Skrupellos und ohne Mitgefühl Ist Psychopathie therapierbar?

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Psychopathen sind skrupellos. Sie blicken einem direkt in die Augen, können charmant und eloquent sein, doch es fehlt ihnen jedes Mitgefühl. Sie verfolgen ihre Ziele ohne Wenn und Aber, ohne Rücksicht auf ihre Mitmenschen. Später quält sie weder Schuld noch Reue. Was genau ist ein Psychopath? Wie ist Psychopathie definiert?

Was sind Psychopathen?

Psychopathen sind nicht verrückt. Ihr Verstand, sagen die Wissenschaftler, funktioniert einwandfrei. Sie sind mitunter sehr intelligent, sie wissen, was richtig und was falsch ist. Sie können sich auch rational in ihr Gegenüber hineinversetzen und dessen Perspektive übernehmen. Was ihnen aber fehlt, ist Mitgefühl – Empathie. Weil sie selbst Gefühle wie Liebe oder Angst vermindert wahrzunehmen scheinen, ist ihre Fähigkeit, Mitgefühl, Schuldbewusstsein oder Reue zu empfinden, eingeschränkt. Geradezu instinktiv finden sie die Schwächen ihrer Mitmenschen und nutzen sie aus.

Nicht alle Psychopathen sind Mörder

Was ist eigentlich ein Psychopath? Die meisten Menschen meinen, eine Antwort auf diese Frage zu wissen, bis sie näher definieren sollen, was sie unter diesem Begriff verstehen: irgendwas Gefährliches, ein Serienmörder, auf jeden Fall ein kranker Irrer. Das ist nicht falsch, aber auch nur die halbe Wahrheit – wie so oft bei seelischen Störungen. Hans Ludwig Kröber leitet das Institut für Forensische Psychiatrie in Berlin und ist wohl Deutschlands bekanntester Kriminalgutachter. Seine Diagnose entscheidet darüber, ob der Straftäter seine Haftzeit im Gefängnis verbringt oder im Maßregelvollzug, wo er, sicher abgeschirmt von der Allgemeinheit, therapiert werden soll. Mörder, Schläger, Kinderschänder, Vergewaltiger. Er wird zurate gezogen, wenn Mörder und Vergewaltiger vor Gericht stehen, deren Fälle Deutschland teilweise über Monate und Jahre in Atem hielten.

Psychopathie - Selbstbewusst, angstfrei, ohne Mitgefühl

Hans Ludwig Kröber definiert: "Als Psychopathen bezeichnet man gesunde, nicht geisteskranke Personen, die auf den ersten Blick anderen Leuten nicht auffallen, die aber bei näherer Betrachtung sich dadurch auszeichnen, dass sie in einem ungewöhnlichen Maß angstfrei sind, was nicht dasselbe ist wie leichtsinnig. Sondern sie können sich an äußeren Begebenheiten orientieren und ihr Verhalten rational und planmäßig einrichten. Es sind Menschen, die manchmal ein sehr stabiles Selbstbewusstsein haben und eine hohe Bereitschaft, sich mit ihren eigenen Interessen durchzusetzen, im Zweifel auf Kosten anderer. Es berührt sie dann auch nicht, wenn andere unter ihrem Erfolg zu leiden haben."

Psychopathen gibt es überall

Eine ganz neue Erkenntnis ist, dass Psychopathen einem überall begegnen können, in den Führungsetagen ebenso wie im Gymnasium oder im Sportstudio. Einer der glühendsten Verfechter dieser Idee ist der kanadische Kriminalpsychologe Robert D. Hare. Hare ist heute emeritierter Professor an der University of British Columbia. Nach Hares Schätzung kommt auf 100 Männer über 18 Jahren ein Psychopath. Die meisten von ihnen sind das, was Hare und seine Kollegen "erfolgreiche Psychopathen" nennen. Dazu gehört auch die Prognose, dass jemand mit einer hohen Wahrscheinlichkeit so weiter machen wird, wie bisher und die gleichen Handlungsmuster zeigen wird, wie in der Vergangenheit, weil er durch Strafe und Gegendruck wenig beeindruckbar ist. Das sind Leute, die generell eine schlechte Kriminalprognose haben. Das zu identifizieren und die Gefahren adäquat einzuschätzen, ist eine diagnostische Leistung.

