Neues Buch über den Kulturtransfer zwischen Ost und West Ideen - Funktionen - Transfers

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Buch-Tipp vom 07.11.2018

Peter Tschaikowskys sechste Sinfonie mit dem Beinamen "Pathétique": Heute ist das Werk fester Bestandteil des Repertoires. Ende des 19. Jahrhunderts hatte es diese Musik noch schwer, vor allem bei den konservativen Teilen des Publikums und der Kritiker anzukommen. Das ergibt sich aus einer Untersuchung über die Rezeption russischer Sinfonik in der Musikstadt Leipzig in dieser Zeit. Autor und Mit-Herausgeber des Bandes, der Musikwissenschaftler Stefan Keym resümiert:

In Paris dagegen war es für Werke russischer Komponisten schwieriger überhaupt ein Publikum zu finden. Dafür war die exotisch anmutende Musik aus dem Osten ein großes Thema im französischen Musikschrifttum der Zeit. Russische Musik diente dort in erster Linie als Spiegel für die eigene musikalischen Tradition, wie Autorin und Mit-Herausgeberin Inga Mai Groote feststellt.

Zumindest ein Aufsatz des Bandes "Russische Musik in Westeuropa bis 1917" beschäftigt sich mit einem ganz konkreten Musikwerk und dessen Rezeption in Westeuropa: Modest Mussorgskys berühmte "Bilder einer Ausstellung", die später vom Franzosen Maurice Ravel in einen Orchesterhit verwandelt wurden.

Sehr erhellend sind die auf Englisch verfassten Ausführungen des kanadischen Musikwissenschaftlers Steven Baur über das Verhältnis von russischen und westeuropäischen Anteilen bei Mussorgskys Original Bilder-Zyklus. Er kommt zu dem Schluss, dass gerade die so beliebte Orchesterfassung des Werkes von Maurice Ravel die vielen stilistischen Eigentümlichkeiten und Schärfen der originalen Klavierversion verschleiert und damit der Intention des Komponisten zuwiderläuft.

Bei der Verbreitung von russischer Musik in Westeuropa spielen natürlich auch deren Interpreten eine ganz entscheidende Rolle. Da ist zum Beispiel der Dirigent Sergej Kussewitzki, der oft als Spezialist vor allem russischer Musik darstellt wird. Dieses geläufige Bild des Dirigenten bedarf allerdings einer Korrektur, meint Autor Christoph Flamm. In seinem Aufsatz zeigt er auf, dass sich in Kussewitzkis dirigiertem Repertoire nicht einmal auffällig viele russische Werke befinden. Zudem zeichnet der Autor anhand mehrerer älterer Biografien nach, wie das Bild vom Russland-Vermittler Kussewitzki ideologisch gefärbt wurde und letzlich wohl schief war.

Der neue Aufsatzband "Russische Musik in Westeuropa bis 1917" enthält eine illustre Sammlung sehr unterschiedlich akzentuierter, mal sehr lebendig und anschaulich, mal eher wissenschaftlich-nüchtern geschriebener Aufsätze. Unter dem Strich bekommt man als Leser zumindest eine Idee von dem, was russische Musik in Westeuropa bis zum Ersten Weltkrieg bewegt hat, und wie unterschiedlich sie auch von Nation zu Nation aufgenommen wurde.

Es fehlt allerdings eine klare Defintion dessen, was diese Musik eigentlich ausmacht und in welcher Form sie andere musikalische Traditionen in Europa konkret beeinflusst hat. Es bleibt viel zu beackern: Ein weites, aber spannendes Feld eines einzigartigen, wechselseitigen Kulturtransfers tut sich da auf: jede Menge Forschungsfelder für die Gelehrten.

CD-Tipp vom 7.11.2018 aus der Sendung Treffpunkt Klassik

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