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Warum brauchen manche Menschen viel Nähe und andere fühlen sich davon eingeengt? Warum fühlen sich manche Menschen nur wohl, wenn alles genau geregelt ist und anderen schnürt das die Luft ab?

Vor 50 Jahren schrieb Fritz Riemann sein wichtigstes und bis heute wegweisendes Buch: Grundformen der Angst. Eine Charakterkunde, die erklärt, warum wir als Menschen eher dem Wechsel oder der Dauer zuneigen, warum wir eher Nähe suchen oder Distanz halten.

Und damit ein Buch, das bis heute fast eine Million mal gedruckt wurde, und das – auch 50 Jahre nach seinem Erscheinen – als Grundlektüre in jeder Psychologie-Ausbildung empfohlen wird, weil seine Erkenntnisse noch immer gültig sind. Es ist in 17 Sprachen übersetzt und so geschrieben, dass es vor allem auch von Laien verstanden werden kann.

Die Lebensgeschichten der Angst:

Distanz zur Welt

Die erste Forderung, die mit der Geburt einsetzt, ist die, dass wir uns der Welt und dem Leben vertrauend öffnen sollen, gleichsam ja sagen sollen zu unserem Dasein. Nie wieder in unserem Leben sind wir aber so total abhängig und hilflos der Umwelt ausgeliefert, wie in den ersten Lebenswochen. Daher werden Not- und Mangelerlebnisse hier als unser ganzes Dasein bedrohend erlebt. Dieses völlige Ausgeliefertsein, unsere hilflose und wehrlose Abhängigkeit sind daher die Grundlage unser tiefsten und frühesten Angst, die wir die Existenzangst nennen wollen.

Wer also als Baby in den ersten Wochen und Monaten nicht Sicherheit und Vertrauen von seinen Eltern erhält, kann diese erste Angst später in überstarkem Maß entwickeln. Die Angst, sich selbst, sein Ich zu verlieren. Die Welt ist gefährlich. Nähe und Bindung wirken gefährlich. Und um sich gegen diese Gefahren zu wappnen, lässt man nichts und niemanden an sich heran. Distanz wird zum Schutz vor der Welt. Riemann nennt es die Angst vor der Hingabe. Die Psychologen sprechen vom schizoidem Verhalten.

Die Angst vor der Selbstwerdung

Wenn das Baby älter wird, erkennt es, dass es eine eigene Person ist. Es merkt, dass es Menschen gibt, von denen es abhängig ist, zu denen es gleichzeitig eine Vertrautheit spürt. Wenn die Eltern nicht da sind, fühlt sich das Kind verlassen und weint. Das kleine Kind muss die Sicherheit entwickeln, dass die Eltern wieder kommen werden, dass es allein sein kann ohne verlassen zu sein. Aber gleichzeitig gibt es die Grundforderung des Lebens, sich zu einem eigenständigen Individuum zu entwickeln. Das heißt, sich aus der Abhängigkeit von einem anderen Menschen lösen zu können.
Eltern, die unzuverlässig sind, die ihren Kindern mit Liebesentzug drohen, oder die ihre Kinder in zu großer Abhängigkeit halten, verhindern, dass ihre Kinder diese Sicherheit entwickeln.

Es ist die Angst vor der Selbstwerdung, wie es Fritz Riemann nennt. Aus Angst, allein zu sein, versucht man dem anderen größtmöglich nahe zu sein. Der klassische Nähe Typ. In der Psychologie wird das der depressive Charakter genannt.

Angst vor Veränderung

In der nächsten Lebensphase entdeckt das Kind die Gebote und Verbote, die unsere Gesellschaft sich gegeben hat. Und gleichzeitig, dass man gegen diese Normen rebellieren, verstoßen, sie negieren kann. Eine wichtige Phase, denn das Kind möchte sich in seiner Umwelt orientieren. Was ist gut, was ist böse? Jetzt kommen Schuld und Strafe mit ins Spiel. Das Kind lernt, die Zusammenhänge zwischen dem eigenen Tun und Handeln und dessen Folgen zu verstehen. Und gleichzeitig sieht es, dass auch die Erwachsenen unterschiedlich reden und handeln. Es bildet sein eigenes Werte-Bewusstsein heraus. Aber wenn der Druck seiner Eltern oder der direkten Umwelt gar nicht zulässt, dass viele Möglichkeiten kennengelernt und ausprobiert werden, dann kann das Kind nur etwas übernehmen, nicht entwickeln.

Starre, prinzipielle und autoritäre Verhaltensweisen der Eltern, harte Strafen und schwer zu erringende Verzeihung schaffen im Kind eine Schuldgefühlsbereitschaft und Strafangst, die ihm den Mut zum Wagnis, zur selbstverantwortlichen Entscheidung völlig nehmen können. Man wird sich dann auch später immer an das Gelernte und Vorgeschriebene halten, sich um jeden Preis anpassen, weil die möglichen Folgen seines Verhaltens immer drohend wie ein Damoklesschwert über einem hängen.

Die dritte Angst bedingt, dass man Chaos und Veränderung nur schwer aushalten kann. Alles soll so bleiben wie es ist. Der zwanghafte Charakter.

Angst vor Verantwortung

In der letzten Entwicklungsphase, die der Psychoanalytiker Fritz Riemann beschreibt, entdeckt das Kind – etwa im 3. bis 5. Lebensjahr – seine Gesamtpersönlichkeit und seine Geschlechtlichkeit. Es möchte geliebt werden um seiner selbst willen. Und es möchte auch, dass die eigene Liebe anderen etwas bedeutet. Es merkt, dass es sich bewähren muss und hat gleichzeitig Angst zu versagen, vor Blamage, vor der Zurückweisung durch ein anderes Mädchen oder einen anderen Jungen. Es hat Angst vor Prüfungen, vor Verpflichtungen, vor Verantwortung – was eben alles zu einem „erwachsenen Verhalten“ gehört.

Das Kind spürt, dass die Zukunft Anforderungen stellen wird, die es bisher nicht kannte. Für diese Entwicklung braucht es Vor- und Leitbilder, die ihm natürlich nur lebendige Erwachsene bieten können. Gerade die Reife der Eltern ist wichtig. Es muss attraktiv sein, wie die Eltern erwachsen zu werden.

Ist die ihm vorgelebte Welt dagegen chaotisch oder überfordernd, fühlt es sich nicht angenommen, spürt es die Unechtheit der Eltern oder merkt es, dass sie eine doppelte Moral haben und das, was sie ihm verbieten, selber tun, wird es Angst vor dem nun völligen Reifungsschritt bekommen.

Und deswegen – denkt sich der hysterische Charakter – ist es doch besser, nicht erwachsen zu werden, keine Verantwortung zu übernehmen, den Zwängen auszuweichen und sich die Welt so zurecht zu denken, wie man sie gerne hätte. Es ist die Angst vor dem Erleben des eigenen Unwerts. Als Scharlatan entlarvt zu werden. Die Angst vor der Notwendigkeit.

Die vierte Angst verhindert, sich zu binden, Verantwortung im Leben zu übernehmen. Diese Menschen möchten im Hier und Jetzt leben. Die Zukunft interessiert sie nicht. Es sind die Wechsler, der hysterische Charakter.

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