Raffiniert und manipulativ

Charakteristisch für Psychopathen ist einerseits die Rücksichtslosigkeit, aber auch, dass die Täter andere faszinieren, dass sie eine gewisse Ausstrahlung haben und wirklich Macht über andere Menschen inszenieren können. Weil sie um sich herum so eine Garde von Leuten aufbauen können, die für sie arbeiten und weil sie sehr gute manipulative Fähigkeiten haben. Es sind Leute, die eigentlich im sozialen Umgang relativ geschickt, raffiniert sind und die häufig sehr gut wahrnehmen können, wie andere Menschen ticken, wie sie funktionieren und das für sich ausnutzen können.

Furchtlose Krieger

Psychopathen verfügen über das sogenannte "Kriegergen". Menschen mit dieser Genvariante gehen schneller Risiken ein und können ihre Erfolgschancen besser abschätzen, sie reagieren außerdem impulsiver und aggressiver als Menschen, die dieses Gen nicht in sich tragen. Im Rahmen der Evolution ist es wahrscheinlich kein Zufall, dass ein solcher Menschentyp sich bis heute bewährt hat, meint Kröber. Im Krieg wären das relativ gute Truppführer gewesen, weil sie die Situation im Blick haben und sich nicht durch die eigene Angst die vorhandenen Chancen zunichtemachen. Auf der anderen Seite werden sie nicht leichtsinnig, wollen sich nicht opfern und schützen entsprechend den ganzen Trupp.

Psychopathen polarisieren

Psychopathen können durch ihre Risikobereitschaft sehr leistungsfähige Geschäftsleute sein. Sie haben oft damit Erfolg und gewinnen häufiger als Menschen, die diese risikoreichen Gene nicht haben. Wenn man Persönlichkeiten der Geschichte betrachtet, Politiker, Feldherren, dann waren eine Menge davon wahrscheinlich grenzwertige Psychopathen. Aber sie gewinnen, und die Gesellschaft will diese Leute auf ihrer Seite haben. Wir haben Freunde, die so sind, und wir möchten sie um uns haben, weil sie Spaß machen und aufregend sind. Wir können uns entscheiden, uns von diesen Leuten zu entfernen, aber das Leben wäre langweilig ohne diese grenzwertigen Psychopathen.

Gene und Kindheit beeinflussen Psychopathie

Kindheit (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Genetische Veranlagung macht noch keinen Psychopathen. picture-alliance / dpa -

Schwierig, sich vorzustellen, dass der führende Manager eines großen Autokonzerns ein Psychopath ist, oder ein Minister oder gar Polizeipräsident. Für den Durchschnittsmenschen verbindet sich der Begriff Psychopath mit geistesgestörten Serienmördern. Aber – so die neue Erkenntnis der Wissenschaft – Psychopathen können uns tatsächlich überall begegnen. Für die Frage, ob man als Psychopath in der Führungsetage oder im Gefängnis landet, machen die Wissenschaftler zwei Faktoren verantwortlich:
Faktor 1 ist die genetisch bedingte Veranlagung zur Rücksichtslosigkeit und Gefühlskälte, Faktor 2 sind die Umweltbedingungen, sprich die dissozialen Parameter. Hat ein Kind eine behütete Kindheit bei Eltern, die es lieben, fördern und anspornen? Oder wird es verwahrlost, missbraucht und misshandelt? Schlimm wird es, wenn bei einem Menschen die Komponenten des ersten Faktors hoch sind und Faktor 2, also die Umweltbedingungen, negativ.

Bei Psychopathie sind Emotionen im Gehirn ausgeschaltet

Doch ob sie als "grenzwertige" oder "erfolgreiche" Psychopathen den Konflikt mit der Justiz vermeiden oder als Mörder oder Vergewaltiger im Gefängnis sitzen, eines ist bei allen Psychopathen gleich: Ihr Gehirn funktioniert anders als bei nicht-psychopathischen Menschen. Gewisse Hirnareale, die für die Regulierung von Emotionen zuständig sind, sind bei ihnen völlig inaktiv, tot sozusagen. Hirnforscher können Psychopathen an den sogenannten Aktivierungsmustern ihres vorderen Hirnlappens erkennen. Das Hirnareal, das unter anderem für moralische Entscheidungen und Impulskontrolle zuständig ist, scheint nicht aktiv zu sein.

Wann werden Psychopathen gefährlich?

Es kommen drei Komponenten zusammen: die hirnorganische Schädigung, die genetische Veranlagung und die sozialen Faktoren im Umfeld. Fehlt die soziale Komponente, kommt es in der Kindheit nicht zu Vernachlässigung, Gewalt oder gar Missbrauch, entsteht kein potenzieller Serienmörder, sondern ein Mensch mit mehr oder weniger psychopathischen Tendenzen, der eine vielleicht zum Teil sozial problematische aber dennoch erfolgreiche Karriere als grenzwertiger Psychopath machen kann.

