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Ein 300.000 Jahre alter Holzspeer aus Schöningen

Jagd vor 120.000 Jahren So erlegten Neandertaler ihre Beute

Von Jochen Steiner

Neandertaler jagten mit Speeren. Nach einer neuen Studie ist nun auch klar, wie sie damit ihre Beute erlegten: Sie versetzten den Tieren tödliche Stöße anstatt den Speer zu werfen.

Homo neanderthalensis, der Neandertaler, lebte vor etwa 230.000 bis 30.000 Jahren. Man weiß, dass die Neandertaler Werkzeuge aus Stein und Holz hergestellt haben – Speere zum Beispiel. Und damit gingen sie dann auf die Jagd nach Wild. Aber wie genau erlegten die Neandertaler ihre Beute mit dem Speer? Deutsche und Schweizer Forscher haben das nun erstmals rekonstruieren können.

Die ältesten Holzspeere der Neandertaler sind über 200.000 Jahre alt. Archäologen haben sie in Großbritannien ausgegraben, aber auch in Deutschland haben sie einige Exemplare gefunden.
Der berühmteste Holzspeer stammt aus Lehringen in Niedersachsen und ist 120.000 Jahre alt. Es ist eine Lanze, die Archäologen zwischen den Rippen eines Waldelefanten entdeckt haben.

Jagdverletzung im Halswirbel eines ausgestorbenen Damhirsches

Vorder- und Rückansicht einer Jagdverletzung im Halswirbel eines ausgestorbenen Damhirsches, der vor 120.000 Jahren von Neandertalern an einem Seeufer nahe der heutigen Stadt Halle (Deutschland) getötet wurde.

Jagdtechniken der Neandertaler

„Es gab Massenjagden zum Beispiel auf Rentiere, aber auch saisonale Jagden etwa auf Wildrinder oder junge Nashörner. Aber wir sehen nur das Ergebnis dieser Jagden. Wie diese Jagden genau funktioniert haben, dafür haben wir bisher keine eindeutigen Beweise gefunden“, sagt Sabine Gaudzinski-Windheuser vom Archäologischen Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution Monrepos in Neuwied.

Die Archäologie-Professorin hat sich etwa 500 Damhirsch-Skelette, die in der Ausgrabungsstätte Neumark-Nord in Sachsen-Anhalt gefunden worden waren, ganz genau angesehen. Wodurch diese Tiere gestorben sind, ist unklar – vielleicht durch Neandertaler bei der Jagd?

Skelett eines ausgestorbenen Damhirsches

Skelett eines ausgestorbenen Damhirsches (Dama dama geiselana) aus Neumark-Nord, in Fluchthaltung montiert.

Löcher in Knochen

Sabine Gaudzinski-Windheuser entdeckte an einigen Knochen kleine Löcher. Diese stammten nicht von Raubtieren, Käfern oder anderen Insekten.
Zusammen mit Wissenschaftlern der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich stellte die Archäologin die Jagdszene nach.

Dazu fertigten die Forscher zunächst einen Holzspeer, wie ihn die Neandertaler damals verwendet hatten. Dann statteten sie diesen mit allerlei Sensoren aus. Anschließend stießen sie ihn auf den Beckenknochen eines Damhirsches, der vor 120.000 Jahren gelebt hatte.

Mikro-CT-Scans der Jagdverletzung im Becken eines Damhirsches

Mikro-CT-Scans der Jagdverletzung im Becken eines Damhirsches, der vor 120.000 Jahren an einem Seeufer nahe der heutigen Stadt Halle (Deutschland) getötet wurde. Die Screenshots zeigen die Verletzung an der Austrittsstelle und das rekonstruierte spitze Objekt (Speer), das die Perforation verursacht hat.

Stoßen statt Werfen - Wurftechniken bei der Jagd

„Wir haben eine Jagd-Verletzung im Versuch nachstellen können. Sie ist dadurch entstanden, dass der Jäger sich dem Tier von schräg hinten näherte und dann von unten den Speer in die Flanke des Tieres gestoßen hat und dabei das Becken des Tieres perforiert hat“, so Gaudzinski-Windheuser.

Es war eine Aktion aus nächster Nähe, der Neandertaler hat den Speer nicht geworfen, darüber sind sich die Wissenschaftler einig. Der Nachweis, dass Neandertaler Speere auch geworfen haben, um damit Tiere zu töten, steht noch aus.

Für Sabine Gaudzinski-Windheuser und ihr Team ist jedenfalls klar, dass die Neandertaler in der Gruppe gejagt haben müssen. Ein hohes Maß an Kooperation sei nötig gewesen, um unterschiedliche Wildtiere erfolgreich erlegen zu können.

Ausgrabung einer 120.000 Jahre alten interglazialen Seenlandschaft in Neumark-Nord bei Halle im Osten Deutschlands

Ausgrabung einer 120.000 Jahre alten interglazialen Seenlandschaft in Neumark-Nord bei Halle im Osten Deutschlands durch das Archäologische Forschungszentrum und Museum für menschliche Verhaltensevolution MONREPOS und die Archäologische Fakultät der Universität Leiden mit Unterstützung des Landesdenkmalamtes Sachsen-Anhalt.