Berlin, 27.01.2020 Weiße Rose auf einer Stele des Holocaust-Mahnmal bei der Gedenkveranstaltung für die ermordeten Juden Europas am Holocaust-Mahnmal und der Gedenkstaette Topographie des Terrors in Berlin. In Gedenken an den 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz veranstaltet die jüdische Gemeinde und antifaschistische Initiativen unter dem Motto "Kein Vergessen Kein Vergeben" zur Erinnerung an die ermordeten Juden Europas im Dritten Reich. (Foto: IMAGO,  imago images / IPON)

Geschichte

Holocaust-Gedenktag 2021: Erstarken des Antisemitismus verhindern

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Der grausamen Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten fielen vor allem Juden und Jüdinnen, Sinti*ze und Rom*nja, Menschen mit Behinderungen und psychisch Kranke zum Opfer. Andere Bevölkerungsgruppen wie Homosexuelle, Zeugen Jehovahs und sogenannte Asoziale und Berufsverbrecher wurden ebenfalls systematisch verfolgt, gequält und ermordet. Ihrer und aller anderen Opfer der Nationalsozialisten – darunter auch politische Gefangene, Zwangsarbeiter*innen und Widerstandskämpfer*innen – wird seit 1996 am 27. Januar in Deutschland gedacht. Der Tag markiert die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee 1945 und ist seit 2005 auch weltweit Gedenktag der Opfer des Holocaust.

Marina Weisband: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland

Es habe keinen Sinn mehr, den Anfängen wehren zu wollen, sagt die Publizistin Marina Weisband in SWR2, mit Blick auf die Verbreitung antisemitischer Einstellungen in der Gesellschaft. Man sei in Deutschland nicht mehr „in den Anfängen, sondern in einem stetigen Prozess“, so Weisband, die bei der Gedenkstunde im Bundestag für die Opfer des Holocaust spricht. 20 bis 25 Prozent der Bevölkerung hätten latent antisemitische Einstellungen.

Durch die Corona-Pandemie und die amerikanische QAnon-Bewegung werden vermehrt antisemitische Verschwörungsmythen im Internet und in der Gesellschaft verbreitet. Der Anschlag von Halle zeigt, mit welch tödlicher Gewalt sich diese in der Realität manifestieren können.

Es gebe in Deutschland zwei verschiedene Gedenkkulturen: eine deutsche und eine jüdisch-deutsche. Entscheidend dabei sei, so Weisband: „Sind die anwesenden Jüd*innen nur Dekoration, sind sie ,Props‘, oder hört man ihnen zu, gibt man ihnen eine Stimme, auch das zu sagen, was vielleicht nicht ins normale Protokoll passt“.

Ursprünge der Erinnerungskultur: Die ARD Doku „Zeugen – Wie der Holocaust ins Fernsehen kam“

Zwei Jahre nach der Ausstrahlung der US-Serie „Holocaust“ 1979 folgte eine weniger bekannte, aber mindestens genauso wichtige Etappe für die Herausbildung der deutschen Erinnerungskultur: Das Erste sendete Interviews mit KZ-Überlebenden unter dem Titel „Zeugen – Aussagen zum Mord an einem Volk“. 40 Jahre später zeichnet eine Dokumentation diesen Weg noch einmal nach mit teilweise bisher unveröffentlichtem Archivmaterial.

Unterstrichen wird die Bedeutung des Holocaust-Gedenktages dadurch, dass 2021 das Festjahr „1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ begangen wird. Die jüdische Kultur soll als wertvoller und langjähriger Teil der Kultur in Deutschland gefeiert und in den Mittelpunkt gerückt werden.

Wie erinnern wir heute an den Holocaust?

19.1.1996 Erster "Holocaust-Gedenktag"

19.1.1996 | Der 27. Januar – Jahrestag der Befreiung der Menschen im Konzentrationslager Auschwitz 1945 – ist in Deutschland Holocaust-Gedenktag. Das war nicht immer so. Dieser Gedenktag wurde erst 51 Jahre nach Ende der Nazi-Diktatur geschaffen. Die erste Feierstunde 1996 wurde allerdings wegen einer Dienstreise von Bundespräsident Roman Herzog eine Woche vorverlegt, auf den 19. Januar. Vor Herzog spricht Bundestagspräsidentin Rita Süßmuth.  mehr...

Erinnerungskultur Holocaust-Gedenken – Wie Jugendliche das Erinnern lernen

Zeitzeugen, die von ihrer Geschichte erzählen könnten, gibt es bald nicht mehr. Doch Gedenkstättenbesuche sind für Schulklassen oft nur öde Pflichtbesuche. Wie vermittelt man Jugendlichen den Holocaust?  mehr...

