Das Cover von Nirvanas Album „Nevermind“ (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture-alliance)

Popgeschichte

30 Jahre „Nevermind“: Mit Nirvana begann eine neue Ära

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Jugendlicher Lärm trifft auf Attitüden des Punks, Melancholie paart sich mit Wut, sanfte Töne werden unterbrochen von harten Riffs: Mit ihrem zweiten Studioalbum „Nevermind“ schaffte die bis dahin nur in Szenekreisen bekannte Band Nirvana im September 1991 den großen Durchbruch. Dabei ist die Platte nicht nur ein Meilenstein der Musikgeschichte und der Soundtrack einer ganzen Generation, sondern auch die Geburtsstunde des neuen Genres Grunge.

Dave Grohl, Krist Novoselic und Kurt Cobain (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Photoshot | -)
Gegründet wurde Nirvana 1987 von Kurt Cobain und dem Bassisten Krist Novoselic, Schlagzeuger Dave Grohl stößt 1990 zur Band. picture alliance / Photoshot | -

Die Zeiten von Prunk und Glanz sind mit Nirvana und dem Grunge Geschichte

Überproduzierter Heavy Metal und glattpolierter Glamrock: In den 80er-Jahren dominierten Bands wie Bon Jovi oder Van Halen mit ihren wallenden Langhaarmähnen die angeschlagene Rockszene.

Als am 10. September 1991 der Song „Smells like teen spirit“ veröffentlicht wird, ahnt zunächst niemand, dass die unscheinbare Szeneband Nirvana aus Seattle mit ihrem neuartigen Sound die Rockmusik schon bald revolutionieren sollte. Prunk und Glanz hatten ausgedient, es war nun Zeit für Melancholie und Protest: Mit dem am 23.9.1991 erschienenen Album „Nevermind“ war der Grunge geboren und mit ihm eine neue Ära.

In „Nevermind“ trifft Punk auf Hard Rock und Metal

Das 13 Stücke umfassende Album „Nevermind“ zeichnet sich durch seinen rohen Sound aus, der Punkmusik mit Elementen von Hard Rock und Heavy Metal kombiniert. Der Wechsel von lauten und leisen Stücken ist ein Novum im Rock. Die harten Riffs sind eingängig, die Texte Cobains zeigen Verletzlichkeit, die kraftvolle Musik Nirvanas begeistert schnell die Massen.

Kurz nach dem Release verdrängt „Nevermind“ Michael Jackson vom ersten Platz der amerikanischen Billboard Charts, wenige Wochen später erhält es bereits Platinstatus. Die Verzweiflung und Frustration über den angekratzten amerikanischen Traum, die Nirvana auf dem Album zum Ausdruck bringen, läutet einen Wertewandel der Jugendkultur ein, Kurt Cobain wird zum Sprachrohr einer ganzen Generation.

Ikonische Looks von der Band bis zum Cover

Von Anfang an versucht die Band, mit den gängigen Konventionen des Musikgeschäfts zu brechen. Dabei ist es nicht nur die Musik, die gegen den Mainstream ankämpft, sondern auch das Auftreten und Erscheinungsbild der Bandmitglieder. Mit ungekämmten Haaren, lässigen Flanellhemden und farblosen Outfits etablieren Nirvana in den 90ern einen neuen Lifestyle.

Nirvana (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Geisler-Fotopress/Keuntje)
Kurt Cobain gilt als optische Antithese zum klassischen Macho: Er machte mit seinem verletzlichen und androgynen Stil einen Look populär, der auch heutzutage noch weit verbreitet ist. Geisler-Fotopress/Keuntje

Genauso bekannt wie die Musik ist auch das Cover des Albums, auf dem ein nacktes Baby in einem Swimmingpool nach einem Dollarschein taucht. Millionenfach nachgestellt und parodiert, ist das Cover zu „Nevermind“ zweifellos eines der bekanntesten Plattencover aller Zeiten. Besonders brisant: 2021 verklagt der heute 30-jährige Spencer Elden, das Baby vom Cover, die Band auf Schadensersatz wegen angeblicher Kinderpornographie.

Mit dem Strom schwimmen kam für Nirvana nicht in Frage

Die Abneigung gegenüber gängigen Konventionen wurde auch in Cobains Texten auf „Nevermind“ deutlich. Die vierte Singleauskopplung des Albums, „In Bloom“, ist beispielsweise eine Parodie auf unreflektierte Amerikaner, die stumpfsinnig der Masse hinterherlaufen.

