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Greta Thunberg fliegt nicht. Wegen der lausigen CO2-Bilanz hält sie Flugreisen für nicht verantwortbar. Sie fährt mit dem Zug oder mit einem Segelschiff. Mittlerweile finden viele Menschen Fliegen verwerflich. Darf ein Medienhaus wie der SWR in diesen Zeiten Flugreisen verlosen?

Vor ein paar Tagen hat mir eine Kollegin geschrieben, dass sie es nicht gut findet, dass SWR3 Flugreisen nach Thailand verlost. Sie fände es höchst problematisch, dass wir solche CO2-intensiven Reisen auch noch promoten. Vielmehr sei es doch unsere journalistische Aufgabe, die Gefahren von Flugreisen für das Weltklima deutlich zu machen. Heute habe ich ihr geantwortet, und weil ich das Thema wichtig finde, schreibe ich hier auch dazu.

Der SWR kompensiert seine verlosten Flugreisen über Klimaschutzprojekte. Das macht diese Flugreisen nicht zu einem umweltschonenden Unterfangen. Aber es schafft wenigstens einen Ausgleich. Damit könnte ich mich jetzt schlank aus der Affäre ziehen – will ich aber nicht. Denn es bleibt für mich eine grundsätzliche Frage im Raum: Gehört es zu unserem journalistischen Auftrag dazu, Menschen von Flugreisen abzubringen? Meine Antwort: Nein.

Grundsätzlich ist mir eines ganz wichtig: Unsere eigenen Haltungen spielen für die Berichterstattung keine Rolle und sind kein Maßstab für journalistische Entscheidungen. Schon gar nicht haben wir Menschen vorzuschreiben, ob sie nach Thailand oder sonst wohin in den Urlaub reisen sollen oder welche Autos sie fahren. Viele Menschen sparen ein Jahr lang, um sich einen Urlaub an schönen Orten leisten zu können. Darüber sollten wir uns moralisch nicht erheben. Und schon gar nicht sollten wir darauf hinwirken, dass sich nur Menschen mit hohem Einkommen eine Fernreise leisten können und der sogenannte „Billigtourismus“ wird abqualifiziert. Warum sollte der SWR Menschen zu besonderen Gelegenheiten nicht einmal den Traum vom Urlaub erfüllen? Wir berichten doch gleichzeitig kritisch über die Auswirkungen des Massentourismus und über die Folgen des Flugverkehrs. Das ist gut so und muss auch so bleiben. Aber die Verlosung von Fernreisen schränkt diese journalistische Freiheit nicht im Geringsten ein. Keinesfalls dürfen wir in unserer Berichterstattung den Eindruck erwecken, wir wüssten besser, was für die Menschen gut ist.

Was meinen Sie?

Ihr Kai Gniffke

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