Wenn die Pumpe plötzlich aussetzt Hilfe für das kranke Herz

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Trotz rasanter medizinischer Fortschritte bleiben Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Deutschland wohl noch auf lange Sicht Todesursache Nummer eins. Woran erkennt man einen Herzinfarkt? Ist ein Herzinfarkt eine typische Männerkrankheit? Welche Therapien sind bei Herz- und Gefäßerkrankungen heutzutage am vielversprechendsten? Und muss es immer Hightech-Medizin sein?

Herzinfarkt: Wenn die Pumpe plötzlich aussetzt. Jährlich sterben allein in Deutschland Zehntausende von Menschen, weil nicht umgehend gehandelt wird. Der Faktor Zeit spielt daher eine ganz wesentliche Rolle bei der Rettung.

Hauptursache eines Herzinfarkts sind Bluthochdruck, Rauchen und Bewegungsmangel. Außerdem spielen zu hohe Fett- und Zuckerspiegel im Blut eine Schlüsselrolle. Diese Negativeinflüsse führen zu Ablagerungen in den Herzkranzgefäßen, der sogenannten Arteriosklerose - die Gefäße werden dadurch immer enger; wenn sie ganz verstopfen und gar kein Blut mehr hindurchfließen kann, kommt es zum Herzinfarkt.


Herzinfarkt - eine typische Männerkrankheit?

Ein Herzinfarkt lässt sich heute deutlich besser behandeln als früher; die Ärzte können inzwischen rund 20 Prozent mehr Patienten retten als noch vor zehn Jahren. Doch entgegen gängiger Klischees ist ein Herzinfarkt keine typische "Männerkrankheit": Laut deutscher Herzstiftung sterben fast doppelt so viele Frauen an ihrem ersten Infarkt wie Männer. Noch immer unterschätzen viele Mediziner, dass bei Frauen nach den Wechseljahren das Risiko für einen Infarkt genauso hoch ist wie bei männlichen Patienten.

Frauen haben oft andere Symptome
Herzinfarkt ist bei Frauen viel häufiger als Brustkrebs, auch bei jüngeren Frauen. Doch Ärzte denken oft nicht daran, dass auch Frauen einen Herzinfarkt haben können. Allerdings sind bei Frauen die Symptome für einen Herzinfarkt oft weniger spezifisch als bei Männern. Frauen haben bei einem akuten Herzinfarkt nicht das für Männer typische heftige Beklemmungsgefühl und die Schwere. Sie klagen zwar auch über ein gewisses Engegefühl, eine Art Sodbrennen, das aber häufiger in Verbindung mit Übelkeit. Die Symptome für einen Herzinfarkt sind daher bei Frauen oft weniger richtungsweisend, weniger eindeutig als bei Männern.

Therapie bei Herzinfarkt ist für Männer und Frauen gleich

Die Symptome sind bei Männern und Frauen zwar sehr unterschiedlich - die Therapie des Herzinfarkts ist aber gleich: Die Ärzte müssen den Blutpfropf an der Engstelle so schnell wie möglich beseitigen. Das gelingt am besten mit blutverdünnenden Medikamenten und durch den Einsatz eines Stents: Ein kleines Röhrchen wird mithilfe eines Herzkatheters eingesetzt; der Stent hält das verengte Gefäß offen und sorgt so dafür, dass der Herzmuskel wieder ausreichend durchblutet wird. In der akuten Krisensituation sind Stents unverzichtbar.

Gefäßstützen sind nicht immer sinnvoll
Aber wie sinnvoll sind die Gefäßstützen, wenn sie nur vorbeugend eingesetzt werden? Diese Frage ist seit Jahren umstritten - nun liefert eine große Überblicksstudie aus den USA den Stent-Kritikern neue Munition. Die ernüchternde Bilanz der Mediziner am University Medical Center in Stony Brook in New York: Die mechanischen Gefäßstützen bringen chronischen Herzpatienten häufig nicht mehr als die Behandlung mit Medikamenten. Experten gehen davon aus, dass viele Stents überflüssig sind.

