Kolosseum in Rom (Foto: IMAGO, IMAGO / xWALTERxZERLAx)

Archäologie

Antiker Müll: Das verrät er über die Snacks der Kolosseumsbesucher

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AUTOR/IN
Thomas Migge
ONLINEFASSUNG
Leila Boucheligua

Müll aus der Antike: Ein Forschungsthema, bei dem es noch einiges zu entdecken gibt. Nun wurden erstmals die Müllreste in der Kanalisation unter dem Kolosseum in Rom untersucht. Die Funde zeigen, welche Snacks im Amphitheater verzehrt wurden.

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Müll aus der Antike

Die größte antike Müllkippe befindet sich in Rom: Der Monte Testaccio, ein Hügel ganz aus Amphorenresten aus vielen Jahrhunderten. Daneben gibt es in Rom die antike und noch immer funktionstüchtige Cloaca Maxima. Sie ist das erste unterirdische Abwassersystem.

Ein Teil dieser antiken Kanalisation gehört zur riesigen Arena des Kolosseums. Zum ersten Mal sind Forschende nun der Frage nachgegangen, ob und was uns die in dieser Kanalisation befindlichen Müllreste über die früheren Besucherinnen und Besucher des Kolosseums sagen können. 

Der Müll und das Kolosseum

Plastikflaschen, Papierverpackungen und Dosen auf den Grünflächen rund um das Kolosseum – Italiens Medien berichten immer wieder über die Abfälle in direkter Umgebung des am meisten besuchten historischen Monuments in Rom. Die Stadtverwaltung scheint sich nicht weiter um die Rückstände zu kümmern.

Im antiken Rom wurde der Müll beim und im Kolosseum entsorgt – durch eine „cloaca“ unterhalb des riesigen Gebäudes. Zum ersten Mal wurden diesen Abwasserkanäle nun von Forschenden untersucht, berichtet Alfonsina Russo, Archäologin und Direktorin des archäologischen Parks des Forum Romanum und des Kolosseums.

Mit einem Forschungsprojekt haben wir die Abwasserkanäle der Arena zum ersten Mal überhaupt genau erforscht. Dabei haben wir natürlich auch das untersucht, was sich in diesen Kanälen in den Jahrhunderten der Aktivität des Amphitheaters angesammelt und abgelagert hat.

Die Fachleute haben in den mehrere Zentimeter dicken Ablagerungen am Boden der Kanäle gegraben. Sie forschten nach den biologischen Rückständen aus jener langen Zeitspanne – vom Jahr 80 nach Christus, dem Jahr der Einweihung des Kolosseums, bis zur letzten Veranstaltung im Jahr 523 – als bis zu 60.000 Menschen täglich im Kolosseum zusammenkamen.   

Komplizierte Grabungen unter der Erde

An dem Forschungsprojekt beteiligt waren neben Archäologen auch Biologen, Höhlenforscher und Chemiker. Bei ihren umfassenden stratigrafischen Grabungen wurde Schicht für Schicht der antike Müll freigelegt. Einfach war das nicht, wie Russo erklärt:

Wir haben uns bei diesem Projekt vor allem auf den südlichen Teil des Abwassersystems der Arena konzentriert. Ein rund 70 Meter langer Teilabschnitt, dessen Erforschung kompliziert war, denn die Arbeiten mussten in einem niedrigen künstlichen Schacht unter der Erde realisiert werden. Hier war die Arbeit der Höhlenforscher wichtig, die seit Jahren die unterirdischen römischen Bauwerke erforschen. 

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden heraus, dass die antiken Römer bei ihren Besuchen der blutrünstigen Veranstaltungen im Kolosseum nicht auf Essen und Trinken verzichteten. Im Gegenteil: Die Forschenden gewannen aufgrund der entdeckten biologischen Rückstände den Eindruck, dass die Römer sich vom Töten von Tieren und Gladiatoren den Appetit nicht verderben ließen.  

Snacks der antiken Kolosseumsbesucher

Popcorn, Nachos? Nein, die Forschenden entdeckten massenweise Rückstände von Samenkörnern, Nüssen und Kerne von Früchten wie etwa von Pflaumen, Weintrauben, Feigen, Kirschen, Pfirsichen, Pinien, Oliven und Wassermelonen. Den Archäologen zufolge brachten die Kolosseumsbesucher diese Snacks von zu Hause mit oder sie kauften sie an den vielen Buden vor den Eingängen in die Arena.

Das Kolosseum in Rom von innen (Foto: IMAGO, IMAGO / Frank Bienewald)
Bei ihren Ausgrabungen fanden die Forschenden Rückstände von verschiedenen Snacks, die die früheren Besucher des Kolosseums während der Veranstaltungen im Amphitheater zu sich genommen haben. IMAGO / Frank Bienewald

Konsumiert wurden die Snacks während der Spektakel auf den Sitzbänken. Die Rückstände wurden damals einfach zu Boden geworfen, da es noch keine Mülleimer gab wie wir sie heute kennen. Im Anschluss an die Veranstaltungen wurde dieser Müll von Sklaven zusammengefegt und in die Öffnungen der Kanalisation geworfen.

Die Forschenden fanden auch noch andere Rückstände, berichtet die an dem Projekt beteiligte Archäologin Federica Rinaldi: 

Verifiziert wurden auch Knochenreste von Säugetieren, von Schweinen, Ziegen und Kühen, aber auch von Hirschen. Wir entdeckten Knochen von Vögeln, die die Römer in gebratener Form während der Veranstaltungen verzehrten, darunter auch Knochen des afrikanischen Emus und Knochen von Schildkröten. Knochenreste von Pferden, Löwen und auch Bären stammen von Tieren, die während der Veranstaltungen im Amphitheater zum Einsatz kamen.

Das Kolosseum wurde bei Veranstaltungen in Präsenz eines Kaisers oder von Senatoren in der Regel festlich geschmückt. Das ist aus antiken Schriften bekannt. Im Abwassersystem der Arena wurden so auch Rückstände von Buchsbaum- und Lorbeerblättern gefunden. Das waren die beiden typischen Pflanzen, mit deren Ästen und Blättern das Amphitheater verschönert wurde.  

Auch antike Alltagsgegenstände im Abwassersystem gefunden

Anscheinend langweilten sich die Römer zeitweise während der viele Stunden andauernden Veranstaltungen im Kolosseum. Bei ihren Grabungen entdeckten die Forscherinnen und Forscher auch eine Vielzahl an Spielwürfeln. Einer Vermutung nach könnten sich die Kolosseumsbesucher mit diesen Würfeln aus Elfenbein oder Horn in Pausen die Zeit vertrieben haben.

Auch andere Gegenstände der Besucher wurden ausgegraben, wie kleine Nägel von Lederschuhen mit einer dicken Sohle, Lederreste von Schuhen und Gürteln sowie Gürtelschnallen aus Metall oder Tierhorn. Auch Geld aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus wurde gefunden, insgesamt 53 Bronzemünzen. Auf die Frage, wie diese Münzen in den Müll und in das Abwassersystem gelangt sind, können die Archäologen keine sichere Antwort geben.  

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