Herstellung Carbongarn: ein Garn besteht aus bis zu 50.000 einzelnen Fasern. (Foto: bauen-neu-denken.de - © Jörg Singer)

Neuer Baustoff Karbonbeton

Textilfasern ersetzen Stahl

Gebäude mit intelligenten, umweltschonenden Fassaden, die sogar Strom produzieren - das ist das Ziel eines großen Bauforschungsprojekts. Interview mit dem Photovoltaikspezialisten Prof. Jens Schneider.

Wie hat man sich diesen Beton vorzustellen?

Man versucht mit dem Karbon die typische Stahlarmierung zu ersetzen, der Vorteil ist, dass Karbon nicht rostet, deshalb muss man den Beton nicht so dick machen, um den Stahl vor Feuchtigkeit und vor Korrosion zu schützen. So kann man mit diesem neuen Beton viel besser Formen bilden. Man kann ihn leichter verarbeiten.

Ist dieser Beton nicht sehr teuer, ich denke an Karbonfahrräder, die kosten ja auch sehr viel?

Ja, richtig, dieser hohe Preis zeigt auch, dass es noch viel Forschungsbedarf gibt, der den Stoff letztlich günstiger machen würde. Karbonbeton ist zehnmal teurer als Stahlbeton, aber wenn es uns gelingt, leichter zu bauen, effizienter und nachhaltiger, mit weniger Material, dann könnten wir an einen Punkt kommen, wo das bezahlbar wird.

Mehrere Lagen Karbonbeton. (Foto: TU Dresden Textilbeton - ©Ulrich van Stipriaan)
Mehrere Lagen Karbonbeton. TU Dresden Textilbeton - ©Ulrich van Stipriaan

Kann man mit dem neuen Beton anders bauen?

Ja, auf jeden Fall. Man ist in der Lage mit den leichten Elementen völlig neue Wölbungen zu bauen. Und die Textilfaser, die man bei dem Karbonbeton nutzt, ist ebenfalls flexibler, dadurch kann man den Karbonbeton viel leichter an verschiedene Formen anpassen. Und man kann in das Material auch sehr gut Funktionen integrieren. Genau daran forschen wir, wir gucken, ob man LEDS oder Solarzellen integrieren kann.

Das wären dann Wände, Fassaden, die Strom erzeugen könnten?

Genau, und das geht mit Karbonbeton viel besser als mit Stahlbeton, man kann die Solarmodule richtig integrieren, man muss sie nicht wie beim Stahlbeton aufdübeln. Und man könnte eine Fassade mit beweglichen Elementen bauen, die sich immer in Richtung Sonne drehen, das würde mehr Strom erzeugen. Das geht mit Karbonbeton. Wir arbeiten ja auch mit Architekten zusammen, um Ästhetik und Technik zu vereinen, die Fassaden sollen schön und effizient zugleich sein.

Pavillon Kahla aus Textilbeton (Foto: Kahla Textilbeton  - © Ulrich van Stipriaan)
Pavillon Kahla aus Textilbeton Kahla Textilbeton - © Ulrich van Stipriaan

Wann wird es das erste Musterhaus geben?

Das ist ein sehr großes Projekt, ich denke, das könnte 2020 so weit sein. Man diskutiert noch darüber, aber es wäre sinnvoll, so was zu zeigen. Es braucht aber noch viel Forschung, wir haben erste funktionsfähige Fassadenelemente hergestellt, aber die müssen optimiert werden, das wäre dann vielleicht in drei vier Jahren ein fertiges Produkt, dass man dann der Bauwirtschaft zur Verfügung stellen kann.

Werden unsere Kinder, wenn sie Erwachsene sind, in einem Haus aus Karbonbeton wohnen?

Das ist sehr realistisch. Ich bin 41 Jahre alt, habe Kinder, und ich denke, in 20 Jahren werden die in so einem tollen Gebäude wohnen. Dann wird es sowieso so sein, dass jedes Gebäude mit seiner Fassade Strom erzeugen kann.

Carbonfilamente- bis zu fünfzigtausend dieser feinen Fasern werden zu einem Garn (Foto: bauen-neu-denken.de -)
Carbonfilamente- bis zu fünfzigtausend dieser feinen Fasern werden zu einem Garn bauen-neu-denken.de -
AUTOR/IN
STAND