Medizin

Epilepsie: Neue Ansätze bei Therapie und Hilfen im Alltag

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INTERVIEW
Prof. Andreas Schulze-Bonhage
MODERATOR/IN
Christine Langer
ONLINEFASSUNG
Ralf Kölbel

Fachleute diskutieren zum Beispiel das autonome Fahren für Menschen, die wegen einer Epilepsie ansonsten nicht ans Steuer dürfen. Außerdem könnten mobile Tracker präzise Daten über epileptische Anfälle sammeln und die Therapie völlig verändern.

Ungefähr 400.000 bis 800.000 Menschen haben in Deutschland Epilepsie, und jedes Jahr gibt es ungefähr 30.000 neue Fälle. Fragen an Professor Andreas Schulze-Bonhage, Leiter des Epilepsiezentrum an der Uniklinik Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Epilepsie:

Autofahren ist für Epileptiker tabu. Gilt das für alle?

Autofahren erfordert ja, dass man sich kontinuierlich konzentrieren und auch kontinuierlich auf verschiedene Reaktionen im Verkehr reagieren kann. Und es gibt nun tatsächlich einzelne Formen von epileptischen Anfällen, wo das kein Problem darstellt. Aber bei vielen Formen von epileptischen Anfällen ist es so, dass entweder die Reaktionsfähigkeit oder aber auch die Wahrnehmungsfähigkeit begrenzt sein kann während eines epileptischen Anfalls.

Das liegt daran, dass bestimmte Hirnareale während eines epileptischen Anfalls nicht normal funktionieren und damit zum Beispiel die Wahrnehmung eingeschränkt sein kann oder auch die Steuerung der Motorik. Das könnte bedeuten, dass zum Beispiel das Lenken beim Auto oder das Bremsen verzögert erfolgen kann, wenn ein solcher epileptischer Anfall vorliegt. Und deshalb können epileptische Patienten normalerweise nicht Auto fahren. Es sei denn, dass es durch die Behandlung gelungen ist, dass sie ein Jahr lang anfallsfrei sind.

Epileptiker*innen fühlen sich oft ausgegrenzt, weil sie in der Regel nicht selbst ein Auto steuern dürfen. Auch im normalen Straßenverkehr kann ein epileptischer Anfall zum "falschen Zeitpunkt" schnell gefährlich werden. (Foto: IMAGO, imago/teutopress)
Epileptiker*innen fühlen sich oft ausgegrenzt, weil sie in der Regel nicht selbst ein Auto steuern dürfen. Auch im normalen Straßenverkehr kann ein epileptischer Anfall zum "falschen Zeitpunkt" schnell gefährlich werden. imago/teutopress

Könnte autonomes Fahren eine Hoffnung für Epileptiker sein?

Ja, ich denke, das ist eine ganz große Hoffnung von Epilepsie-Patienten, dass sie durch dieses autonome Fahren an Mobilität gewinnen können. Im Moment ist die Voraussetzung dafür in vielen Ländern zumindest, dass der Fahrer doch noch jeder Zeit eingreifen kann, sodass wir also schon noch eine Stufe der Entwicklung weitergehen müssten. Diese müsst ermöglichen, dass man das nicht mehr verlangt, sondern dass man autonome Fahrzeuge hat, die zumindest in einer Situation, wo ein Computersystem zum Beispiel überfordert ist, beim Fahren dann eine automatische Sicherheitsreaktion hat. Zum Beispiel, dass das Auto dann anhält.

Wie geht es jemandem, wenn dieser Epilepsie im Alltag hat?


Ein Problem der Epilepsien ist, dass man leider nicht vorhersehen kann, wann diese epileptischen Anfälle auftreten. Eigentlich ist es so, dass die Patienten 99,9% der Zeit eigentlich ganz gesund sind und eigentlich alles machen können. Aber da man nicht weiß, wann ein Anfall kommt, ist es in der Tat so, dass ein Patient, wenn er aus dem Haus geht, jederzeit damit rechnen muss, dass ein Anfall auftreten kann.

