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Heute würde man es wohl "social distancing" nennen: Eine Frau zieht sich zurück in einen hohlen Baobab-Baum. Aus dem Baum heraus erzählt sie ihre Geschichte, die Geschichte einer ehemaligen Sklavin.

„Der siebte Sinn ist der Schlaf“ ist ein moderner Klassiker von der Afrikanerin Wilma Stockenström: schwebend, poetisch und empfindsam erzählt.

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Eine Frau lebt in einem hohlen Baobab-Baum. Irgendwo im endlosen Buschland, im südafrikanischen Veld. Ganz allein aber ist sie nicht.

Denn ein Volk von kleinwüchsigen Menschen legt ihr Fleisch oder Honig vor die Tür, wenn sie am Fluss ist, um sich zu waschen. Lange bleibt sie nie fort, denn der Baobab ist ihr Schutzraum.

Ich kenne das Innere meines Baums wie eine Blinde ihr Haus, ich kenne seine glatten Flächen, seine Höhlungen, Schwellungen und Kanten, seinen Geruch, seine Dunkelheiten, seine mächtige Lichtspalte, wie ich die Hütten und Räume nie gekannt habe, in denen ich schlafen musste; wie ich nur etwas kennen kann, das mir gehört, mir allein – mein Wohnort, in den niemals jemand anderes eindringt. Ich kann sagen: Das bin ich. Das sind meine Fußabdrücke. Das ist die Asche meiner Feuerstelle. Das sind meine Mahlsteine. Das sind meine Perlen. Meine Scherben.

aus: Der siebte Sinn ist der Schlaf von Wilma Stockenström

Die Geschichte, die diese Frau erzählt, ist von schwebender Präzision, von kraftvoller Milde, von dynamischer Ruhe.

Diese erstaunliche Balance gelingt der Südafrikanerin Wilma Stockenström in ihrem berühmtesten Roman auf hervorragende Weise.

Auf Afrikaans erschien er bereits 1981 – sicherlich ein klein wenig Buch seiner Zeit, denn es erzählte in den Jahren des weltweit erstarkenden Feminismus von einer weiblichen Selbstentdeckung.

Zudem konnte man es ohne weiteres als – wenn auch eher leisen, empfindsamen, aber eben doch als – Einspruch gegen Sklaverei und Apartheid lesen.

Zeitlich aber ist die Geschichte gar nicht so leicht einzuordnen, denn die Erzählerin im Baobab besitzt fast keine politischen, geographischen oder zeithistorischen Kenntnisse.

Als Kind aus ihrem Dorf geraubt, war sie ihr Leben lang Eigentum, konnte also nie selbst etwas planen, war immer dem Moment ganz und gar ausgeliefert.

Jetzt erinnert sie sich und erzählt von ihren vier Besitzern, von einer Freundin, die sie einmal hatte, und von einer großen Odyssee durch das Veld mit ihrem letzten Eigentümer.

Eine Expedition, die gründlich schiefging, bis Baobab und Essensspenden sie retteten. Doch auch mit den kleinen Menschen erlebt sie etwas, das sie schon kannte, als sie noch die bevorzugte Sklavin war und weder zu den Herren noch zu den Knechten gehörte.

Es ist eine seltsame Erfahrung, ein gemeinsames Leben zu führen ohne Verständigung, und ich frage mich oft, ob sie mich bemitleiden wollen oder mich verehren. Ich versuche, mich angemessen zu verhalten. Mir einzugestehen, dass ich nichts anderes tun und mein Los als verwöhnte Gefangene nur akzeptieren und mich entsprechend dankbar erweisen kann. Es ist, als verstärke die Anwesenheit anderer meine Einsamkeit.

aus: Der siebte Sinn ist der Schlaf von Wilma Stockenström

Es passiert nicht nur Schönes um den Baobab-Baum herum, und als Happy End kann man den Schluss auch nicht unbedingt interpretieren.

Was die Erzählerin sich aber erschafft, ist nach ihren linearen Fluchtwegen zuvor eine kreisende Bewegung um ihre neue Heimstadt herum. Und damit erstmals um sich selbst.

All dies fasst sie, die nach außen nur noch das Arbeitspidgin der Sklaven verschiedener Völker spricht, sehr genau.

Denn es ist nicht ihr Mund, der hier spricht, es ist ihr Inneres.

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