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SWR2 Zeitgenossen Luigi Toscano porträtiert Holocaust-Überlebende „Gegen das Vergessen“

Im Gespräch mit Annette Lennartz  mehr...

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Leben Erinnern, aber wie? Die letzten Zeugnisse von Auschwitz

Von Maria Ossowski  mehr...

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Das Unvorstellbare sichtbar machen

18.1.1979 Anschlag auf SWF, um „Holocaust“-Ausstrahlung zu verhindern

Am 18.1.1979 detonierte ein Sprengsatz am Sender Koblenz des Südwestfunks – an jenem Abend, als die erste Folge von „Holocaust“ im Fernsehen lief. Ähnliches passierte beim WDR in Münster. Der Verdacht fiel schnell auf Neonazis, die schon zuvor in Publikationen dazu aufgerufen hatten, die Ausstrahlung der Serie zu verhindern.

Der Verdacht bestätigte sich: Ein Nazi aus Wiesbaden wurde schließlich als Täter ermittelt und zu mehr als vier Jahren Haft verurteilt.  mehr...

28.1.1979 Zuschauerreaktionen auf US-Fernsehserie „Holocaust“

28.1.1979 | Das Wort „Holocaust“ zog erst mit der gleichnamigen Serie 1979 in die deutsche Sprache ein – und das war nicht das einzige, was diese US-Serie bewirkte. Die Aufarbeitung und öffentliche Erinnerungskultur hat damals erst begonnen. Die Resonanz auf die Serie war überwältigend – aber auch gespalten, wie die Zuschauerreaktionen zeigen.  mehr...

15.4.1946 Ehemaliger Lagerkommandant Rudolf Höß über Auschwitz

15.4.1946 | Kurt Kauffmann, der Verteidiger von Ernst Kaltenbrunner, verhört Rudolf Höß, der von 1940 bis 1943 Lagerkommandant von Auschwitz war. Höß spricht offen über die Ankunft der Züge mit den Gefangenen, ihre Aufteilung in Zwangsarbeit oder Tod in der Gaskammer. | Nürnberger Prozesse  mehr...

Überlebende im Gespräch

Leben Von Trauer und Trotz - Die Holocaust-Überlebende Zilli Reichmann

Jahrelang suchte Historikerin Jana Mechelhoff nach einer Sinteza, die als junge Frau das sogenannte „Zigeunerlager“ in Auschwitz überlebte bis sie schließlich Zilli Reichmann fand.     mehr...

SWR2 Leben SWR2

Zeitgenossen | Zum Tod von Renate Lasker-Harpprecht Renate Lasker-Harpprecht: „Ich will mir nicht den Rest meines Lebens von Hitler diktieren lassen“

Renate Lasker-Harpprecht war Holocaust-Überlebende, die nach ihrer Maxime lebte: „Ich will mir nicht den Rest meines Lebens von Hitler diktieren lassen“. Die Journalistin und aufmerksame Beobachterin des Zeitgeschehens starb am 3. Januar 2021 in Süd-Frankreich im Alter von 96 Jahren.   mehr...

SWR2 Zeitgenossen SWR2

Holocaust-Gedenktag Anita Lasker-Wallfisch: Die Cellistin von Auschwitz

Die 92-jährige Auschwitz-Überlebende Anita Lasker-Wallfisch hält in diesem Jahr die Rede beim Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag.  mehr...

Leben Das Leben als Überlebende - Margot Friedlander lässt die Deutschen nicht vergessen

Eine der letzten Zeitzeugen des Holocaustfeiert am 5. November 2020 ihren 99. Geburtstag. Margot Friedlander ist 1921 in Berlin geboren und bleibt bis ins hohe Alter aktiv.  mehr...

SWR2 Leben SWR2

Zeitgenossen Die Holocaustüberlebende Inge Auerbacher

Inge Auerbacher wuchs als Kind strenggläubiger Juden im südbadischen Kippenheim und in Jebenhausen auf. Mit sieben Jahren wurde sie gemeinsam mit ihren Eltern in das Ghetto Theresienstadt verschleppt. Ihre Kindheitserinnerungen als Überlebende des Holocaust hat Inge Auerbacher in einem Kinderbuch zusammengefasst.  mehr...

SWR2 Zeitgenossen Agnes Heller, Philosophin

Mit ihrem Essay "Von der Utopie zur Dystopie" hat die 1929 in Budapest geborene ehemalige Marxistin Ágnes Heller jüngst einen philosophischen Schlussstrich unter die totalitären Zukunftsentwürfe gezogen. Die Holocaust-Überlebende mit jüdischen Wurzeln wurde von Georg Lukácz promoviert und musste die Universität wegen ihrer Teilnahme am Ungarn-Aufstand 1956 verlassen. Sie emigrierte in den 70er-Jahren, arbeitete zunächst in Melbourne und folgte später Hannah Arendt auf ihrem Lehrstuhl in New York. Auch wenn Ágnes Heller sagt: "Ich kann nicht alles gleichzeitig in Frage stellen" mischt sich die Philosophin immer wieder in aktuelle Themen ein.  mehr...

