Scharfe Kritik von Diakonie Pfalz

Ludwigshafen hat Schlafplätze für Obdachlose geräumt

Stand

Von Autor/in Nicoletta Prevete

Die Stadt Ludwigshafen hat Schlafplätze von obdachlosen Menschen in der Innenstadt räumen lassen. Die Diakonie Pfalz kritisiert das scharf.

In einer Pressemitteilung teilte die Stadt Ludwigshafen mit, dass man vergangene Woche die "illegalen" Schlafplätze entdeckt hatte. Man habe einen Mann dort darauf aufmerksam gemacht, dass er seinen Schlafplatz räumen müsse. Matratzen und andere Gegenstände hätten darauf hingedeutet, dass offenbar mehrere Menschen in der Nähe des Messplatzes und des Hauptbahnhofes in Ludwigshafen wild campieren würden.

Stadt Ludwigshafen: Das ist der Grund für die Räumung

Die Stadt betont auf SWR Anfrage, die Obdachlosen-Lager hätten sich ausschließlich auf städtischem Baustellen-Gelände befunden. Dieses sei umzäunt gewesen und Fremde hätten sich gewaltsam Zugang verschafft. Auch hätten Unbekannte unter der Brückenkonstruktion offenes Feuer gemacht und Kabel gestohlen. Zudem verweist die Stadtverwaltung darauf, dass das Lagern auf öffentlich zugänglichen Plätzen oder in Grünanlagen generell verboten ist und einen Platzverweis zur Folge hat.

Stadtreinigung hat Matratzen der Obdachlosen entsorgt

Vor der Räumungsaktion legten städtische Mitarbeiter Zettel an die "illegalen" Schlafplätze, so die Stadtverwaltung. Diese hätten darauf hingewiesen, dass die Lager aufzulösen sind. Da man dieser Aufforderung aber nicht nachgekommen sei, seien dann zwei Tage später unter anderem mit Hilfe der Stadtreinigung und einem Team des Bereichs Öffentliche Ordnung, Matratzen, Sperr- und Hausmüll in einer mehrstündigen Aktion entsorgt worden. Persönliche Gegenstände habe man an den Lagerplätzen keine gefunden.

Obdachlose auf der Strasse. In Ludwigshafen wurden Schlafplätze geräuumt.
In Ludwigshafen hat die Stadt Schlafplätze von Obdachlosen räumen lassen. Sie waren laut Stadt auf einem eingezäunten Baustellengelände.

Kirchliche Träger wussten von der Aktion nichts

"Das ist nicht die erste Aktion dieser Art der Stadt Ludwigshafen", erklärt Vera Klaunzer von der Evangelischen Kirche der Pfalz. Sie engagiert sich in der Suppenküche an der Apostelkirche. Dort habe sie mehr oder weniger zufällig von der Räumung der Lager erfahren, sagt Klaunzer. Und weiter: "Ein Gast hat uns den Zettel der Stadt gezeigt und erzählt, dass er von zwei Männern wisse, die von der Räumung betroffen sind".

Suppenküche

Extremer Mangel an Schlafplätzen für Obdachlose

"Wir wünschen uns grundsätzlich einen anderen Umgang mit obdachlosen Menschen in Ludwigshafen", erklärt Vera Klaunzer. In der Stadt gebe es einen massiven Mangel an kurzfristig beziehbaren Schlafplätzen, gerade jetzt in der kalten Jahreszeit.

Die Kirchenmitarbeiterin zählt auf: Die Caritas biete im Haus St. Martin zehn Schlafplätze, die immer belegt seien. Aktuell also keine Chance, dort unter zu kommen. Das "Sleep in", das insbesondere Schlaf-Angebote für suchtkranke Menschen bereit hielt, habe immer mal wieder wegen Personalmangels geschlossen. Auch die Kältewohnung in der Bayreuther Strasse in den städtischen Notunterkünften war zwischendurch zu, da sie nach Vandalismus wieder hergerichtet werden musste.

Wir wünschen uns grundsätzlich einen anderen Umgang mit obdachlosen Menschen in Ludwigshafen.

