Spiel der Synapsen Das Gehirn bleibt formbar

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In unserem Gehirn ist nichts für immer und ewig statisch, unveränderlich. Im Gegenteil: unser Gehirn verändert sich fortwährend. Hirnforscher nennen das "Neuroplastizität", und in ihren Laboren versuchen sie darüber immer mehr Erkenntnisse zu gewinnen. Niels Birbaumer ist Hirnforscher an der Uni Tübingen und ein Anhänger der Neuroplastizitätsthese; sein neues Buch dazu heißt: "Dein Gehirn weiß mehr als du denkst".

Es gibt ja einen Mythos der besagt, wir werden durch unser Gehirn determiniert, das macht mit uns eigentlich was es will, nicht umgekehrt. Wir sind Opfer, und da unser Gehirn unveränderlich ist, legt es uns auch für immer fest, auf einen Charakter, einen Typus, ein Eigenschaftentableau. Aber das ist ein Mythos, warum eigentlich?

Birbaumer: Beides ist ein Mythos. Das Gehirn ist nur ein Spiegel der Außenwelt, und die Gehirnzellen und die Verbindungen sind über das ganze Leben bis zum Tod modifizierbar. Wie weit sie modifizierbar sind, ist für einzelne Verhaltensweisen unterschiedlich. Aber für alle Verhaltensweisen besteht die Möglichkeit, stabile Eigenschaften zu ändern.

Das heißt also, unser Gehirn ist ein Leben lang veränderbar?

Birbaumer: Genau

Aber wie weit geht diese Veränderlichkeit?

Birbaumer: Es ist schwer, das für das gesamte Gehirn zu definieren, denn für jede Eigenschaft und für jeden unterschiedlichen Lernprozess sind die Grenzen anders gesteckt. Gerade am Beispiel der intellektuellen Leistungsfähigkeit, also der Intelligenz: Hier gibt es ein breites Spektrum an Möglichkeiten. Sie können insgesamt 50 Prozent der Intelligenz erlernen, die anderen 50 Prozent liegen fest. Wenn Sie mit einem schweren Intelligenzdefekt geboren werden, dann können Sie das bis zu einer gewissen Grenze ausgleichen, aber natürlich bekommen Sie nie einen IQ von 130. Aber für die meisten Eigenschaften, die wir haben, sind die Grenzen sehr weit gesteckt, weit über 50 Prozent.

Weiß man denn, in welchen Hirnarealen man die Synapsen neu sprießen lassen kann?

Grafik eines menschlichen Gehirns (Foto: SWR, AlexfiodorovA - AlexfiodorovA)
Viele Hirnareale bleiben formbar AlexfiodorovA - AlexfiodorovA

Birbaumer: Praktisch überall. Es gibt nur ganz wenige Areale, wo das nicht der Fall ist; das sind vor allem jene Hirnarreale, die mit lebensnotwendigen Körperfunktionen beschäftigt sind. Wenn Sie zum Beispiel an die Atmung denken oder an Ausscheidungsfunktionen, solche physiologischen Funktionen bleiben relativ stabil, aber selbst diese sind modifizierbar.

Was resultiert daraus? Würden Sie zum Beispiel sagen, Gehirnjogging für ältere Leute ist unbedingt ein Muss?

Neuronen (Foto: © Colourbox.com -)
Das Spiel der Neuronen © Colourbox.com -

Birbaumer: Jeder sollte machen was er will. Aber wenn jemand seinen Alzheimer oder seinen Gedächtnisverlust hinausschieben will, dann sollte er rechtzeitig – möglichst das ganze Leben – anfangen, ein solches Denktraining zu machen, das man auch durch Musik und körperliche Bewegung ergänzen kann. Das kann dann Alzheimer, wenn man die Alzheimer-Gene hat, um ein bis zwei Jahre hinausschieben, was enorm kostensparend ist. Auch für die Betroffenen, da man Alzheimer meist recht spät kriegt, bedeutet es eine erhebliche Erleichterung. Aber das wird leider viel zu wenig propagiert, weil man sich immer noch einbildet, man könne die Krankheit irgendwann heilen.

Noch einmal zu den Grenzen der Modifizierbarkeit des Gehirns. Kann ein Sexualstraftäter, der zum Beispiel eine geringe Impulskontrolle hat, sich ändern?

Birbaumer: Ja. Wir haben in den letzten Jahren genau das untersucht: schwere Sexualstraftäter, Mörder usw. in Hochsicherheitsgefängnissen. Wir haben festgestellt, dass praktisch alle nach einigem längerem Training in der Lage sind, die betroffenen Gehirnareale zu modifizieren. Ob das nun dauerhaft das Verhalten ändert, das kann ich im Moment nicht sagen, denn weder Sie noch ich würden diese Leute jetzt aus dem Gefängnis rauslassen. Aber insgesamt zeigen eine Vielzahl von Untersuchungen, dass gerade psychopathische Eigenschaften durchaus modifizierbar sind, und zwar dauerhaft.

Ein von Natur aus neurotizistischer Charakter, wie weit ist der veränderbar?
Birbaumer: Noch weiter als die Psychopathie. Hier genügen in der Regel schon wenige Stunden Training, um diese Ängste zu beseitigen. Dazu brauchen Sie nicht einmal ein Hirntraining, das könnten sie mit einem Verhaltenstraining machen. Jedenfalls ist die Ängstlichkeit im Neurotizismus sehr viel leichter veränderbar als die Psychopathie.

