Musikstück der Woche vom 19.06.2017 Johannes Brahms: Violinsonate Nr. 3 d-Moll, op.108

Sommerfrische für den Kopf

Wenn die Tage länger wurden und die Sonne hoch am Himmel stand, wollte Johannes Brahms nur noch eins: raus aus Wien! Denn so schön er die Stadt an der Donau auch fand, im Sommer war sie unerträglich. Die Gemäuer waren erhitzt, die Straßen staubig und das sonst so blühende Kulturleben unter der Sommerschwüle eingeschlafen. Also packte er seine Koffer und fuhr in die Berge. 

Der erste Satz seiner Sonate für Violine und Klavier d-Moll op. 108 entstand mit den Füßen im Wasser und schönstem Alpenpanorama im Rücken. Die erfolgreichen jungen Maria-Elisabeth Lott und Frank Dupree – beide Absolventen der Hochschule für Musik Karlsruhe – haben sie Anfang 2017 in der Alten Kirche Fautenbach gespielt.

Eindrücke am Thuner See

Der Komponist Johannes Brahms (Foto: Imago, Imago - imago stock&people)
Der Komponist Johannes Brahms Imago Imago - imago stock&people

Egal ob am See oder mitten in den Bergen – die Sommer verbrachte Brahms am liebsten auf dem Land. Stundenlang ging er spazieren und schaffte, fernab  alltäglicher Pflichten, Platz für neue Ideen. 1886 zog es ihn nach Thun, einer kleinen Stadt in der Schweiz. Umgeben von Wiesen und Bergen und mit Blick auf den Thuner See entstanden viele neue Ideen, auch die zu seiner dritten und letzten Sonate für Violine und Klavier. Weit weg von Wien schien Brahms hier nur Kraft zu sammeln sondern auch eine seiner kreativsten Wochen des Jahres zu verbringen. Denn neben den ersten Takten zum neuen Kammermusikwerk entstanden auch zahlreiche andere Werke, die er z.T. erst Jahre später vollendete. Auch bis zur Veröffentlichung seiner Violinsonate d-Moll vergingen zwei Jahre. Die Uraufführung fand in der Weihnachtszeit 1888 in Budapest statt. Er selbst übernahm darin den Part des Pianisten, Violinist war Jenö Hubay, einer der führenden Geiger von Ungarn. 

Singend durch die Finsternis

Gegenüber ihrer beiden Vorgängerinnen ist Brahms dritte Violinsonate ein eher düsteres Werk. Das Besondere: Brahms lässt Violine und Klavier darin innig miteinander agieren. Damit befreit er das Klavier aus seiner Rolle, der ewige Begleiter zu sein. In der Sonate übernimmt das Klavier die tragende Rolle und fordert die Violine sowohl musikalisch als auch interpretatorisch heraus. Bereits im ersten Satz zeigt es mit engagierten Solopassagen, was in ihm steckt. Abgelöst wird es im zweiten Satz von der Violine. Ein inniges Adagio schafft eine Art Ruhepol, der in eine lyrische und sehr gesangliche Antwort des Klaviers übergeht. Brahms griff in seinen Sonaten öfter auf Themen seiner Lieder zurück. Doch diesmal hält er sich mit Eigenzitaten zurück. Anstatt auf sich selbst zu verweisen, reichert er die Sonate mit Melodien an, die wirken, als würden Klavier und Violine miteinander singen. Den Abschluss bildet ein wie der erste düstere vierte Satz mit fast sinfonischen Zügen – beides für eine Sonate der damaligen Zeit ungewöhnlich. 

Als der berühmte Dirigent Hans von Bülow Brahms Sonate zum ersten Mal hörte, war er begeistert. Aber nicht nur von der Musik. Brahms hatte sie ihm gewidmet, als Dank für dessen jahrelanges Engagement. Immer wieder hatte er sich für die Verbreitung von Brahms Musik eingesetzt.

Maria-Elisabeth Lott (Violine)

Maria-Elisabeth Lott war ein Wunderkind. Mit drei Jahren fing sie an Violine zu spielen, später Klavier und mit acht Jahren kam sie als eine der jüngsten Vorstudentinnen Deutschlands an die Hochschule für Musik Karlsruhe. Nach ihrem Masterstudium legte sie 2015 ihr Solistenexamen mit Auszeichnung ab und wurde im April dieses Jahres als Professorin an die Hochschule für Musik Detmold berufen. 

Wolfgang Amadeus Mozart spielt eine Schlüsselrolle in Maria-Elisabeth Lotts Biografie. Mit seinem Violinkonzert G-Dur stand sie 1995 erstmals auf der großen Bühne. Es folgten zahlreiche Konzerte und Fernseh- und Radioauftritte – von ARD und ZDF bis zum BBC London und Sendern in den USA. 1998 präsentierte das ORF-Fernsehen Maria-Elisabeth Lott als Gewinnerin eines Wettbewerbs, dessen Preis darin bestand, Mozarts Jugendvioline zu spielen. Mit diesem Instrument nahm sie zusammen mit dem Mozarteum-Orchester Salzburg und mit ihrer Klavierlehrerin Sontraud Speidel am Hammerflügel 1999 bei EMI Classics ihre erste CD auf. 

Seit ihren Konzertdebüts in den USA und London 2000 und 2001 reist Maria-Elisabeth Lott durch die Welt und spielt sich über die Podien von London bis New York. Sie stand schon mit internationalen Orchestern wie dem London Philharmonic Orchestra oder dem China National Orchestra unter renommierten Dirigenten wie Fabio Luisi oder Jonathan Nott auf der Bühne und ist auch kammermusikalisch ein gern gesehener Gast in Konzerthäusern und bei Festivals. Für ihre besondere Musikalität wurde sie vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Eduard-Söring-Preis der Deutschen Stiftung Musikleben. 

Mehr zu Maria-Elisabeth Lott im Audio:

Frank Dupree(Klavier)

Frank Dupree ist auf der Überholspur. Der gebürtige Badener gehört zur aufstrebenden jungen Pianistengeneration und versucht mit von ihm initiierten Konzertreihen das aktuelle Musikleben neu zu gestalten. 

Seit seinem sechsten Lebensjahr spielt Frank Dupree Klavier. Obwohl er schon als Kind äußerst talentiert war, widmete er sich erst einmal dem Schlagzeug, bevor er sich für eine Karriere als Pianist entschied. Seit 2015 studiert er an der Hochschule für Musik Karlsruhe im Master Klavier und besucht Meisterkurse von Emanuel Ax bis Stephen Kovacevich. Frank Dupree ist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe und Stipendien, u.a. der Deutschen Stiftung Musikleben. Mit dem Gewinn des Deutschen Musikwettbewerbs 2014 reiste er in der Saison 2015/16 durch mehr als 30 deutsche Städte und konzertierte – egal ob solistisch oder kammermusikalisch – u.a. beim Schleswig-Holstein-Musikfestival und dem Festival de Musique Montreux-Vevey. 

Seit  2016 gestaltet Frank Dupree mit seiner eigenen Konzertreihe CONNECT IT! stilübergreifende Programme und startete mit SIXchange eine Initiative, mit der er sowohl in der Musik als auch im Konzert neue und vor allem kreative Wege gehen will, um bei Aufführungen aktiver mit dem Konzertpublikum in Kontakt zu treten.
Im Sommer 2015 erschien seine Debüt-CD Opus 1 beim Label GENUIN classics, seit dieser Saison ist er Artist in Residence bei der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz.

Mehr zum Pianisten Frank Dupree im Audio:

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