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Interview mit Claudia Kemfert zur Enegiewende "Den Faden nicht abreißen lassen"

Kritik an der Energiewende gibt es reichlich. Was muss dringend getan werden? Fragen an Claudia Kemfert, Energiexpertin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin.

Claudia Kemfert

Claudia Kemfert

Wie hat sich in Deutschland eigentlich der Energiemix geändert, also die Art, wofür wir welche Energie verbrauchen?

Kemfert: Im Stromsektor ist es so, dass wir noch immer einen deutlichen Anstieg sehen, auch im Bereich der erneuerbaren Energien, obwohl der Anstieg nicht mehr ganz so stark ist. Wir haben mittlerweile einen Anteil von 30 Prozent der Erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung. Aber wir haben auch noch immer 45 Prozent Kohlestrom.

Der Anteil von Atomenergie geht immer weiter zurück. Bis 2022 soll er dann auf Null heruntergefahren werden. Und das ist ja auch ein Teil der Energiewende. In anderen Sektoren, wie im Bereich Wärme und gerade Mobilität, dominieren noch immer die fossilen Energien, insbesondere Öl und Gas.

Die Gewinne der großen Versorger - E.ON, RWE, die Energie Baden-Württemberg und Vattenfall - sind stark gesunken. Werden deren Aktienwerte weiter fallen?

vier große Energieversorger

"Rückwärtsgewandtes Management": Die vier großen Versorger.

Auf dem Strommarkt haben wir ein Überangebot, was einerseits daran liegt, dass wir die Erneuerbaren Energien weiter ausbauen. Aber andererseits auch daran, dass der Anteil von Kohlestrom ungebrochen hoch ist. Dadurch sinken die Strompreise an der Börse.

Das hat zur Folge, dass Kraftwerksbetreiber, insbesondere Kohlekraftwerksbetreiber, weniger Einnahmen haben. Da die Konzerne viel zu spät auf die Energiewende umgeschwenkt sind, und immer noch sehr stark an alten Geschäftsmodellen festgehalten haben, haben sie erhebliche Probleme. Die kann man auch in den Aktienwerten ablesen. Aber man sieht das auch daran, dass sie immer weniger Gewinne ausweisen. Und das liegt an einem rückwärtsgewandten Management.

Die Kanzlerin hat sich mit den Managern der großen Autofirmen BMW, Daimler, VW getroffen. Da hieß es: "Lasst uns über eine ganzheitliche Energiepolitik reden." Was müsste sich Ihrer Ansicht nach ändern?

Energiemesse 2012

"E-Autos sind nur ein Baustein"

Eine Kaufprämie für Elektroautos allein nützt nichts, wenn man immer noch die konventionellen Antriebe künstlich subventioniert und bevorteilt. Ein Beispiel ist die Dieselsteuer. Wir haben eine indirekte Subventionierung des Diesels. Ein anderes Beispiel ist, dass der Schienenverkehr benachteiligt wird, dass der öffentliche Personennahverkehr auch nicht ausreichend gestärkt wird.

Da muss man eben genauso ran und dies auch finanziell unterstützen, und sich jetzt nicht nur einen Baustein von sehr vielen heraussuchen. Die Elektromobilität ist lediglich ein Baustein. Es ist auch mal gut, darüber nachzudenken, wie wir sie stärken können.

Aber das macht nur Sinn, wenn man gleichzeitig auch über ein Gesamtkonzept spricht und sich überlegt, wie man die Verzerrung in dem Bereich vermindert und auch wirklich eine nachhaltige Mobilität auf den Weg bringt. Und das geht nur, indem man gleichzeitig auch über den Bereich der konventionellen Energien redet.

Mal angenommen, Sie müssten eine Agenda aufstellen für die Politik. Wo müsste sich zuerst etwas ändern?

PERC-Zelle mit 22,2 Prozent Wirkungsgrad hält den Rekord

"Anteil der Erneuerbaren Energien deutlich ausbauen" - Solarzelle aus Freiberg.

Beim Thema Energiewende geht es ja darum, den Anteil der Erneuerbaren Energien deutlich auszubauen. Da geht es darum, jetzt nicht den Faden abreisen zu lassen durch zu viele Veränderungen, die man jetzt schon wieder plant, sondern dass es kontinuierlich vorwärts geht und damit auch die dezentrale Energieversorgung stärkt inklusive Speicher und intelligenter Netze.

Dann ist aber auch sehr wichtig, dass man das ganze Thema "Energie sparen", die Energie-Effizienzverbesserung in den Vordergrund rückt. Denn hier gibt es ungeahnte Potenziale - wirtschaftliche Potenziale, aber auch Energie-Einsparpotentiale, und damit auch volkswirtschaftlich positive Effekte.

Genau so wichtig ist, dass man nicht nur über Strom redet, sondern eben auch über Gebäudeenergie und gerade auch das Thema "nachhaltige Mobilität" in den Vordergrund rückt. Hier gibt es sehr viele Bereiche, die noch völlig unbeackert sind, gerade im Bereich der nachhaltigen Mobilität.

Ein Wort noch zum Ölpreisverfall. Den konnte ja in dem Maß vor fünf Jahren nun wirklich niemand vorhersehen. Was ändert sich bei der Energiewende durch diesen starken Verfall des Ölpreises?

Ein niedriger Ölpreis ist grundsätzlich erst mal Gift für eine Energiewende, weil sie Investitionen grade in dem Bereich der Gebäudeenergieeffizienzverbesserung und auch im Bereich der nachhaltigen Mobilität eher verschiebt. Und die Investitionen werden aber heute notwendig.

Gerade im Gebäudeenergiebereich brauchen wir mehr Energiesparmaßnahmen und beim Bereich nachhaltige Mobilität muss man wegkommen von Benzin und Diesel. Da ist ein niedriger Ölpreis erst einmal Gift, weil er ja suggeriert, dass das dauerhaft billig sein wird. Und weil man auch eher wieder zu Verschwendung neigt.

Da sollte man gegensteuern - gerade beim Thema Diesel, wo wir ja auch viele Probleme haben. Hier sollte die Dieselsteuer zumindest auf das Niveau der Benzinsteuer angehoben werden und so dem Ölpreisverfall entgegensteuern.

Das Gespräch führte SWR-Wirtschaftsredakteur Alfred Schmit.


Online-Redaktion: Peter Mühlfeit, Heidemarie Martin

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