Christian Immlers "Schwanengesänge"

Letzte musikalische Worte

STAND
AUTOR/IN
Susanne Stähr
KÜNSTLER/IN
Christian Immler (Bariton), Anna Stephany (Mezzo-Sopran), Christoph Berner (Klavier), Danny Driver (Klavier), Silvia Fraser (Klavier)

CD-Tipp vom 30.9.2018

Wie verhält es sich eigentlich mit den Spätwerken, den letzten musikalischen Worten eines Komponisten? Stehen sie für höhere Erkenntnisse, die da einer, schon an der Schwelle zum Jenseits, noch der Nachwelt hinterlassen will? Der Bariton Christian Immler hat seine jüngste CD solchen „Schwanengesängen“ gewidmet: den letzten Liedern von Leonard Bernstein, Franz Schubert, Johannes Brahms und Samuel Barber, der mit seinen Three Songs op. 45 dabei ist.

Eine grüne Aue voller Klaviere

“A Green Lowland of Pianos” heißt das Lied, das der Amerikaner Samuel Barber 1972 auf einen surrealistischen Text des polnischen Dichters Jerzy Harasymowicz komponiert hat, und zwar für den großen Dietrich Fischer-Dieskau. Nun hat es Christian Immler aufgenommen auf seiner neuen CD „Swan Songs“ und wird dabei vom britischen Pianisten Danny Driver begleitet. Musikalisch verrät hier nichts, dass sich Barber mit diesem Song von der Liedkunst verabschieden sollte: Da tanzt alles schwerelos vor sich hin, fast wie bei einem Walzer. Auch Immler tänzelt entsprechend durch die Silben, Wörter und Bilder, erzählt von sonderbaren Herden schwarzer Klaviere, die in der Flussniederung den Fröschen lauschen. Und Driver umrankt seinen Gesang mit verspielten, üppigen Arabesken. Alles scheint Spaß zu sein auf Erden … Den Herbst des Lebens findet man dagegen viel eher bei einem Komponisten, der mit Anfang 30 eigentlich so viel noch vor sich haben sollte und doch dem Tod schon geweiht war: bei Franz Schubert und den Heine-Vertonungen aus seinem Sterbejahr 1828, die extrem reduziert und streng klingen.

Kultivierte und facettenreiche Intonation

Karg, starr, verlangsamt und oft einstimmig ist der Tonsatz in Franz Schuberts Heine-Vertonung „Ihr Bild“. Die hermetische Strenge dieser späten Schubert-Gesänge findet ihr Pendant vielleicht nur in den letzten, rätselhaften Klavierstücken von Franz Liszt – und sie suggeriert tatsächlich, dass hier etwas zu einem Ende kommen wird. Christian Immler, der die strenge Schulung eines Tölzer Knabenalts genossen hat und heute zu den gefragten Protagonisten in der Szene der Alten Musik gehört, gestaltet das mit perfekter Phrasierung und guter Textverständlichkeit. Und die ist umso mehr erforderlich, als die Verse im Booklet leider nicht abgedruckt und – entgegen der Ankündigung – auch nicht auf der Homepage des Labels AvI zu finden sind. Aber Immler ist nicht nur ein guter Textexeget, dessen Gesang die Worte ergründet. Hat man sich einmal mit seinem etwas kehligen Stimmklang angefreundet, dann darf man sich an seiner kultivierten und facettenreichen Intonation erfreuen.

Ein achtsamer, fast ehrfürchtiger Interpret

In Johannes Brahms’ Schlusswort im Liedgenre, der vierte der „Vier ernsten Gesänge“ op. 121, „Wenn ich mit Menschen- und mit Engelszungen redete“, legt der biblische Text aus dem ersten Korinther-Brief natürlich nahe, dass sich Brahms hier, ein Jahr vor seinem Tod und in der Vorahnung seines nahen Endes, mit der Vergänglichkeit und den letzten Dingen beschäftigte. Aber die Musik ist keineswegs weltabgewandt, karg und spröde oder auf Verneinung ausgerichtet. Sie entfaltet vielmehr ein üppiges Lebenspanorama, und Christian Immler trifft diesen Charakterzug mit langgesponnenen Melodiebögen, schmelzenden Phrasen und einer vielfältigen Tongebung, vom gehauchten bis zum fokussierten oder auch breit ausschwingenden Klang. Er ist kein draufgängerischer Sänger, sondern ein achtsamer, fast ehrfürchtiger Interpret, der die Worte wägt und behutsam anfasst, als seien sie ein kostbarer Gegenstand.

CD-Tipp vom 30.9.2018 aus der Sendung SWR2 Treffpunkt Klassik - Neue CDs

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AUTOR/IN
Susanne Stähr
KÜNSTLER/IN
Christian Immler (Bariton), Anna Stephany (Mezzo-Sopran), Christoph Berner (Klavier), Danny Driver (Klavier), Silvia Fraser (Klavier)