"Männer-Hirne" und "Frauen-Hirne" Ein Neuro-Mythos wird widerlegt

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Männliche Gehirne, weibliche Gehirne - Seit Jahrzehnten produzieren Wissenschaftler Befunde, die den angeblichen "großen" Unterschied belegen. Eine neue Studie kommt zu einem ernüchternden Ergebnis. Der Wissenschaftsjournalist Martin Hubert ordnet die Befunde ein.

Was genau hat diese Studie an Neuem ergeben?

Es war eine sehr große Studie an über 1400 Gehirnen. Die Universität in Tel Aviv hat dabei mit vielen anderen Forschern zusammengearbeitet, auch mit deutschen Zentren. Diese Studie hat festgestellt: wir können kein geschlechtsspezifisches Gehirn finden. Sondern in männlichen Gehirnen finden wir weibliche Merkmale und umgekehrt. Das hat man nicht nur an einzelnen Arealen im Gehirn festgestellt, sondern man hat das ganze Gehirn untersucht.

Gehirn (Foto: SWR, SWR -)
Das geschlechtsspezifische Gehirn ist wohl ein Mythos SWR -

Man hat die sogenannte graue und weiße Substanz im Gehirn angeschaut, also die Nervenzellen selbst und die Verbindungen zwischen ihnen. Ferner die Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften. Und es hat sich wiederholt gezeigt, dass wir kein geschlechtsspezifisches Gehirn haben. Das ist ein sehr robuster Befund.

In der Vergangenheit haben andere Studien immer wieder das Gegenteil behauptet: wie passt das denn zu den jüngsten Ergebnissen?

Es passt eben nicht. Man muss vielleicht zurückschauen. Über 5000 Studien haben sich mit dem männlichen und weiblichen Gehirn beschäftigt. Mal wurde gesagt, bei Frauen sei die rechte "intuitive" Hirnhälfte aktiver, bei Männern die linke "analytisch-rationale". So grob sagt das keiner mehr, denn es gibt Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften über den sogenannten "Balken". Die Gehirnhälften tauschen also so Informationen aus.
Dann gab es etwas differenzierte Theorien von Simon Baron-Cohen, einem sehr einflussreichen Psychologen von der Universität Cambridge. Der hat von dem "S-Gehirn" gesprochen: dem "systematischen" männlichen Gehirn. Während das weibliche Gehirn sehr empathisch sein soll. Das zeige sich schon bei kleinen Kindern: Wenn man ihnen ein Bild von einem lächelnden Gesicht zeigt und dazu ein Mobile, schauen die männlichen Babys mehr auf das Mobile, die Mädchen mehr auf das dass lächelnde Gesicht.

gender (Foto: © Colourbox.com -)
Zeigen sich auch schon bei Babys und Kleinkindern geschlechtsspezifische Ausprägungen? © Colourbox.com -

Baron-Cohen hat das auf die Entwicklung im Mutterleib zurück geführt: im Mutterleib entwickelt sich das männliche Gehirn, da das männliche Sexualhormon Testosteron ausgeschüttet wird. Das ist so eine einflussreiche Theorie.

Das klingt aber alles sehr nach Schema F. Gab es da auch differenzierte Auffassungen?

Ja, vor knapp zwei Jahren gab es wieder eine große Studie, die die Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften untersucht hat. Dort wurde festgestellt, dass es bei den Frauen eine stärkere Kommunikation zwischen den Gehirnhälften gibt, während bei Männern die Kommunikation innerhalb der Gehirnhälften ausgeprägter ist. Das man da so interpretiert, dass Frauen das "Intuitive" und das "Rationale" besser verbinden und somit "ganzheitlicher" denken. Und das war einer der letzten großen Befunde, die für eine Theorie des zweigeschlechtlichen Gehirns gesprochen hat.

War das bis dahin also Konsens oder gab es auch Zweifler?

