Welchen Einfluss hat die Geschwisterfolge auf die spätere Persönlichkeit? (Foto: Colourbox, Colourbox -)

Reihenfolge egal Psyche von Geschwistern

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Es ist schon seltsam: Geschwister sind eng verwandt, sie teilen sich die Hälfte des Erbguts und trotzdem sind sie oft sehr verschieden. Da gibt es den stillen Bruder neben der lebhaften Schwester, sportliche Geschwister neben Couchpotatos, humorvolle und ernsthafte Kinder vereint in einer Familie. Doch woher kommen die großen Unterschiede zwischen Geschwistern? Eine neue Studie zeigt, dass die gewohnten Schubladen oft nicht passen.

Zum einen sind für die Unterschiede zwischen Geschwistern sicherlich Gene verantwortlich, sagen Psychologen, zum anderen ist aber auch das soziale Umfeld wichtig. Oft prägen sich Geschwister sogar gegenseitig, indem sie Rollen besetzen. Klassischerweise übernimmt das Nesthäkchen zum Beispiel die Rolle des süßen Kleinen, während das älteste sich etwas altklug verhält. Mittleren wiederum kommt leicht der Part des Vermittlers zu - so zumindest das Klischee. Doch was ist, wenn die Kinder erwachsen werden, legen sie dann ihre Rollen ab? Prägt die Position in der Geschwisterfolge langfristig die Persönlichkeit von Menschen? Genau davon ging man in der Psychologie lange Zeit aus. Doch Skepsis ist angebracht.

Persönlichkeit und Geschwisterposition

Ende der 90er Jahre sorgte der Wissenschaftshistoriker Frank Sulloway für viel Aufmerksamkeit. Der US-Amerikaner hatte in einer Studie Tausende Biografien untersucht und kam zu dem Schluss, dass die Geschwisterposition die Persönlichkeit eines Menschen stark und anhaltend beeinflusst. Erstgeborene, so Sulloway, seien ihr Leben lang eher konservativ, an Macht und Ordnung orientiert, jüngere Geschwister dagegen Neuem aufgeschlossen und eher rebellisch. Die Jüngsten machen Revolutionen möglich, so Sulloway. Seine Thesen fanden viel Beachtung.

Klassische Studien zur Geschwisterfolge bedienen wohl nur Klischees (Foto: Colourbox, Colourbox -)
Klassische Studien zur Geschwisterfolge bedienen wohl nur Klischees Colourbox -

Neue Studie überrascht

Die Geschwisterreihenfolge wurde zu einem beliebten Argument, um Persönlichkeitsmerkmale zu erklären.
Doch unter Psychologen kamen Zweifel auf. Wie wichtig ist die Geschwisterreihenfolge tatsächlich? Stefan Schmukle von der Universität Leipzig und Boris Egloff von der Universität Mainz wollten das überprüfen. Sie analysierten die Daten von mehr als 20 000 Erwachsenen aus Deutschland, Großbritannien und den USA. Im Fokus der Untersuchung standen folgende Persönlichkeitsmerkmale: Verträglichkeit, Zuverlässigkeit, Intelligenz, emotionale Stabilität und Extraversion, also Offenheit gegenüber anderen Menschen.

Erstgeborene nicht emotional stabiler

Die Ergebnisse der Studie überraschten selbst die Wissenschaftler. Es fand sich nämlich in allen drei Ländern fast gar kein Zusammenhang zwischen Persönlichkeit und Geschwisterposition. Erstgeborene waren als Erwachsene nicht zuverlässiger oder emotional stabiler, jüngere Geschwister nicht besonders verträglich oder extravertiert. Allein bei der Selbsteinschätzung der Intelligenz fanden die Forscher minimale Unterschiede. Die Erstgeborenen berichteten häufiger, abstrakte Ideen gut zu begreifen. Sie gaben auch eher an, einen großen Wortschatz zu haben.

Die Bedeutung der Geschwisterposition wird in der Regel überschätzt (Foto: Colourbox, Colourbox -)
Die Bedeutung der Geschwisterposition wird in der Regel überschätzt Colourbox -

Erstgeborene haben höherem IQ-Wert

Ihr größeres Selbstvertrauen ist nicht völlig unbegründet, denn vom Ältesten bis zum Letztgeborenen sinkt die Intelligenz leicht ab, sagen die Forscher. Diesen Effekt bestätigen auch frühere Studien. Allerdings ist er denkbar klein. Gerade einmal ein bis zwei IQ-Punkte liegen zum Beispiel Zweitgeborene im Schnitt hinter dem älteren Geschwisterkind. Die Unterschiede entstehen vermutlich, indem Eltern sich dem Ersten Sprössling besonders widmen. Umso mehr Kinder dazu kommen, desto schwieriger wird es, alle intensiv zu fördern, sagen die Forscher. Zusammenfassend stellen sie fest, dass Psychologen wie auch Alltagsvorstellungen die Bedeutung der Geschwisterposition überschätzen. Ob man ältere oder jüngere Geschwister hat, beeinflusst die Persönlichkeit offenbar weniger als bislang vermutet.

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