Geschichte

Darf man noch "Mitteldeutschland" sagen, wenn man den Osten meint?

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Gábor Paál
Gábor Paál (Foto: SWR, Oliver Reuther)

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Der Begriff „Mitteldeutschland“ hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Ältere Zeitgenossen unter uns werden sich daran erinnern, dass „Mitteldeutschland“ in der Zeit des Kalten Krieges auch als Synonym für die DDR verwendet wurde.

Die Idee dahinter war: Die Bundesrepublik hat die DDR offiziell nicht anerkannt. Und es existierte ja bis zur Wiedervereinigung offiziell auch keinen Friedensvertrag, der die deutschen Grenzen eindeutig festhielt. Es gab – vor allem auf der sehr konservativen Seite des Parteienspektrums – folgende Auffassung: Solange die Grenzen nicht völkerrechtlich geklärt sind, betrachten wir Deutschland in den Grenzen von 1937 – also mit Ostpreußen, Schlesien und Pommern. Nach dieser Logik bilden diese Gebiete „Ostdeutschland“, während die „Sowjetisch besetzte Zone“ – also die DDR – in der Mitte lag, zwischen dem „westlichen“ und dem „östlichen“ Deutschland, das man noch immer hinter der Oder-Neiße-Linie verortete.

Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und Wiedervereinigung

So sprachen im Westen manche Kräfte gern von Mitteldeutschland – in den Vertriebenenverbänden war das durchaus gängig. Nun hat sich mit der Wiedervereinigung und der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie diese Wortwahl endgültig überlebt. Würde man Mitteldeutschland immer noch so verstehen, wie der Begriff im Kalten Krieg verwendet wurde, wäre das geradezu reaktionär.

Historischer Begriff ist älter als das geteilte Deutschland

Historisch geht der Begriff noch viel weiter zurück. Vor der deutschen Teilung war nämlich mit Mitteldeutschland weniger die Mitte zwischen Ost und West, sondern vielmehr die Mitte zwischen Nord und Süd. Ganz ursprünglich war „mitteldeutsch“ bis ins 19. Jahrhundert hinein vor allem die Bezeichnung für einen Sprachraum – zwischen den bayerisch-schwäbisch-alemannischen Dialekten im Süden und den niederdeutschen Dialekten im Norden. Dieses mitteldeutsche Gebiet zog sich von der belgisch-luxemburgischen Grenze bis nach Sachsen, also einmal quer durch Deutschland.

Ehemals Gebiet zwischen Norden und Süden, nicht Westen und Osten

Entsprechend hat man Anfang des 19. Jahrhunderts als Mitteldeutschland all die kleinen Fürsten- und Herzogtümer zwischen Preußen im Norden und Bayern, Württemberg und Baden im Süden bezeichnet. Mitteldeutschland war also ein breiter Streifen zwischen Nord- und Süddeutschland – und erst später hat sich der Begriff dann ungefähr auf den Raum konzentriert, den heute die Länder Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen bilden, in denen man sprachlich-kulturell eine natürliche Einheit sah.

In der Weimarer Republik gab es Überlegungen, diesen Raum zu einer Verwaltungseinheit „Mitteldeutschland“ zusammenzufassen. Daraus ist aber – auch bedingt durch die Machtübernahme der Nazis – nichts geworden. Dann kam der Zweite Weltkrieg und danach wurde der Begriff Mitteldeutschland erst zu dem umgemünzt, was viele noch im Kopf haben: Nämlich das Wort, das Leute verwendeten, die nicht „DDR“ sagen wollten. Aber das war eben nicht die ursprüngliche Bedeutung.

Mitteldeutscher Rundfunk (MDR) und Mitteldeutsche Zeitung

Mit der Wiedervereinigung 1990 kam es dann zu einer Rückbesinnung auf die ursprüngliche Bedeutung von Mitteldeutschland im Sinne jener Region zwischen Harz und Erzgebirge. Es wurde der Mitteldeutsche Rundfunk gegründet, so wie auch die Mitteldeutsche Zeitung.

Der Begriff taucht in vielen weiteren Verbindungen auf. Das hat aber nichts zu tun mit „Wir denken noch in den Grenzen von 1937“, sondern ist einfach eine historische Bezeichnung für diesen Kulturraum – wenn er auch zu der kleinen sprachlichen Paradoxie führt, dass „Mitteldeutschland“ heute die südliche Hälfte von „Ostdeutschland“ ist.

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