Grube Messel Vom Müll-Loch zum UNESCO-Welterbe

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Ende der 60er-Jahre hatten hessische Politiker ein Problem: Müllnotstand drohte! Schnell bot sich eine praktikable Lösung an: die Entsorgung in einem riesigen Loch, einem ehemaligen Tagebau bei Darmstadt. Die Idee hatte nur einen Haken: Dieser Tagebau, die Grube Messel, ist eine der bedeutendsten Fossilienfundstätten auf unserem Planeten. Trotz zahlreicher Proteste wurde Messel zu einer Deponie ausgebaut und wäre auch tatsächlich in Betrieb gegangen, hätten nicht findige Köpfe dies trickreich verhindert.

50 Millionen Jahre ist es her, dass die Gegend um Messel in Hessen mit dichtem Regenwald bedeckt war. Riesige Farne und Lorbeerbäume wuchsen hier. Es war das Zeitalter des Eozän, benannt nach Eos, der griechischen Göttin der Morgenröte. Das Klima in dieser Zeit war sehr warm und für die Entstehung neuer Tier- und Pflanzenarten so günstig, dass die Evolution quasi explodierte. Die Säugetiere entwickelten sich. Fledermäuse ebenso wie Ameisenbären und Ur-Pferde, die durch das dichte Unterholz der Wälder pirschten.

Tiere im Vulkansee

Im Messeler Wald gab es einen Vulkansee, mehr als 200 Meter tief. In seinen oberen Wasserschichten lebten Fische. Auch Alligatoren tummelten sich hier und Schildkröten. Doch an manchen Stellen war der See eine regelrechte Todesfalle. Fledermäuse fielen vom Himmel herab, Fische schnappten im Todeskampf nach Luft. Schuld waren tödliche Gase, die aus den Tiefen des Sees aufstiegen: Schwefelwasserstoffgase, aber auch Methan und Kohlendioxid blubberten an die Oberfläche. So sanken die Tiere langsam herab, und mit ihnen Algen und winzige Tonpartikel. Zusammen bildeten sie eine Schicht, die jedes Jahr um nur wenige Millimeter wuchs.
Die Tiere liegen heute in der Grube Messel begraben in einer Schicht aus Ölschiefer, eine Art von Tongestein. In ihr haben sie sich perfekt erhalten. So perfekt, dass man in Messel nicht nur einzelne Knochen finden kann, sondern ganze Tiere, mit Häuten, Fell und dem Inhalt ihrer Mägen.

Perfekt erhalten

Viele Jahrtausende war diese Landschaft unberührt. Bis zu dem Zeitpunkt, als Menschen in diesem Wald erst die Braunkohle und dann den wertvollen Ölschiefer entdecken, der sich darunter verbarg. 1885 werden die ersten Fabrikanlagen gebaut, um aus dem Ölschiefer Rohöl zu gewinnen. In den 1920er-Jahren wird die Grube Messel der bedeutendste Rohölproduzent des Deutschen Reiches. Beginnende Ölimporte aus Nahost machen den Abbau in Messel später unrentabel. 1962 wird die Fabrik stillgelegt und die gesamte Anlage demontiert.
Ende der 1960er-Jahre sieht Messel – die siebzig Meter tiefe und 800 Meter breite Grube – wie ein alter Tagebau aus: An einem Hang lagert Bauschutt, in der Talsohle sammelt sich Wasser. Doch Messels wahre Schätze sieht man nicht. Sie liegen seit Millionen von Jahren tief in den Ölschieferschichten verborgen. Jetzt erst werden sie nach und nach entdeckt.

Fischschuppen erzählen ihre Geschichte

Norbert Micklich hat sich auf Fische spezialisiert. Der Paläontologe vom Landesmuseum Darmstadt arbeitet mit Hobbygräbern vom Verein "Paleo-Geo" zusammen. Anhand einer einzelnen Schuppe kann Norbert Micklich jeden Fisch in der Grube identifizieren: Acht verschiedene Arten hat er in Messel bisher gefunden. Er sammelt sie und will damit die Lebensbedingungen der Fische im See rekonstruieren.
Der Forscher ist nicht der erste, der hier etwas findet: Schon 1875 wird im Ölschiefer ein fossiles Krokodil entdeckt. Doch das Material trocknet an der Luft schnell aus, es zerbröselt und zerbricht.

1972 tritt das erste Abfallbeseitigungsgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. Anstelle wilder Müllplätze sollen künftig einzelne Großdeponien entstehen. Alleine im südhessischen Raum betrifft es mehr als hundert Plätze, die nun geschlossen und zusammengelegt werden sollen. Eine Entscheidung mit Folgen.
Etwa zur selben Zeit arbeitet Jens Franzen als wissenschaftlicher Assistent am Forschungsinstitut Senckenberg in Frankfurt. Als Paläontologe erforscht er die Evolution von Wirbeltieren. Er erinnert sich gut an den Besuch, den er im November 1973 von zwei Studenten der Universität Frankfurt bekommt, die ihn darüber informieren, dass die Grube Messel als Mülldeponie genutzt werden soll.

