6.3.1931

SPD warnt vor wachsendem Elend in der Bevölkerung

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Der Reichstag vor Hitler: Parlamentsdebatten 1931 bis 1933

Der SPD-Abgeordnete und Arzt Julius Moses beschwört die Abgeordneten, das Elend der Bevölkerung ernst zu nehmen. Er warnt vor "Verschmutzung und Verlausung".

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Julius Moser macht den Ernst der Situation deutlich

"Fünf Millionen Arbeitslose in Deutschland heißt, dass 20 Millionen in Deutschland direkt von den Auswirkungen des Problems der Arbeitslosigkeit betroffen werden, und in allererster Reihe auf dem Gebiete der Volksgesundheit. Wenn heute schon von den Direktoren der Kinderkliniken gesagt wird, die Missstände erinnern in lebhaftester Weise an die ärgste Not der Kriegsjahre, wenn heute wieder von Verschmutzung und Verlausung die Rede ist, die seit Jahren geschwunden und jetzt immer wieder von neuem in den verschiedensten Gegenden Deutschlands festzustellen ist, wenn die Kinder nicht mehr gebadet werden konnten, weil keine Kohlen zum Heizen mehr da sind, wenn Anzüge nicht mehr vorhanden sind, wenn die Kinder kein Schuhzeug haben, wenn festgestellt ist, dass in einzelnen Familien mit mehreren Kindern heute und das andere Kind morgen erst zur Schule gehen kann, weil nur ein Paar Stiefel vorhanden ist, wenn die Kinder des Morgens hungrig in die Schule gejagt werden, nicht einmal eine lumpige Bettelsuppe mehr vorgesetzt bekommen, in zerschlissenen Kleidern, kein Hemdchen mehr auf dem Leib, im Winter hungernd und frierend zugleich, wenn hier in Berlin von einer Klinik gesagt wird, dass ärztliche Hilfe für die Kinder nicht mehr aufgebracht werden kann, weil die Mütter kein Fahrgeld haben, um zur Klinik fahren zu können, und wenn in einzelnen Gegenden die Befürchtung ausgesprochen worden ist, dass wir über kurz oder lang wieder einmal Fälle von Skorbut zu verzeichnen haben werden – wenn wir alle diese Dinge betrachten, dann ist allerdings der Ernst der Situation außerordentlich."

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Etwas später – und leider nicht im O-Ton – greift Moses die Deutsche Ärztezeitung als reaktionäres Medium an:

"Ich wollte aber noch ein einziges Wort darüber hinzufügen, in welcher Weise man manchmal in ärztlichen Kreisen, in den Kreisen unserer sogenannten Sozialhygieniker volksgesundheitliche Belehrungen auffasst. In der Dresdener Hygieneausstellung hing ein sehr instruktives und allgemein beachtetes Plakat, das die Beziehungen zwischen Tuberkulosekrankheit und Tuberkulosesterblichkeit einerseits und dem Einkommen andererseits darstellte. Was man nicht für möglich halten würde, ist tatsächlich eingetreten, nämlich die Verfasser dieses Plakates, zwei bekannte Sozialhygieniker und Ärzte, wurden von reaktionären Ärzten in der heftigsten Weise wegen dieses Plakates angegriffen. Der Herausgeber des offiziellen Organs "Deutsche Ärztezeitung" [Er meinte das Deutsche Ärzteblatt; Anm. der Red.], ein Sanitätsrat Vollmann [Siegmund Vollmann; Anm. der Red.], schrieb in seiner Zeitschrift:

"In einer der sozialen Hygiene und Fürsorge dienenden Ausstellung muss es seltsame Gefühle erwecken, wenn solche Tabelle kündet, dass bei einem Jahreseinkommen von 1050 Mark 90 von 10 000, bei einem Einkommen von 27 000 Mark nur 5,5 von 10 000 an Tuberkulose sterben. Gerade diese Unterschiede sollen ja durch die Sozialhygiene verwischt werden, jenes furchtbare Gesetz der Wechselwirkungen zwischen Krankheit und Armut, das Klassenerbitterung erzeugen muss, durchbrochen werden. Solche Tabelle ist also mindestens überflüssig."

Redner:

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