Zum Beispiel auch, wenn er sich in einer gefährlichen Verkehrssituation befindet, zum Beispiel die Straße überquert. Oder aber, wenn er bestimmte Hobbys macht, meinetwegen schwimmen, dass er auf einmal untergehen kann, weil er das nicht weiter koordinieren kann. Deshalb beeinträchtigt diese Krankheit die Patienten schon sehr, obwohl sie eigentlich nur immer ganz kurze Zeiträume wirklich zu einer Funktionsstörung führt.

Wann ein epileptischer Anfall auftritt, lässt sich leider nicht vorhersagen. Medikamente wirken daher in der Regel prophylaktisch und sollen dabei helfen, die Häufigkeit solcher Anfälle zu verringern. (Foto: IMAGO, imago/Science Photo Library)
Wann ein epileptischer Anfall auftritt, lässt sich leider nicht vorhersagen. Medikamente wirken daher in der Regel prophylaktisch und sollen dabei helfen, die Häufigkeit solcher Anfälle zu verringern. imago/Science Photo Library

Kann ein epileptischer Anfall aus dem Nichts heraus passieren?

Genau. Also, es gibt diese Auslösefaktoren wie Flackerlicht. Aber die meisten Anfälle passieren spontan. Also das heißt, dass wir eigentlich den genauen Grund, warum es in dem Moment zu einem Anfall kommt, nicht kennen und der Patient es eben auch nicht vorher weiß.

Wie diagnostiziert man Epilepsie?

Für die Diagnose kommt es einmal darauf an, dass man sehr genau mit dem Patienten darüber spricht, was eigentlich für Anfälle passieren und auch Zeugen befragt, was sie da genau gesehen haben. Zum anderen ist die wichtigste Untersuchungsmethode das sogenannte EEG, das Elektroenzephalogramm, mit dem man auch zwischen den Anfällen Veränderungen sieht. Die zeigen, dass bei diesen Patienten die elektrische Aktivität im Gehirn verändert ist, so dass man dann hieraus auch die Diagnose ableiten kann.

Wie behandelt man die Epilepsie? Mit Medikamenten oder was hilft da noch?

Die Anfälle bei Epilepsie-Patienten dauern nur sehr, sehr kurz, manchmal Sekunden und höchstens einige Minuten. Deswegen kann man im Anfall selbst eigentlich nicht behandeln, sondern man behandelt prophylaktisch, indem man über eine Einnahme von einem Medikament über lange Zeit praktisch versucht zu verhindern, dass es überhaupt zu diesen Anfällen kommt.

Das gelingt bei ungefähr Zweidrittel aller Patienten. Wenn das nicht gelingt, gibt es auch noch andere Therapienformen, wie zum Beispiel Epilepsie-Chirurgie, wo man Areale im Gehirn behandelt, die die Auslöser dieser Anfälle sind, aber auch Stimulationsverfahren.

Eine Epilepsie bleibt oft jahrelang unerkannt.  (Foto: IMAGO, imago/Panthermedia)
Eine Epilepsie bleibt oft jahrelang unerkannt. imago/Panthermedia

Stimmt es, dass Epilepsien von Betroffenen selbst oft erst spät erkannt werden?

Das ist richtig. Jeder kennt die sogenannten großen epileptischen Anfälle, wo jemand das Bewusstsein verliert, stürzt, zum Beispiel die Arme oder Beine rhythmisch bewegt. Das ist aber nur eine und gar nicht die häufigste Form von epileptischen Anfällen. Die Formen von epileptischen Anfällen können sehr, sehr unterschiedlich sein.

