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Streaming-Plattform SoundCloud: Auf dem rechten Auge blind

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Volksverhetzender Rechtsrock, indizierte Bands und zahlreiche weitere Neonazi-Inhalte sind auf SoundCloud frei zugänglich und mit nur wenigen Klicks zu finden. Recherchen von VICE, Deutschlandfunk und zuletzt von BellTower legen offen, wie die Plattform rechter Gesinnung eine Bühne bietet – ohne effektiv etwas dagegen zu unternehmen.

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Massenhaft neonazistische Inhalte auf SoundCloud

Die Vorwürfe gegen SoundCloud sind nicht neu: Schon 2018 deckte das VICE-Magazin auf, dass volksverhetzende, nationalsozialistische Musik im großen Stil frei auf der Plattform zugänglich ist und SoundCloud nur bedingt gegen die rechten Strukturen innerhalb des Netzwerks vorgeht.

2020 hakte der Deutschlandfunk nach: Man wollte wissen, inwiefern SoundCloud auf die rechten Inhalte reagiert und warum es noch immer massenhaft Uploads gibt – eine Antwort blieb das Unternehmen schuldig. Jetzt stellt das Online-Magazin BellTower in seinen Recherchen fest, dass noch immer NS-Musik über die Plattform verbreitet wird: teilweise seit Jahren online, abertausendfach geklickt.

Selbst verbotene NS-Lieder sind auf SoundCloud einfach zu finden

Bei der betreffenden Musik handelt es sich nicht um eine „Grauzone“, sondern um Inhalte mit eindeutigen Symbolen und Texten, die in großer Zahl von einem breiten Publikum auf der Plattform hochgeladen, weiterverbreitet und kommentiert werden. Bands wie „Landser“ und „Kategorie C“ sind seit Jahren für ihre volksverhetzende, diskriminierende Musik von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert und damit verboten – dennoch unternimmt SoundCloud nichts gegen diese Inhalte.

Michael Lunikoff, Frontmann der in Deutschland verbotenen Nazi-Band „Landser“ (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Geisler-Fotopress/Golejewski)
Eine feste Szenegröße im Bereich der rechten Musik ist Michael „Lunikoff“ Regener, Ex-Frontmann der Band „Landser“. Obwohl er für seine Funktion als Texteschreiber von „Landser“ zu mehreren Jahren Haft verurteilt wurde, tritt er noch immer auf Rechtsrock-Festivals auf – jetzt als Solokünstler. Geisler-Fotopress/Golejewski

NS-Musik, Hitler-Porträts, „Sieg Heil“-Kommentare und germanische Runen: Gerät man auf SoundCloud erst einmal in den rechten Strudel, kommt man gar nicht mehr so leicht heraus. Dabei ist es nicht schwer, zu diesen Inhalten zu gelangen.

Sucht man nach „Horst“, kommt man zuerst zum „Horst-Wessel-Lied“

Sucht man auf SoundCloud beispielsweise nach dem Namen „Horst“, so ist das erste vorgeschlagene Suchergebnis das „Horst-Wessel-Lied“, die Partei-Hymne der NSDAP, die seit 1945 in Deutschland verboten ist. Über 150 Suchergebnisse werden den Nutzer*innen dabei angezeigt. Klickt man einen der Songs an, erwarten einen Kommentare von Accounts wie „KKK Supporter“ oder „Right View“, die „Sieg Heil“ oder „Heil Hitler“ und schwarz-weiß-rote Emojis unter die Songs posten.

Privatpersonen benennen sich auf SoundCloud zigfach nach NS-Persönlichkeiten

Die Profilbilder dieser Accounts untermauern die Gesinnung: Porträtfotos von NS-Persönlichkeiten, Hakenkreuze und weitere einschlägige NS-Symbole dominieren die Kommentarspalten unter den eingestellten Liedern. Diese Uploads erfolgen nicht durch offizielle Accounts der Bands, sondern durch Privatpersonen – sie sind jedoch unter den Titeln oder Künstlernamen eindeutig auffindbar.