Herzschrittmacher (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Herzschrittmacher picture-alliance / dpa -

Bislang wurde in der Kardiologie jahrzehntelang eher mechanisch gedacht. Doch immer mehr Mediziner sehen einen Herzinfarkt als allgemeine Stoffwechsel-Erkrankung. Das heißt, das ganze Gefäß ist betroffen, daher muss auch das ganze Gefäß behandelt werden. Und das kann man nicht örtlich, sondern das kann man nur über das Blut, indem man das Blut verändert.

Medikamente senken das Infarktrisiko

Stent (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Stents dienen als Gefäßstützen picture-alliance / dpa -

Patienten mit erhöhtem Risiko für Herzinfarkt bekommen in der Regel sogenannte "Statine" für bessere Cholesterinwerte. Außerdem werden blutverdünnende Medikamente sowie Betablocker und ACE-Hemmer verordnet, um den Blutdruck zu senken. Offenbar hilft das in vielen Fällen genauso gut wie ein Stent - und ist noch dazu deutlich billiger. Dennoch werden die Gefäßstützen in Deutschland immer beliebter; inzwischen werden jährlich knapp 330.000 Stents implantiert.

Vor allem Kranke mit Angina Pectoris, also einem beklemmenden Engegefühl in der Brust, erhoffen sich davon eine Verbesserung - doch bei fast einem Drittel der Patienten bleiben die Beschwerden trotz Stent weiterbestehen. Daher sollten Betroffene besser vorher genau nachhaken, ob ein Eingriff wirklich nötig ist.

Bypass oft besser als Stent
Bei Patienten mit mehreren Engstellen am Herzen reichen Medikamente alleine aber in der Regel nicht aus - hier ist ein Bypass, also die Überbrückung des verengten Herzkranzgefäßes, die Alternative zum Stent. Viele Patienten ziehen die vermeintlich schonende Stent-Implantation einer invasiven Bypass-Operation vor. Doch im Langzeitvergleich schneiden die Stents aktuellen Daten zufolge deutlich schlechter ab als vermutet: Bei der "Syntax-Studie" mit rund 1.800 Patienten traten in den Jahren nach einer Bypass-Operation deutlich weniger Herzinfarkte auf als nach der Stent-Implantation; außerdem musste seltener nachoperiert werden.

Neuer Trend: Biologisch abbaubare Stents

Allerdings könnte sich das Blatt in den nächsten Jahren doch noch zugunsten der Stents wenden: Seit kurzem gibt es nämlich biologisch abbaubare Gefäßstützen, die sich mit der Zeit selbst zersetzen. So haben Mediziner am Uniklinikum Heidelberg den ersten deutschen Patienten mit einem solchen Biostent behandelt. Kardiologen sehen darin vor allem zwei Vorteile: Man hat kein Fremdmaterial in seinen Gefäßen. Außerdem können sich - anders als bei Gefäßstützen aus Metall an den Metallstreben - keine Gerinnsel festsetzen. Das passiert bei rund 0,5 Prozent der Fälle pro Jahr. Ein weiterer Nachteil von Metallstents ist, dass es für Chirurgen wesentlich schwieriger ist, später bei Bedarf einen Bypass auf das Gefäß aufzusetzen, weil man diesen nicht einnähen kann.

Die neu entwickelten Biostents haben sich dementgegen spätestens nach zwei Jahren komplett aufgelöst - das aufgeweitete Herzgefäß hat sich in dieser Zeit wieder stabilisiert und kommt ohne zusätzliche Stütze aus. Möglich macht das ein Material, das sich im klinischen Einsatz schon vielfach bewährt hat: Die Polymilchsäure. Diesen Kunststoff kennt man zum Beispiel vom Nahtmaterial der Chirurgen; es löst sich von alleine auf. Man setzt ihn aber auch als biodegradierbaren Kunststoff ein, also in Verpackungssystemen und ähnlichem.


