Risikofaktor Herz Plötzlicher Tod im Sport

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Der Tod des belgischen Radprofis Michael Goolaerts hat die Sportwelt erschüttert. Die genauen Hintergründe dieses Falls sind noch nicht bekannt. Unabhängig davon sterben immer wieder scheinbar gesunde junge Menschen beim Fußballspielen, Joggen, Schwimmen, Radfahren oder bei der Ausübung anderer Sportarten. In vielen Fällen wäre der frühe Tod vermeidbar gewesen.

Ein Fußballer, der mitten im Spiel auf dem Rasen stirbt. Ein Marathonläufer, der nicht lebend ans Ziel kommt. Oder der belgische Radfahrer Michael Goolaerts, der mutmaßlich nach einem Herzanfall schwer gestürzt und dann verstorben ist. Bei solchen Anlässen wird der Öffentlichkeit das Problem des plötzlichen Herztods von jungen Menschen bewusst. Ein Ereignis, das gar nicht so selten ist, wie Sportmediziner berichten.

Betroffen sind weit mehr Jugendliche, als man meint. Aber wer denkt schon an so etwas, wenn sportlich aktive Jugendliche nur so vor Gesundheit strotzen. Und es sind bei Weitem nicht nur junge Profisportler, die der plötzliche Tod ereilt. Die meisten Opfer trifft das Schicksal im heimatlichen Sportverein oder beim banalen Hobbysport.

Unerkannte Herzerkrankungen sind gefährlich

Ein solcher Zwischenfall hinterlässt geschockte Angehörige und macht auch Unbeteiligten Angst. Wieso kann ein scheinbar gesunder junger Mensch beim Sport plötzlich tot umfallen? Sind die eigenen Kinder vielleicht auch in Gefahr? Gab es da nicht andere Fälle, in denen sogar junge Athleten mitten im Wettkampf verstarben? Man vermutet hier Medikamente oder Doping als Ursache. Doch diese erste Annahme ist zu oberflächlich. Die wahre Ursache sind unerkannte, meist vererbte Herzerkrankungen. Und die kann man heute zuverlässig diagnostizieren und behandeln.

Herzstillstand eines Fußballstars

Miklos Fehér kurz vor seinemTod (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Miklos Fehér kurz vor seinem Tod picture-alliance / dpa -

Der Fußballstar Miklos Fehér wurde Opfer einer solchen Fehleinschätzung. Der junge Fußballer stirbt vor laufender Fernsehkamera in der Nahaufnahme. Es geschieht in der 60. Spielminute. Sein Verein, Benfica Lissabon, ist gerade mit 1:0 gegen Vitória Guimarães in Führung gegangen. Miklos Fehér begeht ein kleines Foul. Bekommt dafür die Gelbe Karte. Er beugt sich nach vorne, bekommt Herzrasen. Sein Kreislauf versagt und in einer Sekunde bricht er zusammen. Plötzlicher Herztod. Aber warum? Schnell kamen Gerüchte auf, doch das Ergebnis der Obduktion ist eindeutig: Er litt an einer unerkannten Herzerkrankung. Sein Herzmuskel hatte einen erblichen Strukturdefekt. Der Fußballstar wurde das Opfer einer Kardiomyopathie, eine Erkrankung des Herzmuskels, die einen Herzstillstand auslösen kann. Von einer Sekunde zur anderen. Ohne Vorwarnung.

Ultraschalluntersuchungen zur Vorbeugung

Doch die Kardiomyopathie ist nur eines der Krankheitsbilder, das junge Menschen bedroht. Das Problem des plötzlichen Herztods bei Heranwachsenden ist zudem größer als vermutet: Statistiken zeigen, dass es unter 100.000 Jugendlichen jährlich etwa zwei Todesopfer einer unerkannten Herzerkrankung gibt. Und diese Tragödien sind vermeidbar.
Angeborene Veränderungen des Herzmuskels und seiner Gefäße kann man in der Ultraschalluntersuchung sehr gut erkennen.

dreidimensionale Rekonstruktion eines Herzens (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Dreidimensionale Rekonstruktion eines Herzens picture-alliance / dpa -



Etwa 200 € kostet diese 30-minütige Untersuchung. Den Krankenkassen ist das zu viel. Nur in seltenen Fällen springt ein Sponsor ein, wie bei einigen Fußballvereinen. Ansonsten müssen die Eltern schon selbst ins Portemonnaie greifen. Ob das wirklich sinnvoll ist, ist aber umstritten. Dabei kennt man die Risikogruppe für den plötzlichen Herztod im Sport sehr genau.

