Ann-Katrin Berger, Torhüter des Chelsea FC Woman (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)

Wahl zur Weltfußballerin 2021

Ann-Katrin Berger vom FC Chelsea verpasst Welttorhüterinnen-Titel

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Bei der Göppingerin Ann-Katrin Berger wurde 2017 Krebs diagnostiziert. Die Fußballerin kam zurück und verpasst vier Jahre später nur knapp den Titel zur Welttorhüterin. Was treibt sie an?

Die Torhüterin Ann-Katrin Berger hat sich bei einem der weltbesten Frauenfußball-Teams durchgesetzt, sie wurde Nationalspielerin und hat Schilddrüsenkrebs überwunden. Aber bei einer Sache ist sogar sie gescheitert: in London genießbare Brötchen und Laugenbrezeln zu finden. "Sie versuchen es immer wieder", erzählt Berger schmunzelnd von Bildschirm zu Bildschirm über die Künste der englischen Bäcker, "aber jedes Mal, wenn ich sie dann aufs Neue versuche, ist es eine kleine Enttäuschung". Berger ist in Göppingen geboren, sie ist die schwäbischen Weckle und Laugenbrezeln gewohnt, aber in London, wo sie bei Chelsea FC Women im Tor steht, werden lieber Toasts gegessen.

Torhüterin Ann-Katrin Berger hält gemeinsam mit anderen Spielerinnen des Chelsea FC die Trophäe des FA-Cup in die Höhe.  (Foto: picture-alliance / Reportdienste, Picture Alliance)
Ann-Katrin Berger (Bildmitte) hat im Dezember 2021 den FA-Cup mit dem Chelsea FC gewonnen. Im Finale gewannen die Blues gegen Arsenal WFC 3:0. Picture Alliance

Nationalspielerin Ann-Katrin Berger muss sich Christiane Endler geschlagen geben

Davon abgesehen ist die 31-Jährige in London angekommen. Seit 2019 spielt sie beim Chelsea FC. Sie ist Stammspielerin, hat zwei Meisterschaften und den FA-Cup gewonnen, stand im Champions-League-Finale. Und hat es bei der Wahl zur Welttorhüterin unter die letzten drei geschafft. Den Titel holte die Chilenin Christiane Endler (Olympique Lyon).

Bereits die Nominierung hatte Berger emotional aufgenommen. "Ich kann es bis jetzt immer noch nicht glauben. Ich bin das kleine Mädchen aus dem Schwabenland, das einfach versucht, so gut wie möglich Fußball zu spielen."

Debüt in der deutschen Nationalmannschaft mit 30: Bergers ungewöhnlicher Werdegang

Als Kind hat Berger ein Fußballspiel ihres Vaters gesehen und ist auf den Platz gerannt, obwohl die Partie noch nicht abgepfiffen war. Von da an war die Leidenschaft für das Spiel geweckt. Erst war Berger Stürmerin, weil sie unbedingt Tore schießen wollte. Ihr Team, der FV Vorwärts Faurndau, gewann jedes Spiel so hoch, dass es der eigenen Torhüterin, die nichts zu tun hatte, zu langweilig wurde. Also stellte sich Berger zwischen die Pfosten, erst gelegentlich, dann fand sie Gefallen daran. "Ich habe Fußball geliebt, wurde aber ziemlich lauffaul. Und das war die beste Position", sagt sie.

Bergers Werdegang, von der schwäbischen Provinz zur Weltklassetorhüterin und Nationalspielerin, ist ungewöhnlich. Sie hat nicht wie die meisten anderen die Jugendnationalteams durchlaufen. Ihr erstes Länderspiel machte sie in der U19, 45 Minuten gegen Australien. Bis zu ihrem zweiten, dieses Mal für die A-Nationalmannschaft, dauerte es elf Jahre. Am 01. Dezember 2020 debütierte sie beim 3:1 gegen Irland – mit 30 Jahren. Bisher kam ein weiteres Länderspiel dazu. "Sie ist ein spannender, in sich ruhender Typ und strahlt das auch im Tor aus", sagte Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg damals über sie.

