Karies, Bluthochdruck, Fettleibigkeit Zivilisationskrankheiten lange vor der Menschheit

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Karies, Bluthochdruck, Fettleibigkeit – diese Zivilisationskrankheiten gab es schon lange vor der „Zivilisation", das bestätigt eine neue Studie von Evolutionsforschern aus Tübingen und Dresden.

Die Wissenschaftler stützen sich auf einen Fund aus der Toskana, und einen aus Österreich. Dort, in Kärnten, wurden schon 1953 Zähne eines frühen Menschenaffen gefunden. Diese Zähne, das zeigte die neue Untersuchung, waren von Karies im fortgeschrittenen Stadium befallen.
„Für uns war das eine Überraschung“, erklärt die Leiterin der Studie, Madelaine Böhme vom Senckenberg Zentrum für Menschliche Evolution in Tübingen. Bisher glaubten Forscher, die Menschen würden erst seit Beginn des Getreideanbaus vor 10.000 Jahren unter Karies leiden. „Seit dieser Zeit wurde mehr gekochte Stärke verzehrt“, sagt Böhme. Doch ihren neuen Untersuchungen zufolge gab es Karies schon bei Dryopithecus carinthiacus, einem 12 Millionen Jahren alten europäischen Menschenaffen.

Fossil des großen Primaten Oreopitheque (Oreopithecus bambolii) (Foto: Imago, imago/Leemage -)
Fossil des großen Primaten Oreopitheque (Oreopithecus bambolii) Imago imago/Leemage -

Menschenaffen liebten Süßes

Die Wissenschaftler glauben auch, die Ursache benennen zu können: Die Karies bei Dryopithecus carinthiacus ist auf hohen Zuckerkonsum zurückzuführen. Darauf deuten Pollen am Kärntner Fundort hin. Sie stammen von Bäumen, Sträuchern und Lianen, deren Früchte stark zuckerhaltig sind: Wein, Maulbeere, Esskastanie, Ölweide sowie Kirschen und Pflaumen. Möglicherweise kam sogar noch Honig dazu: Denn die Pollen zeugen auch von 46 honigtragenden Pflanzen.

Maulbeere (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Zu den zuckerhaltigen potenziellen Nahrungspflanzen des Dryopithecus carinthia-cus zählten neben der Maulbeere (im Bild) auch Weintrauben, die Vogel-Kirsche, Erdbeerbaum, Schlehe, die Hickorynuss, Esskastanie, Zitrus, Ölweide. picture-alliance / dpa -

Fettreserven für den Winter

Doch diese Lebensmittel waren im Winter nicht verfügbar. „Um diese Hungerperiode zu überstehen, mussten unsere Vorfahren Fettreserven anlegen“, erläutert der Chemiker Gregor Uhlig vom Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf. Und Fruchtzucker, wie er in den genannten Früchten vorkommt, kann diesen Effekt verstärken.

Und so kommt an dieser Stelle das Fett ins Spiel und damit der zweite Fund, ein 8 Millionen Jahre altes Menschaffen-Skelett aus der Toskana – es zeigt weißes Fettgewebe, wie es heutige Menschen auch haben. Schon diese Primaten konnten also für die mageren Monate Fettreserven anlagern – damals ein Überlebensvorteil, im heutigen Nahrungsüberangebot eine Mitursache für Fettleibigkeit.

Mikroskopisches Bild weißer Fettzellen aus dem acht Millionen Jahre alten Skelett des Menschenaffen Oreopithecus bamboli (Foto: PLOS One -)
Mikroskopisches Bild weißer Fettzellen aus dem acht Millionen Jahre alten Skelett des Menschenaffen Oreopithecus bamboli aus der Toskana (Baccinello, Italien). Oben: Der Gesteinsanschliff zeigt die dicht gepackten Zellverbände. Unten: Grafische PLOS One -

Das Erbe der Menschenaffen in uns

Die neue Studie passt zu genetischen Befunden. Demnach kam es vor 15 Millionen Jahren bei den europäischen Menschenaffen zu einer folgenreichen Mutation im Erbgut. Durch diese genetische Veränderung fehlt uns im Gegensatz zu vielen anderen Affenarten, das Enzym Uricase im Stoffwechsel. Dieses Enzym hilft normalerweise, Harnsäure im Blut abzubauen. Fehlt es wie bei uns, reichert sich Harnsäure im Blut an. Das führt zu erhöhtem Blutdruck. Der war damals gut, um auch bei Nahrungsknappheit aktiv zu sein. „Diese Mutation war maßgeblich dafür, dass frühe Menschenaffen Eurasien besiedeln und eine enorme Artenvielfalt hervorbringen konnten“, meint Böhme. „Wir tragen noch heute ihr Erbe in uns.“

Die neuen Untersuchungen wie auch die genetischen Analysen erhärten also die Theorie: Die heutigen Zivilisationskrankheiten Fettleibigkeit, Bluthochdruck und Karies sind die Folge einer genetischen Veränderung, die den frühen Menschenaffen vor 15 Millionen Jahren die Besiedelung unseres Kontinents erlaubte.

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