Müll nach Messel

Die Anwohner der Grube Messel sind entsetzt. Sie laden alle Beteiligten zu ihrer ersten Bürgerversammlung ein. 1974 wird in Messel das erste vollständige Skelett eines Urpferds gefunden. Von einem Privatmann. Die Grube entwickelt sich zu einem Eldorado für Schwarzgräber, der Handel mit Messel-Fossilien blüht.
Während Forscher sonst nur Einzelknochen, mal ein Gebiss oder einen Schädel finden, können sie in Messel komplette Skelettfunde machen. So ist es möglich, das Aussehen der Tiere aus dem Eozän zu rekonstruieren und genauere wissenschaftliche Aussagen zu treffen. Neben Urpferden findet man auch Ameisenbären, Sumpf- und Wasserschildkröten, Fledermäuse, Schlangen und eine Fülle von Insekten.

1981 beschließt das Hessische Oberbergamt den sofortigen Bau der Deponie, weil der Müllnotstand droht. Doch Widerstand formiert sich. Die Bürgerinitiative reagiert mit Demos und Versammlungen. Jens Franzen versucht es auf andere Weise. Er holt sich Stellungnahmen seiner Forscherkollegen aus dem Ausland ein. Die Antwort-Briefe gehen ans Ministerium und an deutsche Zeitungen.

Vor Gericht ist das Thema Fossilien-Grabung allerdings kein Verhandlungs-Thema mehr. Das Land schafft Fakten. Eine Zufahrtstraße und eine Kläranlage werden gebaut. Der Boden der Grube wird mit Kies verfüllt.

Die Frage nach Schadensersatz

Mit dem Regierungswechsel 1987 tritt im Umweltministerium ein neuer Staatssekretär seinen Dienst an. Es ist der Physiker Manfred Popp. Eigentlich wurde er gerufen, um das Hanauer Nuklearproblem zu lösen. Doch es gibt noch mehr Probleme. Eines ist der Fall Messel.
Doch was kann Manfred Popp als Staatssekretär tun? Das Projekt einfach zu stoppen wäre keine gute Lösung, zumal dies einen Rattenschwanz von Schadensersatzforderungen auslösen könnte.
Manfred Popp hat eine andere Idee. Er gibt eine Studie in Auftrag und fragt: Was würde es kosten, die Deponie auf den technisch aktuellen Stand zu bringen? Die Frage ist berechtigt, ist doch der Planfeststellungsbeschluss zu diesem Zeitpunkt mehr als 15 Jahre alt.
Im Februar 1990 verzichtet die Hessische Landesregierung auf die Nutzung der Grube Messel als Mülldeponie. Doch einige Politiker halten immer noch an der Idee fest, die rutschenden Hänge der Grube Messel zu sichern. Nicht mit Abfall, nein, mit "Wertstoffen" wie Schlacke und Bauschutt.

Aufnahme als erstes deutsches Naturdenkmal der UNESCO

Fünf Jahre später sind auch diese Ideen Geschichte. Nach fast zwanzig Jahren Tauziehen ist die Grube jetzt endgültig für die Wissenschaft gerettet. Das Land Hessen kauft das Gelände auf. 1995 wird Messel als erstes deutsches Naturdenkmal in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen, weil seine Artenvielfalt und Qualität der Funde so groß ist, wie es bisher von keiner anderen Fundstelle belegt ist. Außerdem sind die Funde nicht nur für Paläontologen interessant. Auf der Homepage der deutschen UNESCO-Seite heißt es:
"Die Fossillagerstätte gibt Aufschluss über Kontinentaldrift und Sedimentation, über Ozeanbildung und Landbrücken zwischen verschiebenden Kontinenten, über Tiefe und Erstreckung der Biosphäre und über Klima- und Lebenszyklen."

Heute ist vom erbitterten Kampf um die Grube Messel keine Rede mehr. Nur eine Tafel am Eingang der Grube und eine kleine Vitrine im Infozentrum erzählen vom zähen Ringen um diesen einzigartigen Fossilienfundort.

Der Ölschiefer aus dem Eozän birgt noch weitere Rätsel. Denn viele Funde werden erst in den kommenden Jahren erwartet. Vergleicht man Messel mit anderen eozänen Fundstellen – etwa mit dem Geiseltal bei Halle oder mit Gruben in den USA – dann weiß man, welche Tiere hier vorkommen müssten. Sie zu finden ist die große Hoffnung der Forscher. Mit jeder neuen Grabung.

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