Weightwatching für Vögel Nicht fressen, nur gucken

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„Der frühe Vogel fängt den Wurm", heißt es. Aber es ist nicht immer ratsam, das Sprichwort zu beherzigen; für Meisen, die kalte Winternächte überstehen müssen, könnte es sogar lebensgefährlich sein. Meisen müssen sich tagsüber einen Fettvorrat anfuttern, damit sie in der nächtlichen Kälte nicht verhungern. Würden sie am nächsten Morgen jedoch sofort weiter fressen, wären sie zu schwer, um ihren Feinden schnell genug zu entwischen. Ein britischer Zoologe hat jetzt herausgefunden, wie sie dieses Dilemma auf „pfiffige“ Weise lösen.

Dr. Damien Farine von der Universität Oxford hat in einem Wald in der Nähe der Universitätsstadt das Fressverhalten von gut zweieinhalbtausend Singvögeln untersucht: Kohlmeisen, Blaumeisen, Sumpfmeisen, Tannenmeisen und Kleibern. Sie hatten Ringe mit winzigen Sendern an den Krallen. Diese lösten ein Signal aus, wenn sie sich speziell mit Sonnenblumenkernen präparierten Futterspendern näherten.

Grünfink am Vogelhaus (Foto: SWR, SWR -)
Grünfink an Futterhäuschen SWR -

Das ist ölreiche Kost. Ideal, um die Fettreserven für die kalten Nächte schnell aufzufüllen.

Aber Farine beobachtete, dass die Vögel vormittags von dem Nahrungsangebot nichts zu sich nehmen. Morgens fliegen die Tiere mit leeren Mägen herum und nutzen die Zeit, um erst einmal nachzusehen, wo es ergiebige Futterquellen gibt. Sie merken sich die Stellen. Zum Fressen kommen sie erst am Nachmittag wieder.

Nicht fressen, um nicht gefressen zu werden

In einer einzigen kalten Winternacht kann ein Vogel ein Zehntel seines Körpergewichts an Fett verlieren. Um seine Körpertemperatur halten zu können, müsste er gleich am nächsten Morgen das verlorene Fett wieder über die Nahrung aufnehmen. Doch bei der morgendlichen Suche nach gehaltvoller Nahrung gilt für Meisen und Kleiber das Motto: Erst einmal nur gucken, nicht gleich fressen.

Katze mit gefangener Meise (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Katze mit gefangener Meise picture-alliance / dpa -

Denn auf einen Schlag gleich zehn Prozent mehr zu wiegen, macht die Tiere schwerfällig. Wenn man einem Siebzig- oder Achtzig-Kilo-Mann noch sieben oder acht Kilo aufgeladen würde, falle es ihm viel schwerer, einen Sprint über 100 Meter hinzulegen, gibt Damien Farine zu bedenken. Den Vögeln gehe es ähnlich. Für sie bedeuten zehn Prozent mehr Gewicht, das dazu führen könnte, dass sie nicht schnell genug vor einem Räuber fliehen können.

Hungern für den Fressfeind

In dem Wald des Forschers in Oxfordshire ist der Sperber der Fressfeind der kleinen Vögel. Morgens dreht er seine Runden. Dann sind die Meisen und Kleiber noch leicht genug für die flinke Flucht. Sie müssen dafür übrigens nicht den ganzen Tag hungern.
Sie durchsuchen Rinde, Äste und Blätter nach Motten und Insektenpuppen. Außerdem fressen sie übriggebliebene Beeren und Pflanzensamen. Aber von diesen Happen nehmen sie nicht nennenswert zu. Hunger stillen sei für die Vögel etwas anderes als Fett anfressen, betont Damien Farine.

Vögel können richtig reinhauen

Erst am späten Nachmittag fliegen sie die Futterquellen an, die sie am Morgen nur erkundet haben. Und erst dann langen sie dort kräftig zu und erhöhen ihr Gewicht in kurzer Zeit um ein Zehntel. Wenn dann der Sperber kurz vor Sonnenuntergang noch einmal seine Runde macht, sind die vollgetankten Singvögel längst von der Bildfläche und damit von der Speisekarte des Sperbers verschwunden.

Katze in Vogelhäuschen (Foto: picture-alliance / dpa -)
Wo sind die Vögel? picture-alliance / dpa -

Aber wie kriegen sie das hin, sich nur dann einen Wanst anzufressen, wenn keine Gefahr droht? Vermutlich müssen erst einmal nur einzelne Vögel die Erfahrung machen, dass der Räuber gefährlich nahe kommen kann, wenn sie zuviel gefressen haben. Diese „erfahrenen“ Tiere entwickeln dann die Strategie, morgens nur nach Futterquellen zu suchen und erst nachmittags zu fressen.

Uhrenvergleich mit Katze

Wenn die anderen Artgenossen dann sehen, dass diese Vögel es leichter haben, den Räubern zu entkommen, könnten sie deren Strategie einzeln und dann in der Gruppe nachahmen. Wie das im einzelnen funktioniert, untersucht Damien Farine gerade.

So passen sich andernorts Vögel an den Stundenplan einer Katze im Garten an. Damien Farine vermutet, dass sie es genauso machen wie die Vögel in Wald bei Oxford. Es erhöht ihre Chance zu überleben. Und wenn man davon ausgeht, dass Meisen trotz Katzen und anderer Räuber zu den häufigsten Vögeln im Garten gehören, scheint es ja zu klappen.

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