Biostents noch nicht marktreif

Selbstauflösender Stent (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Selbstauflösender Stent - schon bald serienreif? picture-alliance / dpa -

Bis zum Einsatz von Biostents auf breiter Basis wird noch einige Zeit vergehen. Weltweit sind inzwischen einige Hundert Patienten mit Biostents behandelt worden - die Erfahrungen sind so positiv, dass manche Kardiologen die Methode für einen Meilenstein der Herzmedizin halten. Vor allem deshalb, weil das behandelte Gefäß nicht starr bleibt, sondern mit der Zeit wieder flexibel reagieren kann: Das Gefäß kann wieder pulsieren. Und es kann natürlich reagieren auf die vielen hormonalen oder medikamentösen Einflüsse. Also zum Beispiel, wenn man sich aufregt, oder wenn das Herz schneller schlägt, dann erweitern sich die Gefäße, und damit fließt dann mehr Blut zum Herzen. Diese normale Reaktion eines Herzkranzgefäßes ist damit sichergestellt, wenn man kein Material zurückbehält.

Stammzellen in der Herztherapie
Auch andere innovative Ansätze der Herzmedizin versuchen, ohne Metall oder Kunststoff im Körper auszukommen. Die größten Hoffnungen liegen dabei auf Therapien mit patienteneigenen Stammzellen. Injektionen mit Stammzellen sollen dabei helfen, die Narben nach einem Herzinfarkt zu mindern und geschwächte Herzen wieder kräftiger schlagen zu lassen. Mehrere Studien haben inzwischen positive Effekte gezeigt - allerdings sind immer noch viele Fragen offen, im klinischen Alltag ist die Methode noch längst nicht angekommen. Experten warnen daher vor überzogenen Erwartungen.

Herzgewebe aus dem Bioreaktor
Weltweit arbeiten Forscher daran, abgestorbenes Herzgewebe mit stammzellbesiedelten Flicken, sogenannten patches, zu reparieren. Im Idealfall ziehen sich diese Flicken im Rhythmus des Herzschlags zusammen - sie kontrahieren, wie Mediziner sagen. Für Patienten mit fortgeschrittener Herzschwäche wäre das ein bahnbrechender Fortschritt. Dr. Alexander Weymann, Oberarzt an der kardiologischen Universitätsklinik Heidelberg, ist Spezialist für die Züchtung von Herzgewebe im Bioreaktor. Er rechnet damit, dass Herzflicken aus patienteneigenen, man sagt auch "autologen" Stammzellen schon bald zum Einsatz kommen.

2008 sorgten Herzchirurgen in Hannover für Schlagzeilen, als sie erstmals in Deutschland bei einem Kind eine laborgezüchtete Herzklappe implantierten. Solche Klappen bestehen im Wesentlichen aus patienteneigenen Zellen, deshalb ist keine Abstoßungsreaktion zu befürchten.

Maßgeschneiderte Spenderorgane

Noch viel ehrgeiziger ist ein Projekt, das 2011 am Uniklinikum Heidelberg begonnen hat. Oberarzt Dr. Alexander Weymann will ein komplettes Herz im Bioreaktor heranwachsen lassen - das Organ soll am Ende genauso gut funktionieren wie ein natürlich entstandenes Menschenherz. Andere Wissenschaftler haben das bisher nur mit Herzen in Mäusegröße versucht. Der Ansatz ist im Prinzip der gleiche wie bei der Herzklappe aus der Retorte: Ein Grundgerüst aus Eiweißfasern, zum Beispiel vom Schwein, wird mit patienteneigenen Zellen besiedelt. Mit einer speziellen Lösung wird das Organ dann von allen Zellen befreit. Übrig bleibt nur das Stützgerüst, die sogenannte Matrix.

Die Heidelberger Forscher hoffen, dass sich die Schweinematrix eines Tages mit Zellen herzkranker Menschen besiedeln lässt - dann würde der Körper das Ersatzorgan bei einer Transplantation voraussichtlich nicht abstoßen. Im Moment aber experimentieren die Wissenschaftler noch mit Rattenzellen. Bis sich mit diesem Verfahren wirklich maßgeschneiderte Spenderorgane produzieren lassen, werden aber wohl noch Jahrzehnte vergehen.

