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Martin Walsers „Sprachlaub“, das sind zumeist kurze Stücke, mal nur ein Satz, mal wenige Strophen, manche gereimt, oft mit traumhaften Zügen. Walsers Tochter Alissa hat Aquarelle dazu gemalt.
Ein dichtes, berührendes, schönes Buch, das beweist, dass der Autor - und der Leser? - immer noch auf eines vertrauen kann: die Sprache.

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Martin Walser war immer ein Dichter der Fülle, nie des Mangels

Der Wörterbaum, der war im berühmten Erinnerungsroman von Martin Walser: „Ein springender Brunnen“ die Keimzelle des künftigen Dichters. Johann, das alter ego Walsers, sammelte mit seiner Hilfe entlegene fremde und besondere Worte, Popocatépetl, Rabíndranath Tagore, Trauerweide. Mit jedem Wort wurde die Welt größer und reicher. Martin Walser war immer ein Dichter der Fülle, nie des Mangels. Writers Block ein Fremdwort.

Jetzt also, 23 Jahre später erscheint „Sprachlaub“, als hätte der Wörterbaum seine Blätter verloren. Das neue Buch sammelt sie auf, zumeist kurze Stücke, mal nur ein Satz, mal wenige Strophen, manche gereimt, oft mit traumhaften Zügen, wie man das von Walser kennt.

Dieses Buch ist vom Tod her geschrieben, doch es kämpft um das Leben

Walser war nie nur ein simpler Realist, immer war die Durchlässigkeit des Traums eine Wurzel seines Schreibens. Dieses Buch will nicht mehr scheinen, als es ist: von kleiner Form, aber es geht dabei ums Ganze.  Es ist vom Tod her geschrieben, doch es kämpft um das Leben.

Alissa Walser hat Aquarelle dazu gemalt, naturfarbene durchscheinende Linien, ohne Anfang, ohne Enden, von zunehmender Durchsichtigkeit wie die Sätze ihres Vaters. 

Trauer durchzieht die Zeilen, Klage, aber kein Selbstmitleid

„Sprachlaub“ klingt melancholisch, aber das trifft es nicht ganz. Trauer durchzieht die Zeilen, Klage, aber kein Selbstmitleid. Sie greifen nicht mehr in die Welt aus, es geht in ihnen vor allem um dieses eine ICH, aber in diesem Rückzug sind sie genau, vielsagend und überraschend. 

„Der Himmel glüht, allwissend schweigen die Bäume,
wer`s jetzt noch eilig hat, ist ein Narr.
Existenz pur schwebt mir vor,
Weltmeister will ich sein
durch nichts
als Einbildungskraft.“
(Martin Walser: Sprachlaub, S. 5)

Das klingt nicht nur nach Abschied, sondern auch nach einer Feier der Dichtung. Immer noch wird geschrieben. Und damit gelebt. Aber die Worte wissen um ihre Endlichkeit. Jedes einzelne ist eines, dass das Ende aufschiebt, „für später“, wie es einmal heißt, das es paradoxerweise nicht gibt. Der Dichter als Scheherazade, die sich selbst die Geschichten erzählt – mit allen Mitteln:

„Geht mir das Denken aus,
dröhnt mir die Leere im Kopf,
schmier ich mein Blut aufs Papier
und zähle meine Haare.“
(Martin Walser: Sprachlaub, S. 36)

Das Wort „Leben“ taucht mindestens so oft auf wie das Wort „Tod“

Da will einer nicht gehen, obwohl er auch den Gedanken an Selbstmord nicht scheut – „mit dem Messer die Ader ritzen“. Es ist ein Buch des Widerstands, eines, in dem das Wort  „Leben“ mindestens so oft auftauchen wird wie das Wort „Tod“.

Aber es handelt auch von körperlichen Schmerzen, Krankheit und Vergänglichkeit, von Erinnerungsverlust und verlorener Vergangenheit, davon, kein passendes Wort zu finden.

„Hätte das Blau des Himmels
Einen verläßlichen Namen,
dann sänge ich hinauf,
so aber spür ich, wenn ich mich
nach oben wende, nichts
als die Schwere meines Kopfes.“
(Martin Walser: Sprachlaub, S. 30)

Was man sieht, wenn man im Garten sitzt

Der Horizont des Autors ist enger geworden. Man sieht, soweit man sieht, wenn man im Garten sitzt und nach Süden blickt:

„Der Bodanrück, ein dickes Dunkel,
drüber ein roter Rost vom Tag,
weiter will ich nicht sehen,
komme, was mag.“
(Martin Walser: Sprachlaub, S. 12)

Die Natur wird zum Ersatz der Gesellschaft, Tiere tauchen auf, Amseln, Krähen, Wespen, Hunde, Katzen, Bienen, als wären sie die letzten Gefährten. Komplizen des Lebens, der Verlebendigung, und wenn die auch nur ironisch im Schmerz besteht.

„Als ich meinen Kopf sinken ließ,
setzte sich eine Wespe auf mich und
stach mich ins Genick.“
(Martin Walser: Sprachlaub, S. 65)

Die lieben Feinde erinnern an vergangene Kämpfe

Manche Stücke erinnern an früher, scheinen schon etwas älter zu sein. Da sind sie wieder, die Feinde, die lieben Feinde, ohne die Martin Walser nicht sein kann. Sie erinnern an vergangene Kämpfe, die weder verloren gegangen sind noch gewonnen wurden. Jetzt sieht man, dass es vielleicht einfach nur um das Kämpfen ging. Und sonst nichts.

Auch die Religion wird berührt, „Gott und Teufel sind ein liebes Paar“. „Fromm“ ist das Wort, das Martin Walser benutzt, und es meint eher Pantheismus als Kirche.  „Wenn Götter, dann solche des Wetters, die kein Wesen haben, das bleibt.“

Aber wirklichen Trost geben sie keinen. Das Ich bleibt allein. Auf den letzten Seiten tritt der Tod immer häufiger auf. Aber das allerletzte Wort heißt: Leben.

„Stich mich nicht in die Hüfte, Freund,
zapf mich nicht an, ich wehre mich
nicht, ich bin bedacht und will
bis zum letzten Abend leben.
(Martin Walser: Sprachlaub, S. 142)

Ein dichtes, berührendes, schönes Buch

Am 24. März feiert Martin Walser seinen 94. Geburtstag. Er hat uns dazu ein dichtes, berührendes, schönes Buch geschenkt, das beweist, dass er trotz seines anfänglichen Mißtrauens -  „Du musst den Wörtern kündigen“ - immer noch auf eines vertrauen kann: die Sprache.

Gespräch Martin Walser – Sprachlaub oder: Wahr ist, was schön ist

Martin Walser feiert am 24. März seinen 94. Geburtstag. „Sprachlaub“ zeigt ihn einmal mehr als Meister der Sprache. Die kurzen Gedichte sind
vom Abschied her geschrieben - aber sie kämpfen um das Leben; feiern die Dichtung ebenso wie die Natur. Ein berührender und schöner Band.
Anja Brockert im Gespräch mit Frank Hertweck.
Rowohlt Verlag, 144 Seiten, 28 Euro
ISBN: 978-3-498-00239-8  mehr...

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