Selbst für einen erfahrenen forensisch psychiatrischen Sachverständigen ist es ganz schwierig festzustellen, ob ein Mensch gefährlich ist. Anhand aktueller Studien kann man sehen, dass bis zu 80 bis 90 Prozent der Gefahrenprognosen so nicht stimmen. Zeitgleich ist es aber auch ganz schwer, das zu untersuchen, denn diejenigen, die für gefährlich erachtet werden, bleiben in der Regel drin und können gar keine Rückfalltaten begehen.

Die besten Chancen für ein halbwegs normales Leben hat zwar die rechtzeitige und konsequente Vorbeugung, beginnend mit früher Diagnose und gezielter Korrektur im Alltag. Wenn dies verpasst wurde, aus welchem Grund auch immer, und die betreffende Person bereits straffällig geworden ist, bleibt nur noch die Therapie.

Neue Wege im Umgang mit Psychopathen

Zwar galt lange Zeit das Diktum in der Forensischen Psychiatrie, dass Psychopathien nicht nur untherapierbar sind, sondern dass sich die Therapie wohlmöglich negativ auswirkt, da sie dort noch mehr Tricks und Varianten lernen, wie man sich rausreden kann, wie man die eigene Schuld auf andere schieben kann, wie man den Therapeuten täuschen kann, indem man all die schönen Dinge sagt, die man aber gar nicht ernsthaft meint. Doch aktuelle wissenschaftliche Forschungen zeigen neue Wege im Umgang mit Psychopathen auf.

Therapie mit Hilfe von Biofeedback

Niels Birbaumer am Institut für medizinische Psychologie und Verhaltensneurobiologie der Universität Tübingen hat einen besonderen, einen hirnphysiologischen Ansatz entwickelt, um diese Inselregion im Gehirn wieder zu aktivieren, die die Empathie und Angst reguliert und die bei Psychopathen inaktiv ist. Biofeedback heißt seine Methode.

"Das sind verschiedene Tests, man zeigt ihnen grauenhafte Bilder, die angekündigt sind. Es geht ja immer darum, das Vorhersehen der Angst. Diese Bilder werden kombiniert mit unangenehmen elektrischen Reizen, sodass sich die Erregung vor diesen Bildern erhöht und auf so was reagieren Soziopathen normalerweise emotional überhaupt nicht. Und nach dem Training sehen sie eben dann, dass die Hirnteile aktiv werden, dass sie zu schwitzen anfangen, dass sie ängstlich werden, dass der Herzschlag wieder anspringt usw."

Während des Tests wird im Magnetresonanztomographen die Hirntätigkeit des Patienten gemessen. Niels Birbaumer sieht die Hirntätigkeit auf einem Monitor. Ein roter Punkt, der immer größer wird, je besser durchblutet – sprich aktiver – das Hirnareal ist. Die Biofeedback-Methode befindet sich im Moment in einer klinischen Studie.

Therapie durch Konfrontation mit eigenem Tod

Und auch der psychologisch-therapeutische Ansatz der Koreanerin Hyunseng You scheint vielversprechend zu sein. Die von ihr entwickelte dreistufige kognitive Verhaltenstherapie versucht nicht aus Psychopathen "bessere" Menschen zu machen. Dem Wesenszug der Psychopathie, der Empathielosigkeit, will sie anders begegnen.

Sie möchte herausfinden, was emotional mit den Männern geschieht, wenn sie im experimentellen Setting sehr intensiv mit dem eigenen Tod oder der eigenen Endlichkeit konfrontiert werden und wie sich das auf ihre Aggressivität auswirkt.

Mithilfe von Motivationstraining und selbsterlangtem Verständnis für dysfunktionale Emotion und Gewalttätigkeit sollen die Probanden eine kognitive Umstrukturierung erreichen. Solche Programme haben viel bessere Erfolgsquoten, als die reine Gesprächstherapie, wo man sagt: Empathie ist wichtig, seien Sie empathisch.

Frau You wird den Straftätern Geld anbieten, damit sie mitmachen. Geld ist der größte Anreiz im Gefängnis. Dann wird sie mit den Gesprächsreihen beginnen und ein bisschen mehr darüber in Erfahrung bringen, wie Psychopathen mit dem eigenen Tod umgehen. Und vielleicht werden diese Ergebnisse etwas mehr Erkenntnis in die Beantwortung der Frage bringen: Wo liegt die vernünftige Balance zwischen den Persönlichkeitsrechten der Psychopathen und dem Schutz der Gesellschaft.

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