Das ist wie eine frohe Botschaft, die Sie da verkünden. Wenn das Gehirn plastisch ist, wird es entsprechend der fortwährenden Benutzung geformt. Also auch, wenn wir zum Beispiel viel Computer spielen. Das ist ja aber auch wieder beängstigend.
Birbaumer: Genau, die Plastizität hat zwei Seiten, sie hängt von der Umgebung ab und geht natürlich genauso nach hinten los. Sie können ja auch, plakativ gesagt, das Gehirn von einem guten Bürger zu dem eines Massenmörders machen. Das hatten wir in den Jahren 1933 bis 1945, bei angepassten und normalen Menschen. Wir sehen immer wieder, dass die Plastizität wertneutral ist und in jede Richtung geht.

Aber hat Plastizität denn keine genetische Grenzen?
Birbaumer: Doch, bei einigen Verhaltensweisen schon. Wie gesagt bei der Intelligenz und einigen Persönlichkeitsmerkmalen, aber in der Regel sind auch bei diesen sogenannten Persönlichkeitseigenschaften die Erblichkeitszahlen bei etwa 50 Prozent. Das heißt, sie haben immer noch ein hohes Ausmaß an Änderbarkeit.

Kommt uns als Gehirnträger eine besondere Verantwortung zu?

Mann hält sich ein Papier mit einem Fragezeichen vor das Gesicht. Im Hintergrund Röntgenaufnahme von Gehirn. (Foto: Getty Images, Thinkstock - Montage: SWR.de)
Wer bin ich? Thinkstock - Montage: SWR.de

Birbaumer: Ich denke schon. Verglichen mit unseren Nachbarlebewesen haben wir die größte Plastizität. In diesem Sinne sind wir mit unserem Gehirn in der Lage, fast alles zu machen und so letztlich auch dafür verantwortlich. Sie sagten am Anfang, wenn das Gehirn alles macht, sind wir für nichts mehr verantwortlich – ich würde genau das Gegenteil sagen: durch die Plastizität unseres Gehirns wird unsere Verantwortung noch deutlich erhöht.

Es gibt auch Hirnforscher, die sehen das anders. Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth vertritt die These, wir werden schon in früher Kindheit durchs limbische System determiniert.

Birbaumer: Ja, die kenne ich alle gut. Blödsinn.

Hier werde für immer gespeichert, was uns gut tut und was nicht, vor was wir Angst haben, und diese Codierung kann sich ja nach Roth nur sehr schwer ändern.

Das manipulierte Gehirn (Foto: SWR, SWR -)
Hirn und Psyche hängen eng zusammen SWR -

Birbaumer: Ich weiß nicht, wie er darauf kommt. Herr Roth ist zwar ein sehr gescheiter Mann, aber er kommt natürlich aus der Tierversuchsforschung. Und er kennt sich wohl in der Plastizität des menschlichen Gehirns nicht besonders gut aus. Sonst wüsste er, dass gerade im limbischen System die Modifizierbarkeit und die Synapsen-Plastizität besonders hoch sind. Gerade emotionale Reaktionen können wir sehr gut und dauerhaft modifizieren. Ich würde also exakt das Gegenteil behaupten.

Sie sind sich aber auch bewusst, dass es auf diesem Gebiet mehrere Meinungen von Hirnforschern und auch "Gemeinden von Hirnforschern" gibt?

Birbaumer: Darüber bin ich mir bewusst. Die Forschung ist nichts anderes als eine Mode, Forschung unterliegt Moden genauso, wie die Frühlingsmode und die Herbstmode. Und es gibt Zeiten, in denen die Plastizität in Mode ist und Zeiten, in denen die Determinierung in Mode ist. Aber wenn man sich auf die Fakten stützt dann spricht vieles für meine These. Ich glaube kaum, dass Sie einen Forscher finden, der leugnet, dass das limbische System modifizierbar ist und fast alle Synapsen dort plastisch sind. Wenn man sich ein wenig im Gehirn auskennt, dann kann man die These der Unveränderbarkeit nicht mehr ernsthaft vertreten.

Welche kulturellen Konsequenzen hat dieser neue Blick auf das Gehirn?

Gesprächs-Situation zwischen junger Frau und Psychotherapeutin (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Unser Verhalten ist veränderbar Thinkstock -

Birbaumer: Der Blick der Wissenschaftler auf das Gehirn hat keine wirklichen Konsequenzen. Diese gibt es erst, wenn er allgemein akzeptiert wäre. Das würde dann bedeuten, dass wir eben mehr an unserer Veränderbarkeit arbeiten müssten und auch dafür verantwortlich wären, dass wir die Dinge nicht so verändern wie wir sie wollen, sondern eben so, wie sie möglicherweise im Kantschen Sinne akzeptabel sind: Dass man ein Minimum an Schaden an anderen anrichtet. Wenn man diese These unterstützt, dann fordert uns das dazu auf, stärker an der Veränderbarkeit unserer eigenen Verhaltensweisen zu arbeiten.

Das neue Buch von Niels Birbaumer heißt "Dein Gehirn weiss mehr als du denkst. Neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung" und ist erschienen im Ullstein Verlag.

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