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Das große Reinemachen von Haus und Seele hat sich zu einem geschäftsträchtigen Modetrend entwickelt. Doch macht eine aufgeräumte Wohnung auch automatisch glücklicher?

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Schöne neue Aufräumwelt? Meist junge urbane Menschen gehören zur bevorzugten Zielgruppe der Aufräum-Profis. Die Klienten wollen ihren Plunder, englisch "Clutter", nach einem klugen Plan entsorgen. Im Jargon der Experten heißt das: Den Haushalt verschlanken.

Die Japanerin Marie Kondo hat 2011 daraus ein lukratives Geschäftsmodell entwickelt, das unter dem Namen "KonMari-Methode" weltweit präsent ist. Aufräumen ist für Kondo nicht nur die pragmatische Entscheidung, sich vom häuslichen Gerümpel zu trennen, sondern ein Weg zu einem besseren Leben. Es soll nicht weh tun, sondern Spaß machen: "Spark Joy" lautet ihr Motto.

Beraterinnen sind an die KonMari-Methode vertraglich gebunden

Marie Kondo ist Bestseller-Autorin, Netflix-Star und gehört derzeit zu den einhundert einflussreichsten Menschen. Die Millionärin gibt Seminare, vertreibt ihre Produkte im Internet und bildet weltweit ein Netz von Beraterinnen aus, die in die eigene Wohnung kommen, um beim Aufräumen zu helfen.

Weltweit gibt es bis heute über 200 KonMari-Consultants, die als zertifizierte Trainer nach der KonMari-Methode Klienten beraten dürfen. Der Weg dahin geht über ein Seminar, das Marie Kondo in New York anbietet. Die Kosten von 2.000 Euro pro Seminar tragen die Aspirantinnen.

Auch wenn jede Beraterin ihren eigenen, auch regional bedingten Beratungs- und Aufräumstil pflegt, sind die KonMari-Consultants an die Marke "KonMari" gebunden. 500 Euro kostet die Berater-Lizenz im Jahr, und über jeden Besuch wird ein Protokoll angefertigt, das an Marie Kondos Firma, KonMari Media, verschickt wird.

Jeder Mensch in der westlichen Hemisphäre besitzt zehntausend Dinge

Das betreute Aufräumen nach Marie Kondo ist keine Sache für das freie Wochenende, sondern ein Kraftakt, der viele Monate in Anspruch nehmen kann. Frau Kondo rät, das innerhalb eines halben Jahres komplett zu beenden. Von Anfang bis Ende.

Offensichtlich besitzen wir zu viele Dinge. Nach einer Schätzung hat jeder Mensch in der westlichen Hemisphäre zehntausend Dinge gehortet. Der Überfluss und das Verhältnis zu diesen Dingen belastet nicht nur die Umwelt, sondern auch das Wohlbefinden der Menschen.

Neben den zahllosen Ordnungs-Ratgebern gibt es eine Fülle Sachbücher und Blogs, die das Thema "Dinge-Diät" diskutieren. Im Fokus der meisten Ratgeber steht das Privatleben, das vom Makel der Unordnung befreit werden soll. Klimaschutz, Konsumverhalten oder andere brennende Themen werden weitestgehend ausgeblendet.

Persönlicher Spiritualismus statt politische Idee

Der Religionswissenschaftler Haringke Fugmann entdeckt in Marie Kondos Aufräumwelt Elemente japanischer Volksreligion – dem Shintoismus. In seinem Aufsatz "Aufräumen als heilige Handlung" analysiert er Marie Kondos spirituelle Hintergründe.

Auch wenn Marie Kondo mit ihrer Aufräummethode explizit keine esoterischen Ideen vermitteln will, streift sie doch spirituelles Terrain und hat scheinbar Höheres im Sinn. Besucht sie eine Klientin, setzt sie sich zunächst auf den Boden, begrüßt die Wohnung und bedankt sich bei ihr. Und bei den Socken.

Ein durchaus theatralischer Akt, den Marie Kondo inszeniert, dessen Wurzeln aber bis in den Shinto reichen und Marie Kondos Erweckungserlebnis dokumentieren soll. Nach einem nervösen Zusammenbruch – als Folge einer Aufräumneurose – fand sie angeblich den Schlüssel zu ihrer KonMari-Welt.

Ordnung ist das halbe Leben im Luxus

Ob das von Marie Kondo propagierte private Ordnungs-Glück spirituelle Gefühle vermittelt, steht auf einem anderen Blatt. Aus christlicher Perspektive jedenfalls ist die Transformation der eigenen vier Wände in einen heiligen Schrein schwer nachvollziehbar, meint Haringke Fugmann, denn laut christlicher Religion besitzen Menschen nicht die Macht, private Räume heilig zu machen.

Doch wenn es um das Loslassen von Dingen geht oder der Suche nach dem einfachen Leben, mag die Furcht vor dem überkomplexen Leben schon eher eine Rolle spielen, ergänzt Haringke Fugmann. Und wenn die Ordnung in den eigenen vier Wänden stimmt, kann man das Chaos in der globalisierten Welt für einen Moment ausblenden.

Der minimalistische Haushalt, mit seinen leeren, geometrisch geordneten Flächen gibt zumindest Halt und die Sicherheit, dass man Teil ist einer Gemeinde, die im Entrümpeln eine Art Heilsbotschaft erkennt. Vielleicht ist es aber auch ein elitäres Privileg, Wohnraum zu besitzen, den man leer stehen lässt. Eine neue Form von Luxus gewissermaßen.

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