Faul, willensschwach, undiszipliniert Vorurteile gegenüber dicken Menschen

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"Wie ist der nur so dick geworden", denken sich viele, wenn sie übergewichtige Menschen sehen. Im Bus, im Flugzeug, beim Kleiderkauf begleiten die Betroffenen abschätzige Blicke und Vorurteile. Psychologen und Mediziner erforschen inzwischen das Stigma der Bevölkerung gegen dicke Menschen.

Menschen haben es in vielen Lebensbereichen schwerer (Foto: © Colourbox.com -)
Dicke Menschen haben es in vielen Lebensbereichen schwerer © Colourbox.com -

Es gehört fast schon zum guten Ton bei uns, sich lustig über dicke Menschen zu machen. Kein anderes Stigma ist so akzeptiert in der Gesellschaft, wie das gegen Menschen mit starkem Übergewicht. Die Verhaltensmedizinerin Anja Hilbert von der Universität Leipzig erforscht die Vorurteile gegenüber Adipositas, wie Fettleibigkeit in der Fachsprache genannt wird.

Anja Hilbert: Stigmatisierende Einstellungen, die umfassen solche Annahmen, dass adipöse Menschen, faul, willensschwach, undiszipliniert, unhygienisch, verantwortungslos, dumm und so weiter sind.

Alltägliche Vorurteile

Hilbert fand in einer repräsentativen Umfrage in der Bevölkerung heraus, dass die Mehrheit der Deutschen Vorurteilen gegenüber Übergewichtigen nicht widerspricht. Das findet sie ungerecht.

Anja Hilbert: Es ist unfair, wenn man die ganze Zeit gesagt bekommt, du bist faul, du bist hässlich. Komisch angekuckt wird, ausgegrenzt wird. Das ist einfach ungerecht, dass den adipösen Menschen die erforderliche Gleichbehandlung verwehrt wird.

Nachteile bei der Jobvergabe

Wartezimmer beim Arzt (Foto: © Colourbox.com -)
Dicke Menschen werden in Arztpraxen schlechter und vor allem kürzer behandelt. © Colourbox.com -

Unfair geht es auch bei der Jobvergabe zu. So schätzten Personalentscheider in einer Studie der Universität Tübingen vor allem Frauen mit Übergewicht als weniger kompetent und gebildet ein, nachdem man ihnen Fotos gezeigt hatte. Und dies, obwohl diese Personen über einen höheren Bildungsabschuss verfügten. Auch in der Schule und am Arbeitsplatz berichten dicke Menschen von Benachteiligungen.

Übergewicht bestimmt durch Gene und Umweltfaktoren

Die meisten denken, dass dicke Menschen selbst schuld sind an ihrem Übergewicht. Wenn sie nur wollten, könnten sie abnehmen. Doch die Fakten sehen anders aus, sagt der Mediziner und Psychologe Stephan Zipfel von der Universität Tübingen.

Stephan Zipfel: Aus wissenschaftlicher Sicht ist es heutzutage ganz klar, wenn jemand deutlich übergewichtig ist, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er oder sie normalgewichtig werden, eigentlich, fast nicht zu erreichen.

Zu komplex sei das Zusammenspiel von Genetik und Umweltfaktoren. Wer abnimmt, muss mit dem Jojo-Effekt rechnen. Nur die wenigsten schaffen es, auf Dauer das Gewicht zu reduzieren, sagt Zipfel. Die meisten scheitern immer wieder an ihren Diäten, weil eine langfristige Lebensumstellung eiserne Disziplin und viel Bewegung erfordert. Dabei haben viele Übergewichtige schon als Kinder den Traum, dünn zu sein und nie wieder die Außenseiter.

Negative Folgen der Stigmatisierung

Besonders schlimm sind für übergewichtige Kinder oft die Erfahrungen im Sportunterricht, wenn es darum geht eine Mannschaft zu wählen, und Dicken dann immer als Letzte übrigbleiben. Macht man von klein auf solche Erfahrungen, bleibt das manchmal nicht ohne Folgen für den Selbstwert. Das Risiko steigt, Essstörungen mit häufigen Essattacken, Depressionen bis hin zu Suizidgedanken zu entwickeln.

Ärzte diskriminieren

Sogar im Gesundheitswesen sind negative Einstellungen gegenüber dicken Menschen verbreitet – etwa bei Ärzten und Diätassistentinnen. Ärzte verbringen sogar weniger Behandlungszeit mit übergewichtigen Menschen im Vergleich zu Normalgewichtigen, wie eine US-Studie zeigte. Anja Hilbert von der Uni Leipzig:

Es ist fast schon tragisch. Dass adipöse Menschen im Gesundheitswesen auch auf ähnliche Barrieren stoßen, wie in anderen Lebensbereichen. Und tragisch deshalb, weil das Gesundheitssystem natürlich ganz besonders in der Verantwortung ist, die Gesundheit von adipösen Menschen zu verbessern.

Teufelskreis der Isolation

Dick sein ist nicht nur eine Sache der Ernährung (Foto: © Colourbox.com -)
Dick sein ist nicht nur eine Sache der Ernährung © Colourbox.com -

Das Thema Gewichtsreduktion wird im Behandlungszimmer ungern angesprochen. Auch Patienten fühlen sich unwohl und vermeiden häufig Vorsorgeuntersuchungen – aus Scham.
Stigmatisierung macht Betroffene oft auch noch dicker, wissen die Forscher. Es ist ein Teufelskreis der Isolation, der dazu führt, dass sie aus Frust mehr essen.
Wissenschaftler wenden sich gegen die Stigmatisierung und fordern mehr Aufklärung in der Bevölkerung und die Aufnahme des Themas in die Lehrpläne für angehende Ärzte. Hilfe, etwa in Selbsthilfegruppen, gibt es bislang kaum.

Selbstbewusst mit Übergewicht

Anja Hilbert: Das heißt, sich selbst gegenseitig bestärken. Wir machen was dagegen, oder grenzen uns zumindest vom Mainstream ab. Das gibt es bei adipösen Menschen fast nicht. Es gibt kaum Ansätze, oder wirklich nur ganz wenige in Deutschland, um eine positive Identität aufzubauen und sich gegenseitig dabei zu unterstützen.

Beth Ditto, Sängerin der US-amerikanischen Band Gossip (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Beth Ditto, Sängerin der US-amerikanischen Band Gossip picture-alliance / dpa -

Dabei sei es längst an der Zeit, dass sich das Bild von dicken Menschen in der Gesellschaft verändert, sagt Anja Hilbert. Statt Germanys next Top Model kann auch die selbstbewusste übergewichtige Sängerin der Band Gossip, Beth Ditto ein Vorbild sein.

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