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Ein Buch übers Fliegen, über die Sehnsucht nach einem offenen Himmel: Das ist „Nelly B.s Herz“ im wörtlichen und im metaphorischen Sinne.

Die Hauptfigur Nelly B., inspiriert durch die Pilotin Melli Beese, ist die erste Frau, die 1911 in Deutschland die Flugzeugführerlizenz erhält und in Berlin Johannisthal eine Flugschule gründet.

Ein großer Roman über den Traum von Freiheit: im Himmel - und auf der Erde.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
17:05 Uhr
Sender
SWR2

Die 1920er Jahre sind Trendmotiv und auch das Setting des Romans

Die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts sind in Film und Literatur gerade wieder schwer angesagt - unter anderem beflügelt durch den Erfolg der Serie „Babylon Berlin“.

Ins Berlin der Zwanziger Jahre führt auch der Roman „Nelly B.s Herz“ des schwedischen Autors Aris Fioretos.

Autor Aris Fioretos (Foto: Pressestelle, David Brandt)
Autor Aris Fioretos Pressestelle David Brandt

Die deutsche Flugpionierin Melli Beese dient als Vorbild

Inspiriert durch die Biographie der deutschen Flugpionierin Melli Beese erzählt er die packende Geschichte einer Frau, die sich ihren Traum vom Fliegen gleich in mehrfacher Hinsicht erfüllt, auch wenn sie am Ende traurig scheitert.

„Fliegen tut not, Leben tut nicht not.“

aus: „Nelly B.s Herz“ von Aris Fioretos

Dieser Satz wird im Laufe des Romans gleich mehrfach beschworen. Es ist das Mantra von Nelly B., der begeisterten Pilotin und Hauptfigur im neuen Roman von Aris Fioretos.

Der erste Pilot der Geschichte soll mit Schwingen aus Wachs zur Sonne aufgestiegen sein. Er ließ ein Labyrinth hinter sich, strebte nach offenen Himmeln. In dieser Sehnsucht nach Ungebundenheit erkenne ich mich selbst wieder.

aus: „Nelly B.s Herz“ von Aris Fioretos

Nelly B. muss die Grenzen des eigenen Ichs überwinden

Nelly B. will abheben und Grenzen überwinden, nicht nur die der Schwerkraft, sondern auch die Grenzen des eigenen Ichs:

Wenn ich den Wind eingeschätzt und Kurs gesetzt hatte, wartete ich stets auf den Moment, in dem die Maschine in den Körper einzog. In einem bestimmten Augenblick ließ sich nicht mehr sagen, dies war das Flugzeug, das die Pilotin. Gemeinsam bildeten wir ein Wesen zwischen den Ordnungen, einen Maschinenmenschen.

aus: „Nelly B.s Herz“ von Aris Fioretos

Neue Geschlechterrollen eröffnen neue Möglichkeiten

Viele neue Bilder vom Menschen entstehen da in den technikbegeisterten 1920er Jahren, nach dem Schock des Ersten Weltkriegs: Die aufblühenden urbanen Kulturen bringen sie hervor.

Neue Geschlechterrollen eröffnen plötzlich neue Möglichkeiten, die Frauen tragen Hosen und Kurzhaarschnitte und treten auch sonst ziemlich selbstbewusst auf.

Eine Frau wagt sich in eine Männerdomäne

„Nelly B.s Herz“ erzählt auch davon, wie sich eine Frau erfolgreich den Weg in eine Männerdomäne bahnt. Die Pilotin, oder wie es früher so elegant hieß: Aviatikerin, hat ein reales Vorbild.

Melli Beese, die 1911 als erste Frau in Deutschland die Flugzeugführerlizenz erhielt und danach in Berlin-Johannisthal eine Flugschule gründete.

Ein reales Vorbild, aber keine biographische Erzählung

Fioretos orientiert sich in seinem Roman lose an einigen Eckdaten ihrer Biographie: die Ehe mit einem Franzosen, das Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie Stockholm und der Freitod im Jahr 1925.

Der Rest ist Fiktion, künstlerische Freiheit - und daraus schöpft Aris Fioretos den Stoff für einen wirklich großen, an Themen, Motiven und Zeitkolorit reichen Roman.

Nach Ende ihrer Fliegerkarriere kommt Nelly auf dem Boden der Tatsachen auf

Ein Herzleiden zwingt Nelly eines Tages, das Fliegen aufzugeben und „am Boden zu bleiben“. Auch ihre Ehe mit dem Franzosen Paul leidet, als nach der gemeinsam ausgelebten Leidenschaft fürs Fliegen nicht viel bleibt, das sie zusammenhält.

Sie trennt sich von Paul; das Fliegen wird sie allerdings bald in einer neuen Variante kennen lernen, denn sie begegnet der 14 Jahre jüngeren Irma:

In diesem Moment wusste ich nicht, was geschah. Heute weiß ich, dass mein Leben als Duvölligverrückte begann. Meine zwölf Monate auf Erden. Und über sie kann ich nur im Präsens sprechen.

aus: „Nelly B.s Herz“ von Aris Fioretos

Der männliche Autor versetzt sich glaubhaft in seine weibliche Protagonistin

Bei Nelly tritt ein Zustand ein, den sie als „Kohlensäure im Blut“ beschreibt. Die Amor fou zwischen den beiden Frauen mit allen ihren Höhenflügen - aber auch mit ihren Abstürzen - bildet das grandiose Herzstück des Romans.

Wie sich die Anziehung hier ereignet, das schildert Fioretos in einer funkelnden und fein nuancierten Sprache, die auch zeigt, wie glaubhaft er sich in eine weibliche Figur hineinversetzen kann.

Ein Roman über den Rausch

Auch das brodelnde Berlin der 1920er Jahre mit seinen Vergnügungen vom Autorennen, dem Kino bis zu den Nachtclubs lässt er in wunderbaren Tableaus aufleuchten.

Vor allem aber ist „Nelly B.s Herz“ ein faszinierender Roman über den Rausch in allen seinen schönen und gefährlichen Facetten: Den Rausch, den man beim Sich-Verlieben erlebt, den Rausch des Fliegens - und am Ende ist es auch ein Roman über den Rausch der Drogen.

Die Morphine, die sich Nelly immer öfter zur Beruhigung ihres in mehrfacher Hinsicht kranken Herzens verabreicht, führen sie schließlich in die Abhängigkeit. Ihr Glück ist kurz, aber am Ende steht keine Reue, sondern, wie Nelly sagt: „Trotzige Dankbarkeit.“

WARUM DIESES BUCH? Weil es die bewegende Lebensgeschichte der ersten Frau in Deutschland mit Flugschein erzählt.

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