Von Faurndau, wo sie zur Torhüterin wurde, wechselte sie nach Sindelfingen und von dort zu Turbine Potsdam. Sie gewann die Deutsche Meisterschaft, verließ die Bundesliga aber mit 23 in Richtung Paris. "Die deutsche Liga war für mich einfach sehr zweikampfstark und von Fitness geprägt. Das war der Kern der Bundesliga. Und ich wollte einfach was anderes erleben", sagt sie heute rückblickend über ihre Entscheidung. Bei Paris St. Germain lernte sie, als Torhüterin mitzuspielen. "Da haben wir die ganze Zeit Passübungen gemacht, Abschläge gemacht. Also da haben wir uns mehr auf unseren Spielaufbau konzentriert als auf unseren Hauptjob: die Bälle zu fangen." Dort saß sie viel auf der Bank. 2016 wechselte sie zu Birmingham City nach England, wo sie Stammkeeperin wurde.

Erst stirbt ihr Vater, dann wird bei Ann-Katrin Berger Krebs diagnostiziert

Doch Bergers sportlicher Erfolg rückte in den Hintergrund: 2016 starb ihr Vater, über den sie sagt: "Wegen ihm habe ich Fußball gespielt. Wegen ihm bin ich die, die ich jetzt bin." An einem Novembertag 2017 erhielt sie die Diagnose Schilddrüsenkrebs. "Es war in meinem Körper einfach so ein richtiges Sacken. Als ob ich in mich selber gerade reingefallen bin", beschreibt sie den Moment, als sie die Diagnose erfuhr. Berger stellt ihrem Arzt zwei Fragen: "Werde ich sterben?" Und: "Wann kann ich wieder Fußball spielen?"

Zwei Wochen später wurde die damals 27-Jährige operiert. Fünfeinhalb Stunden. Ihre erste Operation überhaupt. Es folgte eine Radiojodtherapie. Dabei wurde ihr eine winzige Menge radioaktives Jod oral verabreicht, um Krebszellen zu zerstören. Über ein Wochenende hinweg musste sie abgeschirmt von der Außenwelt in einem kleinen Raum bleiben. Dusche, Toilette, ein Bett, ein Fernseher, ein paar DVDs, eine Mikrowelle. Kein Tageslicht. "Jedes Mal, wenn jemand reinkam und mir das Essen gegeben hat, waren die in einem kompletten Astronautenanzug. Und ich musste den Raum verlassen, in die Toilette gehen, damit die mein Essen reinstellen können und wieder gehen können. Das war einfach kein schönes Gefühl. Das ging mir auf die Psyche. Aber ich bin stärker rausgekommen."

Vier Monate nach ihrer Krebsdiagnose spielte Berger wieder für Chelsea

Schon während der Therapie hat sie wieder mit Übungen begonnen. Im Februar, vier Monate nach der Diagnose, gab sie ihr Comeback. Seitdem spielt sie ihren besten Fußball, wechselte ein Jahr später zum Chelsea FC. "Fußball war für mich irgendwann Alltagstrott. Und durch die Krankheit habe ich gemerkt: Das kann ganz, ganz schnell vorbeigehen. Das war ein Weckruf."

Ann-Katrin Berger wollte sich den Fußball nicht vom Krebs wegnehmen lassen. Ihr ganzes Leben hat sie daraufhin gearbeitet, Profi zu werden - und viel dafür aufgegeben. "Ich habe so viel verloren an Zeit, die ich mit anderen Leuten hätte verbringen können. Vielleicht hätte ich mehr Zeit mit meinem Vater gehabt." Das alles sollte nicht umsonst gewesen sein. "Und da kam halt auch mein Sturkopf komplett durch. Niemand kann mir sagen, wann ich mit Fußball aufhöre. Ich möchte das selber entscheiden und so wird das auch passieren."

Berger will bei der Europameisterschaft 2022 in England dabei sein

In diesem Jahr will Berger bei der Europameisterschaft dabei sein. Sie findet in England statt, ihrem zweiten Zuhause. Nationaltrainerin Voss-Tecklenburg sagte Ende Dezember: "Es ist ganz klar, dass Merle (Merle Frohms, Torhüterin Eintracht Frankfurt, Anm. d. Red.) aktuell unsere Nummer eins ist. Natürlich erwarten wir von Almuth (Almuth Schulth, Torhüterin VfL Wolfsburg, Anm. d. Red.) und Ann-Katrin, dass sie diese Nummer eins angreifen." Das wird Berger tun. Das hat sie immer getan.

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