Sport oft besser als High-Tech-Medizin

Statt mit High-Tech-Medizin lässt sich die Herzfunktion aber auch auf ganz herkömmliche Weise verbessern - mit regelmäßigem Sport. Wichtig ist vor allem, dass die Kranken auf schonende Weise ihre Ausdauer trainieren. Das Herz kann sich zumindest ein Stück weit selbst reparieren: Viel körperliche Bewegung führt dazu, dass der Körper um verengte Herzkranzgefäße neue Adern wachsen lässt. - Diese natürlichen Bypässe sprießen umso zahlreicher, je mehr die Durchblutung beim Sport in Gang kommt. Eine gesunde, aktive Lebensweise ist für den Erfolg jeder Herztherapie entscheidend.

Lebensweise ändern hilft

Rauchen schadet den Gefäßen (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Rauchen schadet den Gefäßen picture-alliance / dpa -

Nach einer Operation, wenn sie denn einmal notwendig war, ist es zwingend notwendig, auch seine Lebensgewohnheiten - soweit sie denn zu dieser Erkrankung geführt haben - umzustellen. Denn ansonsten besteht die Gefahr, dass der Behandlungserfolg koronare Herzkrankheit, die mit Bypass oder Stents versorgt wurden, nur von kurzer Dauer ist und die Patienten aufgrund ihrer Lebensweise - Rauchen, schlecht eingestellter Diabetes, Übergewicht, Hypertonus - rasch wieder ins Krankenhaus zurückkommen.

Die meisten Kranken verwechseln die Klinik mit einer Reparaturwerkstatt, in der ohne eigenes Zutun alle Mängel beseitigt werden - so die resignierte Bilanz mancher Mediziner. Nur wenige begreifen, dass sie selbst zu ihrer Heilung beitragen müssen. Deshalb sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Industrienationen auch nach wie vor die Todesursache Nummer eins.

Herzpatienten brauchen psychologische Betreuung

Mann sitzt auf einem Baumstupf und blickt nach oben (Foto: SWR, SWR -)
Ein Infarkt hat auch psychische Folgen SWR -

In den vergangenen Jahren hat sich immer deutlicher gezeigt, wie wichtig es ist, gerade Herzpatienten auch psychologisch zu betreuen. Manche leiden seelisch so unter ihrer Krankheit, dass sie depressiv werden - dadurch steigt das Infarktrisiko. Studien belegen, dass bei depressiven Menschen die Wahrscheinlichkeit, einen Herzinfarkt zu erleiden, um 64 Prozent erhöht ist. Vermutlich liegt das daran, dass bei Depressiven das vegetative Nervensystem aus dem Gleichgewicht geraten ist, das Atmung und Herzschlag kontrolliert. Außerdem lässt chronischer Stress die Entzündungswerte im Blut ansteigen - dazu kommt noch, dass depressive Patienten häufig den eigenen Körper vernachlässigen.

Selbst aktiv werden
Doch auch psychisch gesunde Herzpatienten fühlen sich wegen ihrer Krankheit häufig einsam oder niedergeschlagen - in solchen Phasen hilft der Austausch mit anderen Kranken, zum Beispiel beim Herzsport. Seelische Unterstützung aber nutzt immer nur im Zusammenspiel mit einer optimalen medizinischen Behandlung - und da sind inzwischen Dinge möglich, die vor einiger Zeit noch wie Science-Fiction klangen.

Frau tanzt lächelnd mit einem Mann (Foto: SWR, SWR -)
Tanzen fürs Überleben SWR -

Noch ist das Herz aus der Retorte eine kühne Vision - doch schon jetzt können Ärzte viel mehr Patienten retten als früher. Und neue Ansätze mit Stammzellen, mitwachsenden Herzklappen oder Biostents stehen kurz vor dem Durchbruch. Doch nur wenn Herzkranke nicht alles nur der modernen Medizin überlassen, sondern selbst aktiv werden, können sie auch nach einem Infarkt noch lange ein erfülltes Leben führen.

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