Dämmplatten aus Popcorn (Foto: Alireza Kharazipour)

Nachhaltiges Bauen

Popcorn - Baustoff der Zukunft?

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Seit 12 Jahren arbeiten Göttinger Forschende an Baustoff aus Popcorn. Im kommenden Jahr sollen die ersten Dämmplatten für den Hausbau auf den Markt kommen.

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Rohstoffe zum Bauen werden immer teurer. Gerade die Preise für Holz und Beton stiegen innerhalb der letzten 15 Monate stark an, aber auch Dämmplatten aus Kunststoff wurden um fast 20 Prozent teurer. Vielerorts wird bereits an alternativen und nachhaltigen Baustoffen geforscht, auch an der Georg-August-Universität Göttingen.

Die Idee

Seit 12 Jahren forschen Prof. Dr. Alireza Kharazipour und sein Team am Baustoff Popcorn. An den Moment, bei dem ihm die Idee dafür gekommen ist, erinnert er sich noch ganz genau. Er war gemeinsam mit seiner Frau im Kino und hat dort den beliebten Snack Popcorn gegessen.

Ein Portrait von Alireza Kharazipour. (Foto: Alireza Kharazipour)
Biotechnologe Prof. Dr. Alireza Kharazipour forscht an dem Baustoff Popcorn Alireza Kharazipour

Beim Anfassen des Popcorns im Dunkeln, hatte er das Gefühl Styropor in den Händen zu halten. Das brachte ihn dazu, zuhause Popcorn herzustellen und dieses mit an seinen Arbeitsplatz am Chemischen Institut der Uni in Göttingen zu nehmen.

Mittlerweile gibt es Möbel aus Popcorn, Verpackungen aus Popcorn und seit neustem auch Dämmplatten für den Hausbau aus Popcorn.

Herstellung im Labor

Um eine Dämmplatte oder andere Gegenstände herzustellen, braucht man - genauso wie beim Snack - Körnermais. Dieser wird zunächst mechanisch verkleinert und dann expandiert. Das ist ganz anders als im Kino.

Der expandierte, also gepoppte, Mais wird dann weiter bearbeitet mit einem Überzug aus Maisstärke. Dieser sogenannte Coating Prozess macht das Popcorn wasserabweisend.

Weiter wird dann alles mit Leim verklebt, der aus pflanzlichen oder tierischen Proteinen besteht. Dann wird die Masse in eine Presse gegeben und es dauert nur circa 20 Sekunden, bis eine feste Platte aus der Masse entsteht.

Dämmplatten aus Popcorn (Foto: Alireza Kharazipour)
Die Popcorn Dämmplatten können ganz verschieden groß und dicht sein. Alireza Kharazipour

Die Form, Größe und Dichte der Platten ist leicht anzupassen. Außerdem lassen sich die Popcorn Dämmplatten genauso weiterverarbeiten wie andere herkömmliche Dämmplatten, sagt Prof. Dr. Alireza Kharazipour.

Weiterverabeitung und Verwendung der Platten

Die Popcorn Dämmplatten sind ähnlich wie Ytong-Platten oder Styroporprodukte.

Sie können diese Dämmplatten aus Popcorn einfach mit einer normalen Kreissäge oder Handsäge schneiden. Die Bearbeitung ist sehr sehr einfach, ähnlich wie Ytong-Platten.

Die Dämmplatten aus Popcorn sind außerdem relativ leicht und besitzen auch weitere nützliche und wichtige Eigenschaften als Dämmmaterial. Sie sind schalldämmend und besitzen eine niedrige Wärmeleitfähigkeit. Das bedeutet, verbaut lassen sie die Außen- und Innentemperaturen im Haus stabil bleiben.

Hocker aus Popcorn (Foto: Alireza Kharazipour)
Die Göttinger Wissenschaftler:innen schufen auch andere Gegenstände aus Popcorn. Hier zum Beispiel Hocker. Alireza Kharazipour

Was macht die Platten nachhaltig?

In den Dämmplatten steckt Bruchmais. Das ist Mais, der sonst in der Lebensmittelproduktion nicht verwendet wird. Auch die anderen Bestandteile der Popcornplatten sind tierische und pflanzliche Nebenprodukte aus der Industrie.

Stets nach dem Motto von dem Biotechnologen Alireza Kharazipour möglichst die Natur nachzuahmen. Das merkt man auch, wenn die Platten ausgedient haben.

Man kann diese Platten einfach entsorgen; entweder zerkleinern und wiederverwenden oder man kann sie einfach auf den Kompost werfen.

Innerhalb von sechs bis acht Wochen sind die Platten dann vollständig abgebaut.

Industrielle Herstellung

Die Herstellungslizenz wurde nun durch die Universität Göttingen an die Baufirma Bachl verkauft. Die Firma plant die Popcorn Dämmplatten in der zweiten Hälfte des kommenden Jahrs industriell herzustellen.

Bevor die Platten dann verbaut werden können, werden noch Zertifizierungen und Zulassungen benötigt. Folke Dettling, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Umweltbundesamt, ist der Popcorn Dämmstoff neu. Er findet die Grundidee dahinter aber sehr spannend, da die Struktur von Popcorn sehr gut geeignet sei als Dämmstoff, sagt er auf SWR-Anfrage.

Auch der genaue Preis für die Platten ist noch nicht bekannt. Das Ziel von Biotechnologen Alireza Kharazipour ist es, dass sie nicht teurer werden als konventionelle Dämmplatten aus Kunststoff.

Weitere Einsatzmöglichkeiten

Außer im Hausbau kann der Popcorn Dämmstoff auch noch in anderen Bereichen eingesetzt werden. Alireza Kharazipour führte bereits Gespräche mit europäischen Flugzeuherstellern, die auf Popcorn als Dämmmaterial aufmerksam geworden sind.

Außerdem haben die Popcorn Produkte einen weiteren Vorteil: Sie sind sehr brandsicher. Bei Tests in Brennkammern stellte das Team aus Göttingen fest, dass die Popcorn Oberfläche erst mal nicht brennt. Stattdessen wird sie hart und verhornt sich. Dies ist ein großer Vorteil für den Gebäude-, Waggon- und Flugzeugbau.

Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig für den Baustoff Popcorn. Einige Möglichkeiten können Sie hier in der Bildergalerie ansehen.

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