SWR2 Zeitgenossen SWR2

24.5.1981 Hans Rosenthal spricht über seine "Zwei Leben in Deutschland"

24.5.1981 | Hans Rosenthal (1925 - 1987) war einer der beliebtesten Showmaster Deutschlands. Den Holocaust überlebte er nur knapp in einem Versteck in Berlin. Hier erzählt er seine Geschichte.  mehr...

Leben Im Schatten leben - Eva Nickel und ihre ermordeten Schwestern

Eva Nickel hat ihre in Auschwitz ermordeten Schwestern Ruth und Gitti nie kennengelernt, aber Evas ganzes Leben ist von ihnen geprägt.  mehr...

SWR2 Leben SWR2

Kinder im Konzentrationslager

April 1945 Olga Schlossberg (14 Jahre) nach ihrer Befreiung aus Bergen-Belsen im BBC-Interview

April 1945 | Am 15. April 1945 befreiten britische Truppen das Konzentrationslager Bergen-Belsen. Unmittelbar danach führt ein BBC-Reporter ein Interview mit einer 14-jährigen Überlebenden. Der Name des Interviewers ist nicht dokumentiert. Die Aufnahme dauert nur 40 Sekunden.  mehr...

16.4.1945 Radioansprache von Anita Lasker nach ihrer Befreiung aus Bergen-Belsen

16.4.1945 | Am 15. April 1945 wurde die 19-jährige Anita Lasker von britischen Truppen aus dem KZ Bergen-Belsen befreit. Schon einen Tag später berichtete sie im deutschen Programm der BBC, was sie erlebt hatte.  mehr...

Jüdisches Leben heute: Alltag und Antisemitismus

Gespräch Ronen Steinke - Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt

Jüdisches Leben in Deutschland ist ständig bedroht – und Staat und Justiz kommen ihrer Schutzaufgabe nicht nach. Das ist die Anklage, die Ronen Steinke in seinem neuen Buch „Terror gegen Juden“ erhebt. Er hat die Bedrohung jüdischer Gemeinden im ganzen Bundesgebiet dokumentiert.
Theresa Hübner im Gespräch mit Ronen Steinke.  mehr...

SWR2 lesenswert Magazin SWR2

Europäische Perspektiven

Zeitgeschichte Holocaust in der Ukraine – Ringen um die Erinnerungskultur

Während des Kommunismus wurde die Erinnerung an den Holocaust in der Ukraine unterdrückt oder verfälscht. Der Kampf gegen die historische Amnesie hat in dem Land gerade erst begonnen.  mehr...

SWR2 Wissen SWR2

Buchkritik Alena Mornštajnová - Hana

Alena Mornštajnovás Roman "Hana" gilt als eines der erfolgreichsten tschechischen Bücher der letzten Jahre. Er erzählt von der Ermordung der jüdischen Bevölkerung durch die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg. Ein Roman von großer emotionaler Wucht, der den Leser aber auch etwas überwältigt zurücklässt.
Rezension von Tino Dallmann.
von Raija Hauck aus dem Tschechischen übersetzt.
Wieser Verlag, 380 Seiten, 21 Euro
ISBN 978-3-99029-438-3  mehr...

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

Buchkritik Anna Bikont - Wir aus Jedwabne - Polen und Juden während der Shoah

"Jedwabne", das ist heute eine Metapher für die Beteiligung von Polen an einer Reihe von Judenpogromen in Ostpolen im Jahr 1941, zur Zeit der deutschen Besatzung. Um die Jahrtausendwende gab es darüber in der polnischen Öffentlichkeit eine hitzige Debatte, die die Journalistin Anna Bikont, selbst jüdischer Herkunft, zum Anlass nahm, eigene Recherchen aufzunehmen.
Rezension von Judith Leister.
Aus dem Polnischen von Sven Sellmer
Suhrkamp/Jüdischer-Verlag, Berlin 2020, 699 Seiten, 34 Euro
ISBN 978-3-633-54300-7  mehr...

SWR2 lesenswert Kritik SWR2

Podcast SWR2 Stolpersteine

Der Künstler Gunter Demnig verlegt Stolpersteine an Orten, an denen Opfer der NS-Zeit gelebt haben. SWR2 ging einzelnen Lebensgeschichten nach, die sich hinter den Stolpersteinen verbergen.  mehr...

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