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CD-Tipp vom 26.10.2018

Kaum zu glauben, dass diese Aufnahme schon knapp 50 Jahre alt ist – so frisch, so zupackend singt der Stockholmer Kammerchor unter Eric Ericson "Amor vittorioso" von Giovanni Gastoldi aus dem Jahre 1600! Ein wunderbares Beispiel für den unverwechselbaren „Nordischen Chorklang“, den Ericson geformt hat.

Hochspannende Zusammenstellung

Aus sechs CDs besteht diese Box, die auf zwei legendären Electrola Produktionen der 70-er Jahre basiert: „Europäische Chormusik aus fünf Jahrhunderten“ und „Virtuose Chormusik“. Die Zusammenstellung ist hochspannend: Bartóks Ungarische Volkslieder oder Chorstücke von Ligeti stehen neben Monteverdi und Gesualdo, Debussy und Ravel neben Byrd und Morley, Richard Strauss und Max Reger neben Dallapiccola und Penderecki. Was fehlt sind die großen Barockmeister Schütz und Bach oder Romantiker wie Schubert und Mendelssohn. Doch diese - wenn man so will - Repertoire-Lücken sind leicht zu verschmerzen. Bei der Auswahl der Chorwerke, an der Ericson damals mit Sicherheit beteiligt war, scheint es ihm vor allem um die Vielfalt der Chormusik gegangen zu sein, sowohl in gesangstechnischer wie interpretatorischer Hinsicht. Die Zusammenstellung der Stücke unter länderspezifischen Gesichtspunkten ist schließlich der Grundidee eines (chor-) musikalischen Europas geschuldet.

Perfekte Stimmführung

Eric Ericson leitet auf den CDs abwechselnd den Rundfunkchor Stockholm und den Stockholmer Kammerchor. Die Chöre sind kaum auseinander zu halten, so sehr ist es Ericson gelungen, seine Vorstellungen eines optimalen Chorklangs auf die beiden Ensembles zu übertragen. Perfekte Stimmführung, eine glasklare Intonation, Homogenität und dynamische Flexibilität - das alles sind Attribute eines professionellen Chorgesangs, so wie ihn Eric Ericson verstanden hat. Und das zu einer Zeit, als in Deutschland noch der Breitwand-Chorsound beispielsweise eines Karl Richters ästhetisch bestimmend war. Beeinflusst wurde Ericson unter anderem durch Dirigenten wie Nikolaus Harnoncourt und deren moderne Sicht auf die Instrumentalmusik. Und diese Sicht hat Ericson dann auf die Stimme und den Chorgesang übertragen. In einem Interview hat Ericson einmal gesagt, sie hätten damals viel von der Art übernommen, wie Harnoncourts Instrumentalisten artikuliert hätten.

Inspiration für neue Chorwerke

Ericson war aber nicht nur ein außergewöhnlicher Dirigent und Chorerzieher, er hat auch viele Komponisten angeregt, neue Werke für Chor a cappella zu schreiben. So zum Beispiel den langjährigen Redakteur beim Schwedischen Rundfunk Lars Johan Werle. Seine „Nautical Preludes“ gehen experimentell mit der menschlichen Stimme um, sie verlangen ein blitzschnelles Umschalten von gesprochenem Text und gesungenen, teils hochvirtuosen Passagen. Wie gemacht für die Qualitäten von Ericsons Arbeit mit seinen beiden schwedischen Chören. Vor fast 50 Jahren sind diese Aufnahmen entstanden und haben bis heute kein bisschen von ihrem Vorbildcharakter verloren!

CD-Tipp vom 26.10.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt-Klassik

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