Neue Studie zur sexualsierten Gewalt in der Evangelischen Kirche (Foto: IMAGO, Imago)

SWR1 Sonntagmorgen

Erste bundesweite Studie zu sexualisierter Gewalt in evangelischen Einrichtungen veröffentlicht

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Zülâl Acar

Drei Jahre lang hat ein Forschungsteam Missbrauchsfälle im protestantischen Umfeld untersucht. Dabei ging es auch darum, welche Faktoren sie begünstigt haben. 

Bislang wurde sexualisierte Gewalt in der Öffentlichkeit vor allem als Problem der katholischen Kirche wahrgenommen - 2018 ergab eine umfassende Studie erschütternde Ergebnisse.
Erst danach gab auch die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) eine breitangelegte Studie in Auftrag – 3,6 Millionen Euro geben EKD und Landeskirchen dafür aus. Der unabhängige Forschungsverbund ForuM („Forschung zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt und anderen Missbrauchsformen in der Evangelischen Kirche und Diakonie in Deutschland“) hat das Thema interdisziplinär untersucht: aus psychologischer und pädagogischer, sexualwissenschaftlicher und historischer Sicht sowie aus dem Blickwinkel von Sozialer Arbeit, forensischer Psychiatrie und Kriminologie. 

Die Kirchenpräsidentin der pfälzischen Landeskirche Dorothee Wüst hatte im Vorfeld die protestantische Initiative zur Aufarbeitung begrüßt: „Wenn die Studie dabei hilft, dass betroffene Menschen auch ermutigt werden sich zu melden, egal ob bei uns oder bei einer unabhängigen Meldestelle, dann wäre das schon ein enormer Fortschritt.“ 

Die wichtigsten Ergebnisse 

Das Forschungsteam um Prof. Dr. Martin Wazlawik von der Hochschule Hannover kam zu dem Schluss, dass das Ausmaß sexualisierter Gewalt gegen Minderjährige in protestantischen Einrichtungen größer ist als bislang gedacht. Bei der Vorstellung der ForuM-Studie war von bundesweit 2.225 Betroffenen und 1.259 mutmaßlichen Tätern die Rede – also mehr als doppelt so viele wie bislang angenommen Die Dunkelziffer sei wesentlich höher, hieß es. Zudem kamen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu dem Ergebnis, dass der Anteil der männlichen Betroffenen mit 64,7 Prozent höher ist als der Anteil der weiblichen Betroffenen.  

Die amtierende EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs zeigte sich erschüttert über die Ergebnisse:

„Wir haben uns auch als Institution an unzählig vielen Menschen schuldig gemacht. Und ich kann sie, die sie so verletzt wurden, nur von ganzem Herzen um Entschuldigung bitten.“ 

EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs und Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst (Foto: IMAGO, epd-bild/JensxSchulze FUHB355)
EKD-Ratsvorsitzende Kirsten Fehrs (links) und Kirchenpräsidentin Dorothee Wüst (rechts), Sprecherin der kirchlichen Beauftragten im Beteiligungsforum der EKD, während der Pressekonferenz.

Auch habe sich herausgestellt, dass die Taten in den meisten Fällen geplant waren. Dabei kam es zu einer Bandbreite von verschiedenen sexualisierten Gewalttaten: Das reichte von verbalen Äußerungen bis zu explizit sexuellen Handlungen an Betroffenen. Durch verschiedene Drohgebärden brachten die Beschuldigten ihre Opfer meist zum Schweigen. Viele Täter nutzten ihre Autorität sowie die emotionale Bindung zu den Betroffenen aus, heißt es in der ForuM-Studie.  

Laut Studie ist eine überwiegende Mehrheit der Beschuldigten männlich, verheiratet und zum Tatzeitraum zwischen 39,6 Jahre und 42,7 Jahre alt sein. Ein Fünftel von ihnen waren Pfarrpersonen. Ein Drittel der Beschuldigten waren mehrfach beschuldigt worden. Die Ergebnisse bezeichnete der Studienleiter Martin Wazlawik als „Spitze der Spitze des Eisbergs“. 

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„Die ForuM-Studie hat gezeigt, dass das Dunkelfeld weiter sehr groß ist. Kirche und Diakonie haben sicherlich noch nicht alle Fälle aus den Akten identifiziert und viele Betroffene haben sich nicht oder noch nicht gemeldet. Wir erwarten, dass durch die Arbeit der neuen unabhängigen regionalen Aufarbeitungskommissionen weitere Fälle bekannt werden“, erklärten zudem die badische Landesbischöfin Heike Springhart und der badische Oberkirchenrat Urs Keller. 

Strukturelle Faktoren, die Missbrauch begünstigt haben 

Im Mittelpunkt der ForuM-Studie stand die Frage: Welche für evangelische Institutionen typische Strukturen haben den systematischen Missbrauch über Jahrzehnte hinweg beeinflusst oder gar gefördert?  Der Forschungsleiter Martin Wazlawik wies darauf hin, dass der evangelische Föderalismus dazu führe, dass mit Missbrauchsopfern unterschiedlich umgegangen werde. Die beschuldigten Pfarrer, zum Beispiel, hätten von einem Machtgefälle profitiert, unter anderem im seelsorgerischen Kontext, so Wazlawik. 

Der württembergische Landesbischof Ernst-Wilhelm Gohl möchte klarere Regeln:

„Wenn Pseudoliberales benutzt wurde, um Übergriffe zu machen, dass man das klar reguliert und klare Standards definiert. (…) Dass wir jetzt nochmal anhand dieser Studie auf unsere Standards der Prävention draufschauen: wo müssen wir da nachbessern.

Detlef Zander (Foto: IMAGO, Imago / epd)
Detlef Zander, Sprecher der Betroffenenvertretung bei der Übergabe der ForuM-Studie

Betroffene äußern sich 

Der Sprecher der Betroffenenvertretung, Detlef Zander, sprach sich für schnelle Konsequenzen und mehr Unterstützung aus. „Der Föderalismus in der Evangelischen Kirche – ich muss es leider so sagen – ist ein Grundpfeiler für sexualisierte Gewalt und verhindert auch Aufklärung und Aufarbeitung sexualisierter Gewalt. Hier muss sich einiges ändern. Wir brauchen eine übergeordnete Stelle in der Evangelischen Kirche, in der Fälle aufgearbeitet werden.“, so Zander. Die Betroffene Katharina Kracht pochte auf höhere Entschädigungszahlungen an die Missbrauchsopfer und ein staatliches Aufarbeitungsgesetz. 

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Zülâl Acar