Neue Hilfen für Depressive Elektrode im Lustzentrum

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Elektroden, die, direkt ins Gehirn eingesetzt, dort Stromstöße abgeben - das mag sich gruselig anhören. Doch sie verursachen keine Schmerzen. Und sie sind ein gewaltiger Fortschritt. Denn die Forschung rechnen mit mehr als zehn Prozent an depressiven Patientinnen und Patienten, denen bisher keinerlei traditionelle Behandlung helfen konnte.

Mann im Hemd sitzt am Schreibtisch und stützt den Kopf in die Hände. Vor ihm auf dem Tisch liegen Tabletten. (Foto: imago stock&people -)
Depression - Antidepressiva helfen nicht immer imago stock&people -

Antidepressiva sind seit ihrer Einführung in den 50-Jahren nicht wirksamer geworden. Die ab 1988 etablierten Stoffe vom Typ Prozac haben vielleicht weniger Nebenwirkungen, aber sie helfen nicht besser. Immer wieder sind Pharmafirmen daran gescheitert, wirkungsvollere Präparate gegen Depressionen oder andere psychische Krankheiten zu entwickeln. Inzwischen haben die Konzerne die Suche weitgehend aufgegeben.

Narkose als Belebung

Der Forschungschef eines Unternehmens meinte sogar, wenn eine Firma immer noch nach Medikamenten gegen psychische Krankheiten suche, brauche sie selbst psychiatrische Hilfe. Doch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an Universitäten haben nicht aufgegeben. Mangels neuer Wirkstoffe erforschen sie derzeit, ob eine altbekannte Substanz ein besseres Antidepressivum abgeben könnte als die bisher verwendeten: Ketamin.

Ketamin ist einerseits in der Drogenszene populär, weil es in hohen Dosen Halluzinationen hervorruft. Andererseits ist Ketamin ein Betäubungsmittel, das vor allem bei Notfalloperationen gegeben wird. Und dabei treten erstaunliche Nebenwirkungen auf. Denn depressive Patientinnen und Patienten, die eine Ketamin-Narkose bekamen, erlebten auch eine Milderung ihrer Symptome.

Gehirn-Doping: Glückspillen und leistungsteigernde Medikamente - Pillen aus dem Glas -Sujetbild (Foto: © Colourbox.com -)
Immer wieder sind Pharmafirmen daran gescheitert, wirkungsvollere Präparate gegen Depressionen oder andere psychische Krankheiten zu entwickeln © Colourbox.com -

Was Ärztinnen und Ärzte dabei besonders fasziniert: Ketamin vertreibt die Schwermut sehr schnell. Die bisherigen Antidepressiva müssen Patienten und Patientinnen Wochen lang einnehmen, bevor sich ihre Stimmung bessert. Bei Ketamin dauert es nur eine Stunde oder zwei. Vor allem aber hilft Ketamin jenen Depressiven, die schon viele andere Medikamente ausprobiert haben und denen keines helfen konnte.

Antidepressiva im Nasenspray

Allerdings hält die Wirkung einer Dosis nur kurz, etwa eine Woche. Das reicht den Betroffenen natürlich nicht. Können Ärztinnen und Ärzte Ketamin immer wieder geben, ohne dass starke Nebenwirkungen einsetzen? Vermutlich schon. Bislang waren in den Studien keine Probleme zu verzeichnen, nur der Blutdruck stieg in den ersten Stunden an und einige Patienten und Patientinnen waren vorübergehend leicht verwirrt.

Bislang wird Ketamin meist als Infusion verabreicht, was für den Routineeinsatz nicht optimal wäre. Doch wie eine erste Studie zeigt, wirkt es auch als Nasenspray gut. Warum aber hilft Ketamin besser als die bisherigen Antidepressiva?

Psychopharmaka beeinflussen, wie viel von bestimmten Botenstoffen im Gehirn zur Verfügung steht, den sogenannten Neurotransmittern. Jeder von ihnen dient ganzen Nervenbündeln als Botenstoff, Serotonin beispielsweise im nach ihm benannten serotonergen System. Ketamin dagegen zielt auf Systeme von Nervenzellen, die mit dem Neurotransmitter Glutamat arbeiten.

