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Heute bin ich Teilnehmer einer Gesprächsrunde zum Thema „Qualität der Medien in der Corona-Krise“ im SWR2-Forum. Deshalb eine Beobachtung aus den vergangenen Tagen. Ein Wort erlebt in der Berichterstattung eine enorme Renaissance. Vor allem in Nachrichten, egal ob Online, Radio, Print oder Fernsehen – überall wird derzeit „vorgeprescht“.

Insbesondere seit die Corona-bedingten Beschränkungen des öffentlichen Lebens nach und nach wieder zurückgenommen werden ist allenthalben davon die Rede, dass jemand mit irgendetwas vorprescht. Kann sein, dass mein altes Nachrichtenherz übersensibel reagiert, aber mich nervt dieser permanente Vorpreschen-Sprech.

Einzelne Bundesländer kündigen Lockerungen an. Politische Akteure machen Vorschläge zum weiteren Vorgehen. Interessenverbände erheben Forderungen. Und immer heißt es, dass jemand vorprescht. Haben wir’s nicht ein bisschen kleiner? Wir werfen der öffentlichen Verwaltung ja nicht selten vor, dass sie zu behäbig agiert. Deshalb könnten sich Verwaltungen in Bund und Ländern fast schon geehrt fühlen, dass man jegliche Bewegung für Vorpreschen hält. Tatsächlich machen Funktionsträger in Regierungen, Wirtschaft und Verwaltung einfach nur ihre Arbeit. Und die besteht darin, dass sie Entscheidungen treffen, Maßnahmen ergreifen, neue Regelungen erlassen, um das tägliche Zusammenleben ebenso wie ein funktionierendes Wirtschaftsleben zu organisieren. Wie wäre es, diese Vorgänge ganz undramatisch eben genauso zu benennen, anstatt alles zu einem Vorpreschen zu erklären. Wie sehen Sie das?

Mag sein, dass bei dem einen oder anderen die Vorstellung besteht, dass in Deutschland in Sachen Corona von Flensburg bis Oberstdorf alles exakt gleich gehandhabt werden muss. Alles andere wird dann als Vorpreschen gegeißelt. Das führt dann auch zu einem Begriff wie „Flickenteppich“, der sich in der Berichterstattung zunehmend einbürgert als Bezeichnung für etwas, das wir früher „Föderalismus“ nannten. Vielleicht sollten wir einfach zur Kenntnis nehmen, dass das Corona-Virus die Bundesrepublik leider nicht gleichmäßig heimgesucht hat, sondern in Süddeutschland „vorgeprescht“ ist. Aber das sagt ja keiner.

In meine kritischen Anmerkungen beziehe ich ausdrücklich unsere eigenen Angebote mit ein, denn auch wir haben hier und da dieses Vorpreschen- und Flickenteppich-Bild bemüht. Man sollte diese Vokabeln auch keinesfalls auf den Index setzen. Aber kritisch reflektieren sollte man die Wortwahl schon. Und wenn Sie wissen wollen, was ich unter Vorpreschen verstehe, dann warten Sie bis die Bundesliga wieder startet und Timo Werner zu einem seiner Sturmläufe ansetzt.

Ihr

Kai Gniffke

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