Sucht man gezielt nach Nutzernamen, so fällt auf, dass Namen von NS-Persönlichkeiten wie „Rudolf Hess“ oder „Heinrich Himmler“ zigfach von Nutzer*innen gewählt werden. Allein der Name „Adolf Hitler“ wird von über 200 Konten verwendet – Entsprechende Profilbilder und Playlisten sind ebenso einsehbar und gleichermaßen dem rechten Spektrum zuzuordnen wie rechtlich fragwürdig.

Rechte schaffen sich ihre eigene Blase auf SoundCloud

Die Geschäftsidee von SoundCloud beruht auf dem Community-Gedanken: Bei jedem Song zeigt die Plattform an, welche Nutzer*innen den Inhalt mit einem Like versehen haben, in welchen Playlists der betreffende Song auftaucht und welche verwandten Inhalte außerdem interessant sein könnten. Dies hat zur Folge, dass sich rechte Blasen bilden, in denen lediglich Accounts aus dem rechten Spektrum miteinander interagieren – eine Art rechtsfreier Raum.

Und da kommt der Algorithmus ins Spiel: Wie Sammy Khamis 2020 für den Deutschlandfunk recherchierte, machen sich Rechte diesen zunutze, in dem sie NS-Musik in „gewöhnlich aussehende“ Pop- oder Rockplaylists integrieren. Zwischen etablierten Künstler*innen, die nichts mit der rechten Szene zu tun haben, werden so einzelne rechte Songs platziert, für ahnunglose Nutzer*innen nicht auf den ersten Blick ersichtlich. Werden die Songs dann angehört, wird der Algorithmus tenzendiell mehr von dieser Musik vorschlagen – rechte Musik kann sich so verbreiten und eine neue Hörerschaft erreichen.

Warum tut SoundCloud nichts gegen die Verbreitung der NS-Inhalte?

Wenn es um das Löschen von Inhalten geht, verlässt sich SoundCloud gänzlich auf seine Community. Nach der Anfrage des VICE-Magazin aus dem Jahr 2018 antwortete das Unternehmen mit einem Statement:

„SoundCloud verbietet gesetzeswidrige Inhalte eindeutig in den Nutzungsbedingungen. Wir verlassen uns auf unsere Community-Mitglieder, um diese Inhalte zu kennzeichnen. Sobald die Inhalte gemeldet werden, prüft unser spezielles Trust-and-Safety-Team mit Sitz in Berlin die Inhalte.“

Im konkreten Beispiel bedeutet dies, dass indizierte Musik oder anstößige Kommentare erst dann von der Plattform verschwinden, wenn ein*e Nutzer*in den entsprechenden Inhalt aktiv meldet.

SoundCloud sieht es nicht als eigene Aufgabe, proaktiv nach diesen Inhalten zu suchen und sie zu entfernen, sondern überträgt die Aufgabe an die Mitgliederschaft. Gelöscht wird erst, wenn Meldungen eingehen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Meldefunktion sperrig und umständlich integriert ist. Das führt dazu, dass wenig gemeldet wird trotz der Flut von NS-Musik.

SoundCloud entscheidet sich bewusst gegen proaktives Vorgehen

Warum SoundCloud keine Upload-Filter installiert, die indizierte Musik, eindeutige Namensgebungen oder Bilder schon im Vorhinein blockieren, bleibt unklar. Weil die Plattform selbst keine Inhalte veröffentlicht, kann sie auch nicht zu einem anderen Vorgehen gezwungen werden.

Selbst viel kritisierte Unternehmen wie Facebook oder YouTube zeigen, dass man im Hinblick auf das Durchsetzen der eigenen Nutzungsbedingungen mehr unternehmen kann – SoundCloud entscheidet sich für einen anderen Weg und schafft so einen gefährlichen Nährboden für rechtes Gedankengut.

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