Tom Bartels, ARD-Kommentator bei der FIFA Fußbal-WM Katar 2022, Porträtfoto.

Fußball | EURO 2024

Die Vorrundenbilanz von ARD-EURO-Kommentator Tom Bartels

Stand
Interview
Désirée Krause

Immer noch haben viele seine Finalreportage vom deutschen WM-Sieg 2014 im Ohr. Und auch bei der EURO 2024 kommentiert Tom Bartels viele Spiele für die ARD. Mit SWR Sport blickt er auf die Vorrunde zurück.

SWR Sport: Vielen Dank, dass du dir in diesen für dich sicher intensiven Wochen die Zeit für unser Gespräch nimmst. Was ist denn nach dieser Gruppenphase für dich die größte Überraschung?

Tom Bartels: Dass es überraschend ist, das wäre zu hoch gegriffen, trotzdem bin ich froh, dass Deutschland so durch die Gruppenphase gekommen ist. Das konnte man hoffen, aber natürlich nicht wissen. Klar, die Gruppe sah leicht aus, aber spätestens die letzten beiden Vorbereitungsspiele haben gezeigt, dass es keinen Gegner gibt, gegen den man einfach mal so klar gewinnt.

Davon abgesehen hat mich Georgien mit seiner Art zu spielen und zu fighten positiv überrascht und damit auch gezeigt, dass die Floskel "es gibt keine Kleinen mehr" zutrifft. Keine Mannschaft ist in dieser Gruppenphase total abgefallen, es gab selten hohen Siege, es waren viele enge Spiele, ganz viel ging über Leidenschaft, Wille und Teamgeist. Das war übrigens auch schon in Katar so. Die Mannschaften mit dem besten Zusammenhalt, wie zum Beispiel Marokko und Argentinien, sind weit gekommen. Das ist jetzt genauso und mit dieser Einstellung können Teams aus Albanien oder Georgien extrem viel wettmachen. Nicht erstaunlich oder überraschend ist übrigens, wie gut Österreich ist. Die sind ein unglaublich unangenehmer Gegner, das hat auch Deutschland im Testspiel schon zu spüren bekommen. Die Österreicher haben ein hohes Level und arbeiten sehr gut als Mannschaft. Genau das hat Trainer Ralf Rangnick auch vorher gesagt, dass es nur über diese Mannschaftsleistung funktionieren kann und wird. Und sie sind auf einem guten Weg, so können die Österreicher weit kommen.

SWR Sport: Gibt es für dich auch eine Enttäuschung der Gruppenphase?

Tom Bartels: Man wäre geneigt jetzt die Engländer zu nennen, weil man viel mehr von ihnen erwartet hat. Ich habe von England auch mehr erwartet, als zum Beispiel von Italien. Unter Gareth Southgate hat das Team immer die K.o.-Phasen erreicht und ist weit gekommen, bei der letzten EURO sogar bis ins Finale. Aber man hat das Gefühl, der Trainer wird so bewertet, als ob er gar nicht weiß, wie der Fußball funktioniert. Ich bin schon überrascht, über die Härte der Kritik, weil Southgate mit diesem Team schon so viel erreicht hat. Die Premier-League-Spieler haben keine Pause, haben viele Spiele in den Knochen, aber Schuld ist der Trainer. Das ist die Zuspitzung auf eine Person, aber auch das ist die EURO. Heute nah an der Heiligsprechung und morgen bist du gelinde gesagt der "Depp". Aber natürlich hatte ich von England auch etwas anderes erwartet. Enttäuschung ist ein großes Wort, aber - obwohl sie die Gruppe gewonnen haben, das darf man nicht vergessen - es ist überraschend, wie weit die Engländer bisher unter dem bleiben, was sie eigentlich können.

SWR Sport: Wie fällt dein bisheriges Fazit zum DFB-Team aus?

Tom Bartels: Ich glaube, dass jetzt allen klar ist, wie extrem wichtig die beiden letzten Testspiele gegen die Ukraine und Griechenland waren. Einfach damit keiner das Gefühl hat: "Wir haben nach den vorherigen Spielen gegen die Niederlande und Frankreich etwas erreicht." Mein Gefühl sagt, wenn die Mannschaft nur 5% nachlässt, dann können sie gegen jedes Team ausscheiden. Abgesehen von Schottland hatten die deutschen Gegner Chancen und es ist klar geworden, dass wenn das DFB-Team seine Chancen nicht nutzt, kann es in K.o.-Runde schnell vorbei sein. Deswegen waren die Testspiele wichtig, weil die Mannschaft da gesehen hat, dass es eben nicht reicht, wenn sie die entscheidenden extra Meter nicht geht, wenn die Einstellung nicht zu 100 Prozent stimmt. Und das zahlt sich jetzt aus. Die richtige Einstellung war da, die deutsche Mannschaft hat für mich das Maximum aus der Gruppenphase rausgeholt. Ein Spiel wie gegen die Schweiz, das kann passieren und dann ist es gut, wenn es am Ende 1:1 ausgeht.