Risikofaktor männlich, nach der Pubertät

Die Gruppe ist überwiegend männlich, besonders Jugendliche nach der Pubertät sind betroffen. Offensichtlich steigt das Risiko aufgrund von Testosteronausschüttung an.
Also einfach alle Freizeit- und Profisportler zur Sicherheit zum Ultraschall schicken? Experten warnen davor. Man findet in einem Drittel der Fälle irgendwelche Kleinigkeiten. Wenn diese dann in der Patientenakte stehen, dann kann das für den Betroffenen auch negative Folgen haben. Zum Beispiel, dass eine zukünftige Lebensversicherung den Beitrag auf Grund dessen sehr viel höher wie bei jemand anderem ansetzt.

Herzinfarkt statt Muskelzerrung

Angeborene Herzfehler sind nur ein Aspekt des Problems. Auch andere Erkrankungen können junge Menschen gerade beim Sport gefährden. Und auch hierfür gibt es ein spektakuläres Beispiel. Das norwegische Olympiateam 2012 war voller Zuversicht. Die Norweger hatten mit Alexander Dale Oen den vielleicht besten Schwimmer der Welt im Team. Den letzten sportlichen Schliff sollte der Athlet beim Training in den USA bekommen. Siegesgewiss und wie immer bester Laune gab Dale Oen im April 2012 einem lokalen Fernsehsender ein Interview. Sein Letztes!

Beiläufig erzählte er über aktuelle Schmerzen in der linken Schulter. Die strahlten bis in den Arm und in die Brust aus. Ohne es selbst zu begreifen, kündigte er damit den eigenen Tod an. Am nächsten Tag fanden ihn seine Kollegen leblos im Hotelzimmer. Das war keine Muskelzerrung, wie der Mannschaftsarzt vermutete. Der Athlet hatte im Interview die typischen Beschwerden eines Herzinfarkts geschildert. Und die Obduktion ließ keinen Zweifel an der Diagnose zu: Die Herzkranzgefäße des 26-jährigen waren stark arteriosklerotisch verändert.

Wie sich später zeigt, litt Oen an einer vererbten Fettstoffwechselstörung. Eine Veranlagung, die etwa einen von 500 Mitteleuropäern betrifft. Die erhöhten Blutfette greifen die Gefäße an. Es kommt zur Arteriosklerose, zur Gefäßverkalkung. Besonders das Herz ist gefährdet.
Doch während die normale Arteriosklerose ab dem 50. Lebensjahr zur realistischen Gefahr wird, fordert die aggressive Form der familiären Fettstoffwechselstörung schon
im Teenageralter die ersten Todesopfer. Erkennt man die Krankheit jedoch in einem einfachen Routinetest der Blutfette, ist sie gut medikamentös therapierbar.

Risiken werden oft ausgeblendet

Leider hat auch der Fall Oen nicht dazu geführt, dass die Öffentlichkeit für die Gefahren dieses Krankheitsbildes sensibilisiert wurde. Unerkannt und ohne Argwohn joggen, laufen und schwimmen in Deutschland Tausende junger Menschen mit der gleichen Krankheit. Niemand interessiert sich so recht für ihre Risiken. Und warum sollte es bei den Jugendlichen anders sein als bei den Erwachsenen. Bei jeder sportlichen Massenveranstaltung wird man Zeuge eines erstaunlichen Phänomens. Ausgerechnet die betont Gesundheitsbewussten und sportlich aktiven Erwachsenen riskieren quasi für die eigene Gesundheit ihr Leben.

