Tom Petty (Foto: Imago, imago images / Peter Homann)

Tom Petty: "Full Moon Fever" 1989 Tom Petty ohne die „Heartbreakers“! – Wirklich ohne? 

„America“ – das ist eines der ersten Worte auf diesem Album. Was kurios ist: Tom Petty reist mit britischer Hilfe ins Herz seiner amerikanischen Heimat.  

Tom Petty (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance / Photoshot)
1990 picture alliance / Photoshot

Kleingeschnittener Ingwer – und die Nase ist frei! 

Das mit der britischen Hilfe sollte man ruhig mal betonen. Denn Tom Petty hat einen wichtigen Musiker-Freund, der ihn tatkräftig beim Solo-Debüt unter die Arme greift: Jeff Lynne! Der Kopf des „Electric Light Orchestra“ ist als Song-Schreiber bei insgesamt 8 der 12 Titel auf dem Album beteiligt. Und hören kann man ihn auch immer wieder: als Background-Sänger oder am Bass, am Klavier oder an der Rhythmus-Gitarre.

Ein gewisser George Harrison aus Liverpool ist auch zu hören: Bei „I Won´t Let Down“ sorgt er nicht nur für Background-Gesang und Akustik-Gitarre – er sorgt auch mit einem bewährten Hausmittel dafür, dass man die Stimme von Tom Petty überhaupt zu Gehör bekommt. Denn der ist ausgerechnet an dem Tag, an dem diese erste Single-Auskopplung aufgenommen werden soll, ziemlich verschnupft. Harrison kann sich das nicht mit ansehen und geht in den nächsten Supermarkt. Er holt eine Ingwer-Knolle, schnippelt sie klein und kocht sie auf. „George wollte, dass ich meinen Kopf darüber halte, weil der Dampf meine Nasennebenhöhlen frei machen würde“, erzählt Tom Petty später in einem Interview. „Ich hab´s gemacht – und danach konnte ich den Song aufnehmen!“. 

Eigentlich nur ein verkapptes Solo-Album 

Petty ist nicht der einzige, der damals verschnupft ist. Auch die Band-Kollegen von den Heartbreakers sind es – allerdings im übertragenen Sinne. Denn nach 12 gemeinsamen Jahren und sieben Studio-Alben, wundert sich der ein oder andere, warum Petty plötzlich mit einem Solo-Album aufwarten will.

Vorweg darf man hier ruhig erwähnen: Er wird auch in den Jahren danach noch einige LPs mit den Hearbreakers aufnehmen – und nur noch zwei weitere Solo-LPs. Aber man sollte hier auch erwähnen: So wahnsinnig solo ist Petty auf „Full Moon Fever“ gar nicht unterwegs. Denn mit Ausnahme des Drummers sind von den damals vier weiteren „Heartbreakers“ drei mit von der Partie.

Und dann ist ja zu der Zeit auch noch von der Kulttruppe „Travelling Wilburys“ die Rede. In dieser Band tummeln sich Tom Petty, George Harrison, Roy Orbison, Jeff Lynne und Bob Dylan. Und mal von Dylan abgesehen, sind die „Wilburys“ allesamt ebenfalls Teil von „Full Moon Fever“.

Man kann also ruhig sagen: Das hier ist im eigentlichen Sinne gar kein Solo-Album – eher ist es ein erweitertes Freundschafts-Projekt. Und in Interviews blickt Petty später auf diese Zeit als sehr glückliche Zeit in seinem Leben zurück.   

Tom Petty (Foto: picture-alliance / Reportdienste, picture alliance/Capital Pictures)
Tom Petty and the Heartbreakers 1987 in Illinois, USA picture alliance/Capital Pictures

Heartland Rock im besten Sinne 

Und man kann auch von einem „glücklichen“ Album sprechen – denn es wird zu einem riesen Erfolg für Tom Petty! Er liefert Musik, die man am besten laut hört – im Auto – und nach Möglichkeit im Sommer bei offenem Verdeck auf einem US-Highway. (Und mehr Highway als bei „Runnin´ Down A Dream“ ist kaum vorstellbar!).

Oben haben wir ja kurz geschrieben, dass „America“ eines der ersten Wörter ist, die man auf dieser LP zu hören bekommt. Aber auch wenn „Free Fallin´“ von einer gescheiterten Liebesbeziehung erzählt – musikalisch und textlich ist das hier Musik, die man in den USA als „Heartland Rock“ beschreibt. Gemeint ist Musik, die von amerikanischer Selbstbefindlichkeit erzählt. Typisch für „Heartland“ ist Gitarrensound (Akustik- und E-Gitarre), der mit Texten garniert ist, die aus dem echten Leben erzählen (Bruce Springsteen ist der prominenteste Vertreter). Tom Petty erzählt hier zugegebenermaßen ein bisschen viel von den unterschiedlichsten Liebes-Beziehungen. Aber dass er z.B. im Opener Orte und Straßennamen nennt wie den Ventura Boulevard in Reseda (einem Stadtteil von Los Angeles) – das sorgt für einen Wiedererkennungs-Wert – und das sorgt für Identifikation. Und das ist typisch für den Heartland Rock: „Musik von hier für uns“ könnte man als Motto herausgeben. 

Tom Petty Mannheim 2012 (Foto: SWR, SWR1 - Willi Kuper)
2012 stand Tom Petty bei einem SWR1 Konzert in Mannheim auf der Bühne (Foto: Willi Kuper) SWR1 - Willi Kuper

Tragischer Tod kurz vor dem Geburtstag 

Trotz aller britischen Hilfe: Das Album könnte gar nicht amerikanischer klingen. Und da ist es fast schon logisch, dass die LP damals in England relativ schlecht verkauft wird (gerade mal 100.000 Exemplare gehen dort über den Ladentisch), in den USA jedoch zum Multi-Millionen-Seller wird. Die Single-Auskopplungen sorgen für enorm viel Radio-Präsenz – die meisten von ihnen werden bis heute in den Radio-Stationen dieser Welt gespielt; jedenfalls bei denen, die Rock-Musik laufen lassen.

Der Erfolg bleibt Tom Petty treu. Nur zwei Jahre nach diesem Pseudo-Solo-Debut wird er schon 1991 wieder ganz offiziell mit den Hearbreakers ein neues Album vorlegen. Und wie könnte es anders sein: Auch „Into The Great Wide Open“ wird zum Klassiker.

Als Tom Petty im Jahr 2017 wenige Wochen vor seinem 67. Geburtstag stirbt, betrauert die Musikwelt einen großen Verlust. Und sie ist zutiefst geschockt, denn erst jetzt erfährt sie von seinen gesundheitlichen Problemen. Er leidet unter chronischen Gelenkschmerzen und wird zudem noch von der schweren Lungenkrankheit COPD gequält. Er ist auf starke Schmerzmittel angewiesen, die es nur auf Rezept gibt. Diese Medikamente haben Wechselwirkungen, die gefährlich sein können. Die polizeilichen Untersuchungen zeigen: Tom Petty stirbt einen tragischen Unfall-Tod. Er beachtet unter starken Schmerzen die Packungs-Beilagen nicht und nimmt viel zu viele der Mittel auf einmal. Die Schmerzen waren in den Tagen zuvor unerträglich geworden, weil im Hüftknochen ein Haar-Riss aufgetreten war. Einen OP-Termin gab es zwar schon – aber den verschiebt er immer wieder…