Man sieht auch, die Einwechselspieler integrieren sich sehr gut und sind eine Bereicherung, auch das ist ein wirklich gutes Zeichen. Ich glaube, dass es gut ist, dass jetzt ein bisschen Pause war und ist. Es gibt Spieler ,wie zum Beispiel Florian Wirtz, die wirken überspielt und brauchen das. Ich hoffe, Julian Nagelsmann lässt ihn trotzdem weiterspielen, damit er richtig ins Turnier reinkommen kann, denn die Qualität der Top-Leute vorne, die braucht die Mannschaft. Ich finde insgesamt, es hat sich einiges gefestigt und deswegen mache ich mir auch keine Sorgen, wenn Deutschland ohne Tah und Rüdiger ins Achtelfinale gehen muss. Ich habe großes Vertrauen in Schlotterbeck und Anton und glaube, dass das funktioniert.

SWR Sport: Wir wollen natürlich auch auf die regionalen Spieler schauen. Wie haben die Südwest-Kicker für dich abgeschnitten?

Tom Bartels: Es sind ja einige, deren Traum da gerade in Erfüllung geht. Auch für den Mainzer Philipp Mwene oder Maximiliam Beier von Hoffenheim zum Beispiel. Schaut man jetzt beispielsweise auf Maximilian Mittelstädt, dann glaube ich, dass es fast nicht in Worte zu fassen ist, was ihm da gerade passiert. Ich denke, es wäre durch kaum etwas zu toppen, sollte er am 14. Juli in seiner Heimatstadt Berlin auf dem Platz stehen. Er muss seinen Platz jetzt gegen David Raum verteidigen, aber Mittelstädt hat überzeugt. Und es ging so schnell, er hat das Vertrauen erhalten und ist Nationalspieler geworden. Wahnsinn, was er geleistet hat, jetzt ruft er das Potential ab, das man ihm die ganze Jugend schon nachgesagt hat. Die Veränderung von Berlin nach Stuttgart hat richtig viel bewirkt, vorher steckte seine Karriere ein wenig fest. Man merkt, wie viel das Vertrauen von Sebastian Hoeneß bei ihm auch ausmacht.

Wenn wir bei den Stuttgartern bleiben, haben Führich und Undav ihre Einsatzzeiten bekommen. Ich glaube das ist das Maximum, was sie sich erhoffen konnten. Aber, sie haben bei einer Europameisterschaft gespielt, das ist schon richtig was. Ich erinnere an den Freiburger Matthias Ginter, der war bei zwei Weltmeisterschaften dabei und stand nicht einmal auf dem Feld. Erst bei seiner dritten WM hat er Einsatzzeiten bekommen. Und jetzt wird auch Waldemar Anton spielen und man hat das Gefühl, alle haben absolut Vertrauen in ihn. Also manchmal glaube ich, die Spieler wachen morgens in Herzogenaurach auf und verstehen gar nicht, wo sie eigentlich sind. In den Geschichten gibt es große Parallelen, keiner hatte einen richtig stringenten Weg. Chris Führich hat sich über die zweite Mannschaften hochgearbeitet, auch bei Deniz Undav lief es über Umwege, genauso sieht es bei Waldemar Anton aus, der bei Hannover angefangen hat. Wenn man denen gesagt hätte, dass sie da stehen werden, wo sie jetzt sind. Das ist unvorstellbar. Sie waren und sind alle froh, in der Bundesliga zu spielen. Und das jetzt, das ist schon fast mehr, als seinen Traum zu leben, das ist das Allergrößte, was man als Fußballer erleben kann.

SWR Sport: Ist für dich ein Spieler schon jetzt eine EM-Entdeckung?

Tom Bartels: Wie Giorgi Mamardaschwili, der Torhüter Geogiens, gehalten hat, das war schon Wahnsinn. Klar, er spielt in Valencia. Aber trotzdem, mit welchem Selbstverständnis er im Tor steht, das ist unfassbar. Italiens Riccardo Calafiori wurde zurecht mehrfach gelobt, auch wenn er gegen Albanien einmal schlecht stand. Spanien hat wahnsinnig viel Qualität von jungen Leuten im Kader. Lamine Yamal habe ich natürlich bei Barcelona schon verfolgt. Der ist 16, da steht einem der Mund offen. Auch Nico Williams ist einer der Spieler, die richtig gut sind. Ich konnte natürlich auch nicht alle Spiele live sehen, habe aber versucht, sie im Nachhinein anzuschauen - aber jetzt beginnt das Turnier sowieso neu. Die Leistungen der Vorrunde sind ab sofort sowieso nichts mehr wert, entscheidend ist jetzt der, der in der K.o.-Runde den Unterschied macht und sich da hervortut. Aber es gab schon viele, die Top-Leistungen gezeigt haben, dazu gehört beispielsweise auch Jamal Musiala.

SWR Sport: Und diese Frage muss natürlich noch sein. Was glaubst du, wer wird Europameister?

Tom Bartels: Meine Ursprungsprognose vor dem Turnier war schon von Optimismus geprägt und das bleibt sie auch. Dann muss ich gar nicht über etwas anderes nachdenken. Ich denke tatsächlich von Spiel zu Spiel, die Deutschen schlagen jetzt Dänemark und sind dann unter den letzten Acht. Keiner spielt gern gegen Deutschland, weil man weiß, dass viele Spieler da sind, die Fehler und Risiko sofort bestrafen. Und gerade zu Hause gegen das DFB-Team zu spielen, das will niemand gern. Auch zum Beispiel Frankreich hat seit dem WM-Finale in Katar hat nur zwei Spiele verloren, beide gegen Deutschland. Für mich gibts keinen Grund nach der Vorrunde umzuschwenken.

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