SWR2 lesenswert Kritik

Daniel Schreiber: Allein

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AUTOR/IN
Oliver Pfohlmann

Ist ein erfülltes Leben auch ohne Beziehung möglich? Warum glauben wir alle immer noch an die eine große Liebe? Und wie wichtig sind Freundschaften, zumal in Zeiten des Social Distancing? In "Allein" meditiert Daniel Schreiber auf kluge, anrührende Weise über unsere Einsamkeit.

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Die Erfahrung des Alleinlebenden zu Beginn der Pandemie: Man ist völlig auf sich allein gestellt

Daran werden sich noch viele erinnern: Als sie zu Beginn der Pandemie plötzlich vor leeren Supermarktregalen standen. Und dieses mysteriöse Virus aus China unübersehbar im Alltag angekommen war. Besonders für Alleinlebende konnte dieser Moment einen regelrechten Schock auslösen.

So zumindest war es für Daniel Schreiber. In seinem neuen Buch gesteht der Journalist und Essayist, es sei dieser Moment gewesen, als er erstmals realisiert habe, in seinem Leben völlig auf sich allein gestellt zu sein.

„Allein“ hat Daniel Schreiber denn auch sein neues Buch betitelt. Natürlich weiß der 44-jährige Autor nur zu gut, dass die Erfahrung von Einsamkeit und Alleinsein in unserer Gesellschaft schon lange ein Massenphänomen ist. Schon die Zahl der Einpersonenhaushalte macht laut Statistischem Bundesamt inzwischen über 40 Prozent aus.

Doch während des Lockdowns wurde diese Lebensform, egal ob jemand sie nun freiwillig oder unfreiwillig führt, für viele Menschen auf eine allzu harte Probe gestellt.

Schreiber kombiniert seine persönlichen Erfahrungen mit Einsichten von Soziologen, Psychologen und Philosophen

Wie schon seine letzten beiden Bücher über das Trinken und die Sehnsucht nach einem Zuhause ist auch „Allein“ ein ausgesprochen persönlicher und bekenntnisreicher Essay. Dafür, dass Schreibers Privaterfahrung exemplarische Bedeutung gewinnt, sorgt die fortwährende Auseinandersetzung des Autors mit den Einsichten von Soziologen, Psychologen und Philosophen, also das kurzweilige Hinund Herschalten zwischen eigenem Erleben und theoretischen Konzepten.

Das ist meist überaus erhellend, kann im Einzelfall allerdings auch albern wirken. Etwa als Daniel Schreiber Anfang 2020 sozial ausgehungert in einem Schweizer Luxushotel eincheckt und sich von der ihm dort entgegengebrachten Freundlichkeit schier überwältigt fühlt. Prompt sieht er darin eine Bestätigung für das Konzept heilsamer „Spontanbündnisse“ von Silvia Bovenschen.

Produktiver erscheint da schon die von Schreiber erinnerte These von Lauren Berlant, wonach in unserer Gesellschaft ein „cruel optimism“, ein „grausamer Optimismus“ herrsche. Schließlich werde von praktisch allen, bewusst oder unbewusst, die Vorstellung geteilt, dass jeder in unserer Gesellschaft glücklich werden und eine erfüllende Beziehung führen könne.

Die Idee der einen romantischen Liebe im Leben ist die letzte kollektive Großerzählung

Doch die Realität sieht für viele Menschen anders aus, zum Beispiel, weil sie auf die eine oder andere Weise marginalisiert sind. Überhaupt sei die Idee der einen romantischen Liebe im Leben so etwas wie die letzte kollektive Großerzählung, glaubt der Autor – unabhängig davon, wie selten sie der eigenen Lebenserfahrung entspricht.

Und zwar auch und gerade, wenn man, wie der Buchautor, homosexuell ist. Dafür sorge schon, so Daniel Schreiber, die von Kindheit an eingepflanzte sogenannte „queere Scham“: In einer heteronormativen Welt erleben viele Schwule und Lesben das eigene Bedürfnis nach Nähe und Intimität eben nicht als selbstverständlich.

Doch so oder so gilt: Wer als Single lebt, für den ist der Freundeskreis als Quelle menschlicher Nähe und Anerkennung umso wichtiger.

Nun gehört Daniel Schreiber offenbar zu jenen glücklichen Menschen, die viele Freunde und Freundinnen, sogar aus allen Lebensphasen, haben. Umso bitterer sei für ihn die Erfahrung gewesen, dass er sich von ihnen während des Lockdowns im Stich gelassen fühlte, allen gemeinsamen Spaziergängen, Telefonaten oder Zoom-Gesprächen zum Trotz. Im Rückblick ein ungerechter Eindruck, wie der Autor gestehen muss: Schließlich hatte auf dem Höhepunkt der Pandemie eben jeder, auch und gerade jede Familie, plötzlich mit sich selbst zu tun.

Schreiber reflektiert brandaktuelle kollektive Erfahrungen in einem eleganten Stil

Wie Daniel Schreiber dennoch seine Zeit der Einsamkeit überwinden konnte, wie er Freundschaft neu definiert und alte Lebensträume verabschiedet, ist anrührend und bewegend zu lesend. Dabei dürften die von ihm beschriebenen Techniken der „Selbstreparatur“ bzw. „Selbstfürsorge“ vielen Leser:innen bekannt vorkommen: vom Spazierengehen und Wandern über das suchtartige Anschauen von Fernsehserien bis hin zu Yoga, Gärtnern und Stricken. Auch das macht dieses kluge Buch zu einem enorm anschlussfähigen Text, in dem brandaktuelle kollektive Erfahrungen in einem eleganten Stil reflektiert werden.

Der 1977 geborene Journalist und Buchautor Daniel Schreiber hat in Berlin und New York studiert. In den USA verfasste er eine vielbeachtete Abhandlung zu Susan Sontag. Danach arbeitete er für die Kunstzeitschrift "Monopol" und das Magazin "Cicero".

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