Ja es gab schon einen Konsens, der in diese Richtung ging, aber Zweifler gab es immer. Zum Beispiel gab es eine Studie, die hat zwei unterschiedliche statistische Auswertungsverfahren verwendet um die Daten, die man bei Hirnscans findet, zu analysieren. Dabei wurde bei einem Analyseverfahren herausgefunden, dass es Unterschiede in den Spracharealen zwischen Männern und Frauen gibt.

Eine Aufnahme eines Gehirns (Foto: DasErste -)
Mit modernen bildgebenden Verfahren versuchen Hirnforscher, den Geheimnissen unseres Denkapparates auf die Spur zu kommen DasErste -

Das ist auch eine alte These, dass Frauen besser sprechen und besser kommunizieren. Allerdings: wendet man ein anderes statistisches Auswertungsverfahren an, war dieser Unterschied nicht zu finden. Das zeigt schon, dass diese Unterschiede sehr klein sind und von der Methode abhängen. Und dann ist die Frage: was bringen eigentlich solche großen statistischen Vergleiche bei vielen Gehirnen, wenn wir einen einzelnen Mann oder Frau und deren Gehirn bewerten wollen? Ist das wirklich wichtig?

Ist die neue Studie darauf eingegangen? Ist sie aussagekräftiger?

Ja, das ist genau der Punkt, den diese Studie jetzt in Visier genommen hat. Man hat genau gefragt: ob man aus statistischen Unterschieden zwischen Männern und Frauen auf das "typische" Gehirn schließen kann und sie fanden eben: das kann man nicht. Sie fanden zwar Unterschiede zwischen männlichen und weiblichen Gehirnen, aber diese betreffen so viele unterschiedliche Areale und sind so verschieden ausgeprägt, dass man daraus kein generelles Muster ableiten kann. Auch wenn es diese statistischen Unterschiede gibt, kann man trotzdem beim einzelnen Gehirn kaum ableiten, ob einem Mann oder einer Frau gehört . Untersucht man zum Beispiel die graue Substanz betrachtet, dann gelingt das nur in 6 % der Fälle. Bei 94 % der Fälle klappt das nicht. Da sagen die Forscher, wir sollen deswegen endlich diese Rede vom männlichen oder weiblichen Gehirn beerdigen.

Welche Konsequenzen hat das denn nun für die aktuellen Gender-Debatten? Diese betonen ja, dass das Geschlecht weniger durch Biologie als durch Sozialisation, Erziehung und Arbeitsrollen geprägt wird und diese wiederum das Gehirn formen.

Ja auch die Autoren der neuen Studie deuten ihre Ergebnisse in diese Richtung. Natürlich, sagen sie, gibt es ein biologisches Geschlecht, es gibt männliche und weibliche Körper, es gibt auch männliche und weibliche Hormone. Aber wir wissen ja, dass auch bei Männern weibliche Hormone da sind und bei Frauen männliche, das ist immer eine Mixtur und so ist es auch beim Gehirn.

Neuronen (Foto: © Colourbox.com -)
Geschlechtsspezifisches Verhalten lässt sich durch unser Gehirn nur bedingt erklären. © Colourbox.com -

Das Gehirn ist eine Mixtur und sie ist für unterschiedliche hormonelle Einflüsse und für soziale Geschlechtseinflüsse offen. Die Forscher haben übrigens auch eine Verhaltensuntersuchung an über 5500 Versuchspersonen vorgenommen. Und sie auf angeblich "typisch" männliche bzw. weibliche Attribute untersucht wie "mutig", "scheu", "aggressiv" oder "empathisch". Auch hier hat sich herausgestellt, was auch zu der Hirnstudie passt: das funktioniert nicht. Wir sind ein Mosaikgehirn, wir sind Mosaikverhaltensmenschen. Wir müssen uns von dieser biologischen Geschlechtsbestimmung lösen und mit dieser Studie ist die aktuelle Hirnforschung in der aktuellen Genderdebatte angekommen: wie sozial geprägt ist eigentlich das Geschlecht?

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