligt, darunter die psychosomatische Abteilung der Universitätsmedizin Mainz, , Teams aus Ärzten, Psychologen und Sozialarbeitern erarbeiten individuelle Beratungs- und Betreuungsangebote.

Wenn nötig, gibt es auch Beratung bei Fragen rund um staatliche Hilfeleistungen, Schulden oder andere soziale Probleme. Die Betroffenen nehmen an zwei Online-Sitzungen in der Woche teil. Laura Bottel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Universitätsklinikum Bochum und hilft Online- oder Computersüchtigen, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.

„In der ersten Woche geht es darum zu besprechen, wo liegt denn der Leidensdruck, wo liegen die Probleme und was möchte die oder der gerne verändern. Um dann zu schauen, wie können wir denjenigen unterstützen. Insbesondere spielt dann in der zweiten Woche Strukturen schaffen eine Rolle. Tag-Nacht-Rhythmus herstellen, dass regelmäßig gegessen wird, und all diese Strukturen, die nicht vorherrschen, daran zu arbeiten. In der dritten Woche geht’s sehr stark darum, was gibt es denn noch  für alternative Handlungsstrategien, was macht sonst noch Spaß? Was sind meine Lebensziele? In der vierten Woche geht es darum, alles was wir davor erarbeitet haben zu verfestigen.“

OMPRIS ist ein Onlineportal, das Internet- und Computerspielsüchtigen eine kostenlose und dennoch professionelle Hilfe verspricht. (Foto: imago images, imago images/Manfred Segerer)
OMPRIS ist ein Onlineportal, das Internet- und Computerspielsüchtigen eine kostenlose und dennoch professionelle Hilfe verspricht. imago images/Manfred Segerer

Niederschwelliger Einstieg in eine therapeutische Behandlung

Ziel sei es, innerhalb von vier Wochen intensiv mit dem oder der Spielsüchtigen in Kontakt zu kommen, zu fragen, warum es hilfreich sein kann, das Problem anzugehen. Betroffene sollen sich wieder an echte Beziehungen herantrauen, mit allen möglichen Risiken und Konflikten und Chancen, um so nach und nach wieder ins normale Leben zurückzufinden.

Dabei versteht sich OMPRIS nicht als eigenständige Therapie sondern mehr als Lern- und Lebenshilfe, Motivationsinstrument und für Menschen mit ausgeprägtem Suchtverhalten als niederschwelliger Einstieg in eine therapeutische Behandlung.

„Es ist wirklich dafür gedacht, dass entweder frühzeitig durch Medienpädagogik ein guter Weg eingeschlagen werden kann in der eigenen Mediennutzung, oder Menschen danach sagen: Das stimmt, jetzt suche ich mir vor Ort irgendeine Hilfe, gehe zum Psychotherapeuten oder Suchtberatungssstelle.“

Smartphones gehören gerade unter Jugendlichen zum Alltag. Doch die Grenzen zur Onlinesucht sind fließend.  (Foto: imago images, imago/Bildgehege)
Smartphones gehören gerade unter Jugendlichen zum Alltag. Doch die Grenzen zur Onlinesucht sind fließend. imago/Bildgehege

Eltern sollen klare Regeln für den Medienkonsum geben

Aber auch die Familie hat schon vor oder zu Beginn einer möglichen Sucht eine besondere Verantwortung, betont Psychotherapeut Jan Dieris-Hirche. Nur die Hälfte der Eltern haben einer aktuellen Studie zufolge Regeln zum Medienkonsum ihrer Kinder aufgestellt.

„In den Familien muss klar sein, dass nicht nur eine Erziehung wie esse ich richtig am Tisch oder wie schlafe ich, sondern auch wie gehe ich mit einem Smartphone oder mit Internet um. Das ist ein Aspekt, der innerhalb von Familien noch fehlt. Da muss noch eine Menge passieren.“

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