Stadt Ludwigshafen räumt ein: allzu viele Notschlafplätze gibt es nicht

Die Stadtverwaltung räumt ein, dass es für eine Stadt in der Größe Ludwigshafens wenig kurzfristige Schlafplätze gäbe. Aber im "Sleep In" gäbe es immerhin elf Schlafmöglichkeiten. Auch wenn die Notbleibe tatsächlich aufgrund Personalmangels nicht tagtäglich auf habe. Und die Kältewohnung sei nach der Instandsetzung sehr wohl wieder benutzbar. Für obdachlose Menschen gäbe es eben Wohnungen in den Einweisungsgebieten in der Bayreuther- und in der Kropsburgstraße. Wenn Menschen, die nicht nutzen wollten, wäre es eben schwierig, zu helfen.

Obdachlose Person liegt vor Gebäude

Einen Kältebus gibt es nicht in Ludwigshafen

Den Kältebus habe man laut Stadtverwaltung abgeschafft, da das Angebot in der Vergangenheit zu wenig genutzt worden sei. Lediglich das Team von „Suppe on the Road“ bringt den Betroffenen einmal in der Woche warme Kleidung und bei Bedarf Decken und eine warme Suppe an den Berliner Platz. Für dieses Projekt arbeiten die städtische Drogenberatung und die Protestantische Kirche laut der Evangelischen Kirche der Pfalz zusammen.

„Die Protestantische Kirche ist mit der Stadtverwaltung immer wieder im Gespräch über die Situation von fehlenden Schlafplätzen für obdachlose Menschen, vor allem für Frauen", erklärt Kirchenmitarbeiterin Klaunzer.

Die Suppenküche Ludwigshafen

Ordnung wichtiger als Unterstützung?

Nun hat sich auch Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr zur Räumungsaktion geäußert. "Hier wird durch eine Verwaltungsbehörde der Ordnungsgedanke über den Unterstützungsgedanken gestellt. Das schockiert uns" so Bähr.

Ein Schlafsack, eine Decke, das stelle für manche Menschen in unserer Gesellschaft das Mindestmaß an Privatheit und Schutz da.

Dass Betroffene nicht immer sofort zu bewegen sind, diesen Raum aufzugeben, sei menschlich nachvollziehbar. In letzter Konsequenz die Schlafstätten zu entsorgen, könne man nicht gutheißen, kommentiert der Landesdiakoniepfarrer das Vorgehen der Stadtverwaltung.

Hier wird durch eine Verwaltungsbehörde der Ordnungsgedanke über den Unterstützungsgedanken gestellt. Das schockiert uns

Bähr: Obdachlose sind keine Gefahr für die Stadt

"Mittellosigkeit darf nicht automatisch gleich gesetzt werden mit einer Gefahr für den öffentlichen Sektor", ist die Meinung von Albrecht Bähr.

Eine Sprecherin der Caritas, die das Haus St. Martin betreibt, erklärte gegenüber dem SWR, man teile die Kritik der Diakonie. Man hätte durchaus Hilfsangebote machen können, wenn die Stadt vor der Räumungsaktion auf die Caritas zugekommen wäre.

Die Stadtverwaltung betont, man habe die Lager im Baustellengelände für die zukünftige Helmut-Kohl-Allee räumen müssen. Auch zum Schutz der Menschen, die sich auf dem Baustellengelände befunden hätten.

Neustadt

Zum Schutz vor Kältetod Kälteboxen in Neustadt sollen Obdachlose schützen

Die eisigen Temperaturen draußen können für Obdachlose gefährlich werden. In Neustadt wurden deshalb jetzt Kälteboxen aufgestellt. Sie sollen sie vor dem Erfrieren schützen.

Kältebusse und Notübernachtungen So könnt ihr Obdachlosen bei Kälte helfen

Vor allem für Obdachlose kann die kalte Jahreszeit schnell lebensgefährlich werden. Viele Städte haben deshalb entsprechende Notrufnummern eingerichtet.

Koblenz

"Housing First": Zuerst eine Wohnung, dann alles andere Wohnungen für Obdachlose: Projekt in RLP wird erweitert

Ein Modellprojekt mit Wohnungsvermittlung für Obdachlose in Koblenz und im Westerwald ist erfolgreich gestartet. Jetzt sollen drei weitere Standorte folgen.

Stand
Autor/in
Nicoletta Prevete