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Tumore lassen sich derzeit entweder mit dem Skalpell herausschneiden oder mit Bestrahlung und Chemotherapie bekämpfen; in manchen Fällen hilft auch eine Behandlung mit bestimmten Antikörpern. Seit einiger Zeit arbeiten Forscher noch an einer weiteren Waffe gegen Krebs: Bestimmte Viren können nämlich Tumorzellen wirksam vernichten - möglicherweise eine weitere wichtige Säule im Kampf gegen Tumore. Erste klinische Studien mit vielversprechenden Ergebnissen gibt es bereits.

Die Behandlungsmethoden Chemotherapie und Bestrahlung versuchen, das Selbstmordprogramm der Tumorzelle zu aktivieren - manche Krebszellen aber reagieren nicht darauf, sie überstehen die Behandlung völlig intakt. Genau hier liegt die Chance einer Therapie mit Viren. Denn, wenn Viren sich vermehren, bringen sie ihre Wirtszellen zum Platzen. Das Virus verbreitet sich weiter und attackiert neue Zellen.
Einige Viren greifen von sich aus Krebszellen an - das lässt sich medizinisch ausnutzen. Dazu werden Erreger gezielt so verändert, dass sie ausschließlich Tumorzellen angreifen, wie Dirk Nettelbeck vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg erklärt: "Die Kunst besteht darin, die Viren auf bestimmte Zelltypen zu fokussieren, das ist molekulare Handwerkskunst, um Tumore zu bekämpfen. Das Gute dabei: Die Spezifität bei Viren auf den Krebs ist zehn Mal höher als bei Chemotherapien."
Rund zehn verschiedene Virentypen werden derzeit schon an Patienten getestet, unter anderem Masern- und Herpesviren. Dirk Nettelbeck hat sich auf Adenoviren spezialisiert, eine Untergruppe der Schnupfenviren.
Adenoviren eignen sich im Kampf gegen den schwarzen Hautkrebs, auch beim Melanom kann man sie einsetzen. Bei einigen sind Nettelbeck und sein Team schon in einer fortgeschrittenen Testphase. Er geht davon aus, dass diese Viren im Kampf gegen Krebs zum Einsatz kommen können. Weil sie so gezielt wirkt, ist eine Virentherapie gegen Krebs in der Regel viel besser verträglich als herkömmliche Behandlungsformen. Besonders weit fortgeschritten ist inzwischen die Forschung an einem gentechnisch veränderten Herpes-Virus namens Oncovex, das Patienten mit schwarzem Hautkrebs helfen soll. Erste Erfolgsmeldungen gibt es auch von genetisch veränderten Kuhpockenviren. Am Uniklinikum Tübingen startet dazu gerade eine Studie zum Einsatz bei Bauchfellkrebs.
Am Uniklinikum Heidelberg bekommen derzeit erste Probanden mit Glioblastom, einem besonders bösartigen Hirntumor, eine Therapie mit Parvoviren. Es sind die wohl kleinsten Viren, die es gibt - mit besonders günstigen Eigenschaften, sagt Professor Jörg Schlehofer vom Deutschen Krebsforschungszentrum. "Es handelt sich um ein Virus, das überwiegend bei Ratten auftritt, das aber auch gegen menschliche Krebszellen eingesetzt werden kann. Dazu musste es nicht modifiziert werden - es ist ein natürliches Virus in unserer Umgebung, das bisher nicht negativ aufgefallen ist."
Diese Parvoviren schafften es sogar, die Blut-Hirn-Schranke zu überwinden; man kann sie also einfach per Spritze verabreichen. Bei Ratten war die Behandlung ausgesprochen erfolgreich - allerdings nur bis zu einer bestimmten Größe des Tumors. Schlehofer machte die Beobachtung, dass die Ratten geheilt werden konnten, wenn der Tumor nicht zu groß ist. "Wenn der Tumor in einer Hirnhälfte etwa ein Drittel ausmacht, dann kann man das erkrankte Tier mit dem Virus infizieren und der Tumor wird komplett verschwinden."
Grundsätzlich lassen sich die sogenannten onkolytischen, also tumorauflösenden, Viren auch mit zusätzlichen Waffen gegen Krebs beladen - so könnten die Viren etwa Unterstützung von bestimmten Antikörpern bekommen. Ein Problem jeder Virentherapie aber besteht auch hier: Das Immunsystem versucht nämlich immer erst einmal, die Eindringlinge abzuwehren. Und auch manche Krebszellen wehren sich erfolgreich gegen die Tötungsabsicht der Viren.
Dennoch könnten onkolytische Viren künftig als schlagkräftige Ergänzung zu herkömmlichen Behandlungsformen eine wichtige Rolle spielen, meint der Krebsmediziner Dirk Nettelbeck. "Da kann man sich jetzt vorstellen, wenn eine Chemotherapie versagt hat, dass es trotzdem noch Sinn machen kann, Viren einzusetzen. Das bedeutet, Viren können im Kampf gegen Krebs mit anderen Therapieformen sinnvoll kombiniert werden."
Ulrike Till, Online-Fassung: Elke Klingenschmitt
Letzte Änderung am: 25.02.2012, 17.48 Uhr