Zum Beispiel, dass man eine kurze Sehstörung hat, dass man etwas abnormes empfindet im Arm oder dass kurz das Bewusstsein aussetzt. Deswegen werden Epilepsien oft erst nach Jahren wirklich richtig diagnostiziert. Viele Therapieformen werden dann auch zu spät gewählt, zum Beispiel die sehr effektive Epilepsie-Chirurgie. Die mittlere Zeit zwischen Beginn der Epilepsie und der Wahl der Epilepsie-Chirurgie ist bei unserem Zentren bei über 15 Jahren.

In einigen spezialisierten Epilepsie-Zentren wird die Krankheit auch recht erfolgreich operativ behandelt. (Foto: IMAGO, imago/teutopress)
In einigen spezialisierten Epilepsie-Zentren wird die Krankheit auch recht erfolgreich operativ behandelt. imago/teutopress

Können mobile Tracker Epilepsiepatienten helfen?

Jeder kennt ja heute die sogenannten Fitnesstracker, wo man aufzeichnen kann, wie man sich bewegt, was man für einen Schlaf hat und ähnliche Dinge. Und es gibt nun auch für Epilepsie-Patienten speziell entwickelte Tracker, die man zum Beispiel am Armband trägt und die bestimmte Veränderungen im Anfall erfassen können, als zum Beispiel Bewegungen, die sich verändern, Änderungen der Herzfrequenz oder auch Änderungen der Hautleitfähigkeit, wie sie bei einem epileptischen Anfall auftreten können.

Und diese Geräte werden zunehmend auch benutzt, um bei Epilepsie-Patienten zu monitorieren: Wann kommen eigentlich Anfälle vor? Sind diese komplett gut behandelt? Oder müssen wir an der Behandlung noch etwas verbessern? Das ist insbesondere deshalb wichtig, weil Epilepsie-Patienten manchmal auch selbst ihre Anfälle gar nicht bemerken.

Manchmal kann man diese Geräte auch dazu nutzen, um Hilfe zu holen während eines solchen Anfalls und zum Beispiel Angehörige oder aber auch Ärzte zu informieren. Das ist eine ganz neue Technologie. Und wir haben sehr große Hoffnung, dass das auf Dauer die Behandlung von Epilepsie-Patienten noch wesentlich verbessern kann.

Mobile Tracker kennt man bisher überwiegend aus dem Fitnessbereich. Aber auch Epilepsie-Patient*innen könnten von speziell entwickelten Epilepsie-Trackern profitieren. (Foto: IMAGO, imago images/Westend61)
Mobile Tracker kennt man bisher überwiegend aus dem Fitnessbereich. Aber auch Epilepsie-Patient*innen könnten von speziell entwickelten Epilepsie-Trackern profitieren. imago images/Westend61

Welche Rolle könnte Cannabis bei der Therapie von Epilepsie spielen?

Es ist schon sehr lange beschrieben, dass Cannabisextrakte in Einzelfällen helfen können, epileptische Anfälle zu verbessern. Und seit zwei Jahren gibt es nun auch einige Studien, die gezeigt haben, dass auch bei systematischer Anwendung hier ein positiver Effekt vorhanden ist. Das ist bislang allerdings nur für sehr schwere Form von Epilepsie gut belegt.

Wir untersuchen in Freiburg auch bei einem größeren Spektrum von Patienten, ob wir hier einen guten Effekt erzielen können. Beim Patiententag der 55. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Epileptologie werden unter anderem die Studienergebnisse und auch Ergebnisse unserer Klinik vorgestellt. Insgesamt muss man sagen, dass Cannabinoide, das sind Extrakte aus der Cannabispflanze, schon wirksam sind bei Epilepsien, aber sie sind auch keine Wundermittel, die alle Anfälle komplett unterdrücken können.

Es gibt Studien, die zeigen, dass Cannabis einen positiven Einfluss auf den Verlauf einer Epilepsie haben kann. (Foto: IMAGO, imago images / AAP)
Es gibt Studien, die zeigen, dass Cannabis einen positiven Einfluss auf den Verlauf einer Epilepsie haben kann. imago images / AAP
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