Routine-Check ab 50 Pflicht

Beim Marathonlauf oder anderen sportlichen Großveranstaltungen gilt die Faustregel, dass es ungefähr pro 40-50.000 Teilnehmern zu einem Todesfall kommt. Mit dabei sind eben auch die Läufer, die ohne es zu wissen, ein kardiales Risiko in sich tragen. Menschen, bei denen der natürliche Alterungsprozess bereits das Herz angegriffen hat, die aber hoffen, ihrer koronaren Herzkrankheit davon laufen zu können. Ein fataler Irrtum. Wer sich gesund fühlt und Sport treibt, vergisst gerne etwas Entscheidendes: den ärztlichen Routine-Check vor dem Start zum Lauf-Event. Ab dem 50. Lebensjahr ist er eigentlich Pflicht. Aber auch bei Jugendlichen, wenn der geringste Verdacht besteht, dass mit dem Herz etwas nicht stimmt.

Wirklich voruntersucht sind bei sportlichen Großveranstaltungen wie der City Nacht in Berlin die wenigsten, keine 10 Prozent der Läufer. Daher muss man mit einer hohen Dunkelziffer an Läufern rechnen, die irgendwelche Risikofaktoren in sich tragen, von denen sie aber noch nichts wissen.

Alarmzeichen erkennen

Viel wäre auch schon gewonnen, wenn jeder Hobbyjogger die typischen Alarmzeichen einer unerkannten Herzerkrankung kennen würde und wenigstens dann zum Hausarzt geht. Typische Zeichen sind Schwindelattacken, sogenannte "Blackouts". Also kurze Episoden, wo man Lichtblitze sieht. Wo man Flackern sieht. Kurze Episoden, wo man aber auch das Gefühl hat, jetzt werden die Beine weich. Wo man sich mitunter gar hinsetzen muss. Wo man stürzt. Das sind typische Symptome, die dann auftreten, wenn vom Herzkreislauf her etwas nicht stimmt. In den meisten Fällen ist es nur ein bisschen niedriger Blutdruck. In schlimmen Fällen stehen dann eben strukturelle Herzerkrankungen dahinter. Wer solche Alarmzeichen beim Joggen verspürt, muss unbedingt zum Arzt gehen und sich untersuchen lassen. Egal wie alt man ist.

Knapp 80 Euro kostet ein sportmedizinischer Basis-Check-up, den jeder, der Marathonambitionen hat, oder der in der Freizeit joggt durchführen sollte. Nur dann kann man seine kardialen Risiken abschätzen.

Infekte richtig auskurieren

Nicht unterschätzen sollte man nach Meinung von Experten die Rolle von Infekten. Wenn man gerade eine ausgeheilte Grippe hinter sich hat, sollte man beispielsweise nicht gleich wieder Marathon laufen. Man muss ganz sicher sein, dass alle Symptome mindestens zwei Wochen zur Ruhe gekommen sind, ehe man wieder eine größere Anstrengung auf sich nimmt. Sonst besteht das Risiko, mit einer nicht erkannten Herzmuskelentzündung an den Start zu gehen. Der entzündete Herzmuskel ist aber nicht nur geschwächt. Er neigt auch zu plötzlichen und dann tödlichen Herzrhythmusstörungen.

Das Problem ist, dass man so eine Herzmuskelerkrankung in der üblichen Routineuntersuchung oft gar nicht feststellen kann, auch wenn es eine sportärztliche
Untersuchung ist. Es bleibt immer eine Restunsicherheit.

Keine Ausrede für Sportmuffel

Die Experten sind sich einig: Besonders die Vorsorgeuntersuchungen in den Sportvereinen sind verbesserungsbedürftig. Eine Ultraschalluntersuchung des Herzens sollte dabei zur Routine werden. Jeder, in dessen Familie Herzprobleme in jungen Jahren auftraten, muss entsprechend untersucht werden. Joggen oder gar Marathonlauf nach einer Erkältung müssen Tabu sein. All das zusammengenommen könnte viele plötzliche Todesfälle beim Sport verhindern. Trotzdem darf das alles nicht zum Vorwand für Sportmuffel werden, denn Sport an sich ist und bleibt gut für unsere Gesundheit. Der Berliner Kardiologe Professor Andresen:

"Der Sport ist nicht das Risiko, sondern die Erkrankung, die Vorerkrankungen sind das Risiko. Der Sport führt sogar dazu, dass das Risiko abgemildert ist."

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