And he likes to sing along
And he likes to shoot his gun
But he knows not what it means

Im Musikvideo zum Song treten Nirvana zunächst auffallend gepflegt auf: Eine Anspielung auf einen Auftritt der Beatles im Jahr 1964. Im Laufe des Videos nähern sich Nirvana jedoch immer mehr dem Image des Grunge an, bis sie im Finale die Kulisse samt Instrumenten zerstören – was später fester Bestandteil von Nirvana-Shows werden sollte.

In anderen Songs des Albums schlägt Texter Cobain ernstere Töne an. In „Lithium“ geht es beispielsweise gleichermaßen um Religion und Geisteskrankheit und „Polly“ handelt von einem vergewaltigten Mädchen, dessen Geschichte aus der Sicht des Täters geschildert wird.

Der Abend, an dem Nirvana den MTV Music Awards ihren Stempel aufdrückten

Destruktivität, Krawall und die Neigung zu Konflikten sind schon bald typisch für die Band aus Seattle. Deutlich wird dies unter anderem beim Auftritt Nirvanas bei den MTV Music Awards 1992, bei dem sich die Ereignisse förmlich überschlagen.

Ursprünglich wollen Nirvana an diesem Abend einen neuen Song namens „Rape me“ spielen, was MTV wegen des brisanten Titels jedoch ablehnt. Man einigt sich schließlich auf „Lithium“, was Kurt Cobain jedoch nicht daran hindert, zu Beginn des Auftritts dennoch „Rape me“ anzuspielen – der Beginn eines provokanten Auftritts.

Bassist Krist Novoselic wirft sich während der Performance seinen eigenen Bass an den Kopf und wird kurz ohnmächtig, das Publikum stürmt (zur Freude der Band) die Bühne, das Equipment wird zerstört und Kurt Cobain stürzt in das Drumset. Als er sich wieder aufrichtet, bespuckt er ein Piano, von dem er irrtümlich ausgeht, dass es Erzfeind Axl Rose gehört. Ein von Fans frenetisch gefeierter Abend, der endgültig klarstellen sollte, was Nirvana von der Musikindustrie halten.

Mit Kurt Cobain stirbt auch der Grunge

Während Seattle mit Bands wie „Pearl Jam“ oder „Alice in Chains“ in kürzester Zeit zum Epizentrum des Grunge wird, werden Nirvana durch „Nevermind“ zu dem, was sie eigentlich nie sein wollten: Popstars, die von der breiten Masse gefeiert werden. Ein plötzlicher Druck, unter dem Kurt Cobain schließlich zerbricht.

Kurt Cobain am Mikrofon (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/dpa/AP)
In seinem Abschiedsbrief schreibt Cobain: „Wenn wir Backstage sind und die Lichter ausgehen und das manische Gebrüll der Menge beginnt, berührt mich das nicht in der Form, in welcher es Freddie Mercury berührt zu haben schien. Er schien die Manie und Anbetung der Fans zu lieben und zu genießen. Das ist etwas, was ich total bewundere und beneide.“ picture alliance/dpa/AP

Mit dem tragischen Selbstmord Cobains im April 1994 nimmt die Band ein jähes Ende und die Blütezeit des Grunge endet abrupt. Der Kult um die Band besteht jedoch bis heute, auch 2021 beeinflussen Nirvana noch die Popkultur: Das Bandlogo, ein simpel gezeichneter Smiley mit verzerrtem Mund und herausgestreckter Zunge, ist bis heute ein beliebtes Shirtmotiv und Songs wie „Smells like teen spirit“ oder „Come as you are“ sind zu Hymnen angewachsen. Indie-Musik wurde durch Nirvana salonfähig und auch wenn der Grunge mit Kurt Cobain die große Bühne verließ, so lebt die Attitüde der Band weiter.

Ex-Nirvana Drummer und jetziger Foo Fighters-Frontmann Dave Grohl (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Matteo Scalet/Pacific Press)
Nach dem Tod von Bandkollege Cobain stürzte vor allem Schlagzeuger Dave Grohl in ein tiefes Loch. Er verarbeitete seine Gedanken in einem neuen musikalischen Projekt: Mit den Foo Fighters, bei denen er als Frontmann agiert, füllt er heute Stadien auf der ganzen Welt. Matteo Scalet/Pacific Press

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