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Ein großer Teil der in Deutschland verkauften Schnittblumen werden im Ausland oft unter fragwürdigen Bedingungen produziert. Gibt es Alternativen?

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Schnittblumen aus dem Ausland: viel Pestizide, wenig Arbeitnehmerrechte

Schnittblumen bringen Farbe in die Wohnung, das ganze Jahr über. Auch im Herbst und im Winter, wenn draußen im eigenen Garten kaum noch was blüht. Ein großer Teil – nämlich rund viereinhalb Milliarden – der jährlich in Deutschland verkauften Schnittblumen kommt aus dem Ausland. Ein Großteil aus den Niederlanden, aber auch aus Nicht-EU-Staaten wie Kenia, Äthiopien, Kolumbien und Ecuador.

Die Bedingungen, unter denen die Blumen produziert werden, sind dort allerdings oft schlecht – sowohl für die Natur als auch für die Menschen vor Ort: viel Pestizide, wenig Arbeitnehmerrechte.

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Slow-Flowers-Bewegung für nachhaltige Blumen

Sollte man auf Import-Blumen also am besten ganz verzichten? So einfach ist die Lösung auch wieder nicht. An welchen Blumen kann man sich mit gutem Gewissen freuen – hier aus der Gegend und auch aus der Ferne?

Malin Lüth, 29 Jahre, hat bei Müllheim südlich von Freiburg einen Blumenacker, auf dem sie Blumen unter nachhaltigen Bedingungen züchtet:

Malin Lüth, Slow Flowers - Blumenproduzentin

Auf diesen 6000 Quadratmetern habe ich ungefähr 300 Sorten. Also 100 verschiedene Kulturen, aber dann jeweils noch verschiedene Farben.

Malin Lüth gehört mit ihren Blumen zur Slow Flowers-Bewegung. Die stammt aus Nordamerika und wächst seit ein paar Jahren auch in Deutschland. Das Konzept, grob zusammengefasst: Nachhaltiger Blumenanbau ohne Pestizide und Kunstdünger, regional vermarktet – und immer nur Sorten, die gerade Saison haben.

Gute Bedingungen für Blumen und Menschen

Slow Flowers beinhaltet halt, dass sie wirklich langsam wachsen, in ihrem ganz normalen, natürlichen Rhythmus. Und das „Slow“ bedeutet für mich auch, dass da viel Handarbeit drin ist, dass da ein Mensch dahinter ist, der sich darum kümmert. Das ist auch industriellen Betrieben so – aber dem Menschen geht es bei Slow Flowers gut.

Malin Lüth, Slow Flowers - Blumenproduzentin

Blumenanbau in Afrika - meist schlechte Arbeitsbedingungen

Damit sind Slow Flowers ein Gegenentwurf zur industriellen Blumenproduktion in südlichen Ländern. In Kenia arbeiteten rund 900.000 Menschen auf den Plantagen, meist Frauen – und oft unter schlechten Bedingungen, erzählt Irene Nyambura von der dortigen Landarbeiter-Gewerkschaft KPAWU im Skype-Interview:

Es gibt Blumenfarmen mit Tarifvertrag und Gewerkschaft – und solche ohne. Auf den Farmen ohne Tarifverträge sieht man, dass die Beschäftigungsbedingungen für die Arbeiter problematisch sind.

Irene Nyambura ,Landarbeiter-Gewerkschaft KPAWU
Blumenanbau in Kenia. Schnittblumen werden oft unter schlechten Arbeitsbedingungen und mit massiven Pestizideinsatz produziert. (Foto: Imago,  imago/Xinhua)
Schnittblumen werden oft unter schlechten Arbeitsbedingungen und mit massiven Pestizideinsatz produziert. Imago imago/Xinhua

Nachfrage nach Blumen durch Corona stark gesunken

30 Prozent der Betriebe betreffe das, sagt Nyambura – und berichtet von befristeten Ketten-Verträgen, von sexueller Belästigung und Outsourcing, bei dem am Ende niemand den oft ohnehin geringen Lohn zahlen will. Und jetzt mit Corona sei die Blumennachfrage international eingebrochen, alles schlimmer geworden, sagt Nyambura noch – selbst bei Unternehmen, die sich normalerweise an Tarifverträge halten.

Die Frage, wie sicher die Arbeitsplätze sind, betrifft jetzt alle Farmen. Denn wegen der Pandemie ist es schwer, einen Tarifvertrag überhaupt noch anzuwenden. Ein Großteil der Arbeiter wurde entlassen. Und manche bekommen nur noch die Hälfte des Lohnes oder haben unbezahlten Urlaub.