Das Vorderhirnbündel

Manchmal sind Nervenzellen zwar so verschaltet, dass Erregung an einer Stelle im Endeffekt doch für Dämpfung sorgt, aber in diesem Fall ist es nicht so. Werden die mit Glutamat arbeitenden Nervenzellen aktiviert, verschwindet die Lethargie der Depression. Auf den ersten Blick scheint es etwas ganz anderes zu sein, Ketamin zu verabreichen als das Gehirn elektrisch zu stimulieren. Doch es gibt eine Gemeinsamkeit: Beide Methoden wirken sehr schnell.

Das mediale Vorderhirnbündel - das ist ein Nervenstrang, der tief im Gehirn beginnt und in die Region hinter der Stirn führt. Genau dieses Nervenbündel sollen die implantierten Elektroden stimulieren. Denn es gehört zum Belohnungssystem des Gehirns, auch Lustzentrum genannt.

Schrittmacher fürs Gehirn: hierbei werden zwei Elektroden ins Gehirn eingesetzt - eine Fernsteuerung für die Psyche. (Foto: SWR, SWR - Pressestelle/Fotoredaktion)
Die Elektroden im Gehirn werden von einem Schrittmacher angesteuert, der unter dem Schlüsselbein implantiert ist SWR - Pressestelle/Fotoredaktion

Deshalb zielt der Neurochirurg Coenen bei der Operation auf das mediale Vorderhirnbündel. Seine Elektroden müssen tief ins Gehirn eindringen, eine nach der anderen. Für Coenen ist das kein Problem, er vertraut auf die Bauart seiner Elektrode.

Nebenwirkungen erwünscht

Wenn Coenen mit seinen Elektroden nach dem Belohnungszentrum sucht, nimmt er einen Umweg. Und der ist für den Patienten oder die Patientin nicht so angenehm. Denn bei der Operation müssen Nebenwirkungen sichtbar werden: Das Auge beginnt, nach innen zu fallen. Das hat damit zu tun, dass auf der gleichen Seite auch der Nervus oculomotorius ist, das ist einer der Nerven, die die Augenmuskeln steuern.

Tiefer geht Coenen nicht. Denn weiter oben liegt das gesuchte Belohnungszentrum. Doch bis Coenen es endgültig gefunden hat, erlebt der Patient oder die Patientin manchmal ein Wechselbad der Gefühle. Wenn ein Auge künstlich aus der Blickrichtung gebracht wird, bleibt das nicht ohne Folgen fürs Sehen.

Schrittmacher fürs Gehirn: hierbei werden zwei Elektroden ins Gehirn eingesetzt - eine Fernsteuerung für die Psyche. (Foto: SWR, SWR - Pressestelle/Fotoredaktion)
Das mediale Vorderhirnbündel gehört zum Belohnungssystem des Gehirns, auch Lustzentrum genannt SWR - Pressestelle/Fotoredaktion

Wenn Coenen dann aber das Belohnungszentrum gefunden hat, ändert sich alles. Bis dahin lassen die Patientinnen und Patienten die Operationen oft passiv über sich ergehen. Doch nun wachen sie auf. Psychiater Schläpfer hat es immer wieder erlebt. Sie beginnen sich für ihre Umgebung zu interessieren. Es zeigt sich eine Aktivierung der Mimik.

Die meisten lächeln auch

Meist greifen Ärztinnen und Ärzte zu einer viel älteren Methode, wenn alle Medikamente versagt haben und Psychotherapie auch nichts ausgerichtet hat. Sie mutet ähnlich dramatisch an und hat kein besonders positives Image. Heute heißt das Verfahren Elektrokrampftherapie, doch bekannter ist es unter seinem ursprünglichen Namen: Elektroschock. Sein Anblick kann erschreckend sein.

Doch Patienten und Patientinnen werden dabei nicht gequält, anders als im Film "Einer flog übers Kuckucksnest", der den Ruf der Therapie vollends ruiniert hat. Sie befinden sich in Narkose und ein Medikament stellt die meisten ihrer Muskeln so ruhig, dass sie kaum zucken.

Collage aus einem Gehirn und einem Blitz (Foto: SWR, SWR - Petra)
Durch den epileptischen Anfall werden bestimmte Stoffwechselprodukte ausgeschüttet und Stoffwechselprozesse angestoßen SWR - Petra

Das Wirksame an der Behandlung ist nicht der Strom, sondern der epileptische Anfall. Durch den epileptischen Anfall werden eben dann bestimmte Stoffwechselprodukte ausgeschüttet und Stoffwechselprozesse angestoßen, die dann eben antidepressiv wirken. Und letztendlich an den gleichen Endstellen antidepressiv wirken wie auch die antidepressiven Medikamente.

