Für Familien und Kinder sind die Einschränkungen zur Eindämmung der Corona-Pandemie eine große Herausforderung. Fachverbände fordern jetzt eine baldige Öffnung der Kitas und Grundschulen. (Foto: IMAGO, imago images/MiS)

Modellversuch des Kultusministeriums

Grundschule ohne Noten: An 39 Schulen in Baden-Württemberg soll das getestet werden

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Christina Erdkönig und Filiz Kükrekol

Individuelle Rückmeldungen statt Noten. Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) will einen Modellversuch an 39 Grundschulen in BW starten. Die GEW begrüßt die Entscheidung

An den 39 Modellschulen soll es ab dem kommenden Schuljahr auch in den dritten und vierten Klassen für die Leistungen der Kinder keine Ziffernnoten, sondern individuelle Bewertungen geben. Mit dem Schulversuch will Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) eine andere Form des Lernens für Schulkinder in Baden-Württemberg erreichen. Sie sollen nachhaltig lernen und nicht nur für das Zeugnis, so Schopper. "Der Modellversuch wird evaluiert und am Ende wollen wir vergleichen, wie es um die Unterrichtsqualität und die Leistungen der Schülerinnen und Schüler bestellt ist und auch ob der Schulversuch dazu beitragen kann, die soziale Gerechtigkeit zu verbessern."

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GEW: Ohne Noten bessere Leistungen

Die Bildungsgewerkschaft GEW begrüßt den Vorstoß Schoppers. Es sei gut, dass die grüne Kultusministerin die ideologische Entscheidung ihrer Vorgängerin Eisenmann von der CDU revidiere. Nach Angaben der GEW-Vorsitzenden Monika Stein sind auch die Lehrkräfte trotz Mehraufwand für individuelle Rückmeldungen statt Noten.

"Wir sind uns sicher, dass in Grundschulen mit Lerngesprächen und individualisierten Rückmeldungen (...) am Ende bessere Leistungen stehen."

Landeselternbeirat fordert wissenschaftliche Begleitung

Der Landeselternbeirat (LEB) sieht die Wiederauflage des Versuchs an den "Grundschule ohne Noten" verhalten positiv, fordert aber eine gute wissenschaftliche Begleitung. Dem SWR sagte der Vorsitzende des LEB, Michael Mittelstaedt, er sei skeptisch, ob diese Begleitung mit nur einer Lehrkraft im Klassenzimmer funktioniere. In diesem Zusammenhang plädierte er dafür, die Grundschullehrerausbildung unbedingt weiter massiv auszubauen. Ziel muss es laut Mittelstaedt sein, standardmäßig zwei Lehrkräfte im Klassenzimmer zu haben.

Kritik von FPD und SPD an Modellversuch

Kritik am Modellversuch "Grundschule ohne Noten" kommt dagegen von der FPD im baden-württembergischen Landtag. "Wer glaubt, dass man Kindern etwas Gutes tut, wenn man Hürden aus den Schulen herausnimmt, der irrt", sagte der FDP-Bildungsexperte Timm Kern. An den Grundschulen gehe es darum, sich grundlegende Fertigkeiten anzueignen und eben nicht auswendig zu lernen. Auch die SPD zeigte sich nicht überzeugt von dem Modellversuch, denn er sei keine Innovation."Die Erkenntnis, dass der schon bei der erstmaligen Durchführung positiv bewertete Modellversuch Potenzial hat, kommt reichlich spät", so Katrin Steinhülb-Joos, die schulpolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion.

Erster Modellversuch von 2013 bis 2017

Einen ähnlichen Modellversuch gab es bereits ab 2013 in Baden-Württemberg. An zehn Grundschulen waren Kinder individuell und ohne Noten bewertet worden. Die damalige Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hatte den Versuch aber 2017 eingestellt. Der Verband Bildung und Erziehung VBE und die Gewerkschaft GEW kritisierten damals die Entscheidung und forderten Eisenmann auf, den Modellversuch fortzusetzen.

Eltern und Lehrkräfte an einigen der betroffenen Modell-Grundschulen bedauerten 2017 das Aus des Modellversuchs, auch an der Paul-Hindemith-Grundschule in Freiburg, die zu den zehn Modellschulen zählte. Viele Eltern der rund 330 Grundschulkinder hatten dort die Lernentwicklungsgespräche als Bewertung der Leistungen ihrer Kinder schätzen gelernt. Die Schule in Freiburg startete sogar eine Petition, um zu erreichen, dass der Modellversuch "Grundschule ohne Noten" weitergeführt wird.

Auch die GEW in Baden-Württemberg konnte damals die Entscheidung Eisenmanns nicht nachvollziehen, da der Versuch für die Gewerkschaft ein Erfolg war. Laut GEW waren die Lehrerinnen und Lehrer damals von dem Versuch überzeugt. Auch die Rückmeldungen der Eltern seien positiv gewesen.

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