Irene Nyambura ,Landarbeiter-Gewerkschaft KPAWU
Durch Corona ist die Nachfrage nach Schnittblumen deutlich gesunken. Das bekommen auch die Mitarbeiter*innen der Branche im Ausland, wie hier in Kenia, zu spüren. (Foto: Imago, imago/Xinhua)
Durch Corona ist die Nachfrage nach Schnittblumen deutlich gesunken. Das bekommen auch die Mitarbeiter*innen der Branche im Ausland, wie hier in Kenia, zu spüren. Imago imago/Xinhua

Blumen aus Fairtrade-Anbau als Alternative

Für viele Plantagenarbeiterinnen ein existentielles Problem: Sie haben keinerlei anderes Einkommen. Würden die Verbraucher hierzulande Importblumen wegen mangelnder Arbeitnehmerrechte komplett boykottieren – dann wäre das aus Sicht der Beschäftigten gerade in Corona-Zeiten ein denkbar schlechtes Signal.

Ein guter Kompromiss aus Sicht vieler Fachleute können da Blumen aus Fairtrade-Anbau sein. Dieses Siegel sichere faire Arbeitsbedingungen, sagt Claudia Brück aus dem Vorstand bei Transfair. Dieser Verein vergibt das Siegel.

Ganz konkret geht es darum, Arbeitsverträge abzuschließen, dass es keine Tagelöhner sind, sondern dass ein festes Arbeitsverhältnis vorliegt. In dem dann auch die Arbeitenden Anrecht haben auf Pensionsleistungen oder auf Krankheitsschutz oder auf Mutterschutz.

Claudia Brück, Transfair
Rosenzucht in Kenia (Foto: Imago, imago/Xinhua)
Rosenzucht in Kenia - FairTrade-Blumen kommen zwar nicht ganz ohne Pestizide aus, aber es kommen weniger gefährliche Substanzen zum Einsatz und die Bedingungen für die Arbeiter*innen sind in der Regel besser. Imago imago/Xinhua

Faitrade Blumen mit weniger gefährlichen Pestiziden

Und außerdem gibt es bei Fairtrade ein Prämiensystem für die Blumenfarmen. Wie dieses Extra-Geld verwendet wird, dürfen die Mitarbeiter selbst entscheiden. Derzeit in der Covid-Zeit werden diese Prämien, so Brück, vor allem Präventivmaßnahmen für den Gesundheitsschutz genutzt, um beispielsweise Masken auszuteilen, Essen zu verteilen, weil die Situation so schwierig sei.

Auch in Sachen Pestizide sind Fairtrade-Farmen meist einen Schritt voraus: Viele der besonders gefährlichen Substanzen sind bei Fairtrade verboten. Ganz ohne gehe es aber einfach nicht, so Claudia Brück – denn:

Im Bereich Pestizide sind wir in einem großen Spagat, dass Verbraucherinnen und Verbraucher hierzulande nur eine absolut makellose Rose kaufen möchte. Sobald die ein bisschen Fraß oder Pilzbefall zeigt, ist die ja unverkaufbar. Und diese Rose ist nur möglich auch mit Pestizid-Einsätzen.

Claudia Brück, TransFair

Immerhin: Die erlaubten Pestizide würden möglichst sparsam verwendet, erläutert Brück – und die Mitarbeiter trügen Sicherheitskleidung. Mehr Umweltschutz, mehr Gesundheitsschutz, mehr Arbeitnehmerrechte also. Und was kosten solche Blumen den Verbraucher dann extra? Für Verbraucher macht dieser Fairtradeansatz einen Preisunterschied von zirka zehn Prozent aus.

Tulpenzucht in den Niederlanden: riesige Felder für den internationalen Markt. (Foto: Imago, imago blickwinkel/M.Woike)
Tulpenzucht in den Niederlanden: riesige Felder für den internationalen Markt. Imago imago blickwinkel/M.Woike

Bio-Blumen sind bisher ein Nischenprodukt

Eine komplett pestizidfreie Alternative zu den Importen sind natürlich auch heimische Bio-Blumen. Als Nischenprodukt zu finden etwa auf Wochenmärkten und in Bioläden, in speziellen Blumengeschäften und Gärtnereien.

Malin Lüth hat mit ihren Slow Flowers vor kurzem sogar den Sprung in einen regionalen Supermarkt geschafft – und sie hat ein zweites Feld hinzu gepachtet. Besser hätte ihre erste Anbausaison kaum laufen können.

Auf diesem Acker jubelt es einfach ständig in mir. Ein Traumort für mich.

Malin Lüth, Slow Flowers - Blumenproduzentin
Bio-Blumen findet man am ehesten auf Wochenmärkten. (Foto: Imago, imago images/Hans Lucas)
Bio-Blumen findet man am ehesten auf Wochenmärkten. Imago imago images/Hans Lucas
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