Geplantes Krampfen

Das heißt, auch die Elektrokrampftherapie sorgt dafür, dass dem Gehirn mehr von bestimmten Nervenbotenstoffen zur Verfügung steht. Sie sorgt ebenfalls dafür, dass im Gehirn neue Nervenzellen und Verbindungen gebildet werden, was ebenso gegen Depressionen helfen könnte. Antidepressiva tun das auch. Doch offenbar ist die Elektrokrampftherapie effektiver. Sie kann drei von vier Depressiven helfen.

Das Gehirn schädigt sie dabei nicht, obwohl viele genau das befürchten. Eine Nebenwirkung tritt allerdings häufig auf: Das Gedächtnis leidet für einige Zeit.

Mann hält sich ein Papier mit einem Fragezeichen vor das Gesicht. Im Hintergrund Röntgenaufnahme von Gehirn. (Foto: Getty Images, Thinkstock - Montage: SWR.de)
Die Magnetfelder lassen im Gehirn elektrische Ströme fließen, aber der Hippocampus wird verschont, er ist wichtig für das Gedächtnis Thinkstock - Montage: SWR.de

Die alternative Magnetkrampftherapie läuft ganz ähnlich ab wie eine Elektrokrampftherapie, doch die Patienten und Patientinnen bekommen keinen Stromstoß. Stattdessen werden Elektromagnete, die links und rechts an den Kopf gehalten werden, ein sehr starkes Magnetfeld erzeugen. Das Kabel, durch das der dafür nötige Strom fließt, ist so dick wie der Schlauch eines Staubsaugers.

Die Magnetfelder lassen im Gehirn elektrische Ströme fließen, die einen Krampfanfall auslösen - genau wie bei der Elektrokrampftherapie. Die Ströme fließen aber nicht durch die gleichen Gehirnregionen. Vor allem der Hippocampus wird verschont. Er ist wichtig für das Gedächtnis. Oft sind die Patienten und Patientinnen gleich nach Magnetkrampftherapie geistig wieder voll da.

Kritik und Placebostudien

Dabei wirkt die Magnetkrampftherapie genauso gut wie die EKT, die Elektrokrampftherapie. Sie lindert die Depressionen bei zwei Dritteln der Betroffenen, bei der Hälfte sind sie sogar ganz weg. Wie lange der Erfolg anhalten wird, muss sich zeigen. Selbst die Hälfte der erfolgreich Behandelten versinkt nach einem halben Jahr wieder in Depressionen.

Gestalt, bestehend aus Anzug, Hand und einem gezeichneten Gehirn. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Bei der Hälfte der Patienten wird die Stimulation erst nach zwei Monaten eingeschaltet, die Patientinnen und Patienten wissen in dieser Phase nicht, ob die Stimulation schon läuft Thinkstock -

Auch deshalb treibt Professor Schläpfer in Bonn die Entwicklung der tiefen Hirnstimulation voran. Dabei war die Behandlung durchaus umstritten. Die Elektroden gegen Depressionen geben jedoch viel schwächere Stromstöße ab, als in bisherigen Versuchen. Die Patienten und Patientinnen können die Stromstärke auch nicht verändern.

Sie merken nicht einmal, ob ihr Gehirn stimuliert wird oder nicht. Für die Forschung ist das günstig. Sie kann eine Art Placebo-Studie machen, um so zu beweisen, dass wirklich der Strom im Gehirn wirkt und der aufwendige Eingriff nicht etwa nur einen Placebo-Effekt erzeugt.

Läuft es schon?

Bei der Hälfte der Patientinnen und Patienten wird die Stimulation erst nach zwei Monaten eingeschaltet. Die Patienten und Patientinnen wissen in dieser Phase nicht, ob die Stimulation schon läuft. So lässt sich überprüfen, ob wirklich der Strom die Depression bessert.

Viele erleben oft erst einmal Nebenwirkungen, etwa Bewegungsstörungen oder Angstzustände. Doch die verschwinden, wenn die Stromstärke stimmt. Und vielen geht es dank der Stimulation besser. Die ersten Ergebnisse der Placebo-Studie lassen hoffen. 12 von 16 der Behandelten sprechen auf die neue Methode an. Ihnen allen konnte zuvor nichts helfen.

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