Wie sinnvoll ist eine vierte Corona-Impfung? (Foto: IMAGO, imago images/UPI Photo)

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Wie sinnvoll ist eine vierte Corona-Schutzimpfung?

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Pascal Kiss
Lisa Schmierer
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Ralf Kölbel

Es klingt verwirrend: Einerseits kommen aus Israel erste Studien zu einer vierten Impfung, andererseits melden Pharmaunternehmen, dass sie an einem auf die Omikron-Variante angepassten Impfstoff arbeiten und gleichzeitig läuft die Booster Kampagne mit den derzeitigen Impfstoffen weiter. Was ist die beste Lösung aus wissenschaftlicher Sicht?

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Wie sinnvoll und wichtig ist es, einen an Omikron angepassten Impfstoff zu entwickeln?

Die Entwicklung eines an Omikron angepassten Impfstoffes ist auf jeden Fall sinnvoll, auch wenn der Impfstoff wohl erst zur Verfügung steht, wenn die Omikron-Welle bei uns wohl abgeklungen ist. Das gilt im übrigen auch, wenn wir jetzt aus der Pandemie kommen sollten, denn ganz sicher ist das nicht.

Zudem werden Corona-Impfstoffe für Risikopatienten in den nächsten Jahren immer noch wichtig sein und sollten daher auch bei aktuellen Varianten wirken. Diese Risikogruppe umfasst, laut RKI, fast 22 Millionen Menschen mit Vorerkrankungen.

Derzeit werden an Omikron angepasste Impfstoffe entwickelt. (Foto: IMAGO, imago images/Christian Ohde)
Derzeit werden an Omikron angepasste Impfstoffe entwickelt. imago images/Christian Ohde

Und zumindest diese Risikogruppe sollte auch im kommenden Herbst ein Angebot eines wirksamen Impfstoffes bekommen – vor allem wenn sich herausstellt, dass der Schutz vor schweren Verläufen etwas zurück gehen wird. Das wird sehr wahrscheinlich alles weniger bedrohlich als in den vergangenen zwei Jahren, aber vor allem für Menschen mit vielen Vorerkrankungen ist die Entwicklung angepasster Impfstoffe wichtig.

Vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen könnte eine vierte Impfdosis nützlich sein. (Foto: IMAGO, imago/ Xinhua ISRAEL-MODIIN-COVID-19-VACCINATION )
Vor allem für Menschen mit Vorerkrankungen könnte eine vierte Impfdosis nützlich sein. imago/ Xinhua ISRAEL-MODIIN-COVID-19-VACCINATION

Wie weit sind die Unternehmen bei der Entwicklung angepasster Impfstoffe?

Biontech erwartet die Zulassung des an Omikron angepassten Impfstoffs im März oder April. Der Impfstoff selbst wurde relativ schnell entwickelt, indem der Bauplan des Spikeproteins der Omikron-Variante eingesetzt wurde, und wird jetzt gerade in klinischen Studien getestet. Auch bei Moderna laufen die Studien bereits.

Sollen Leute bei denen jetzt eine Booster-Impfung ansteht, auf einen angepassten Impfstoff warten oder lieber jetzt mit den vorhandenen Impfstoffen boostern?

Vor allem als Risikopatient ist es auf jeden Fall sinnvoll, sich jetzt mit den bisher eingesetzten Impfstoffen boostern zu lassen. Eine Vielzahl von Studien hat gezeigt, dass eine Dreifachimpfung sehr gut vor schweren Verläufen schützt.

Risikogruppen, die noch keine dritte Impfdosis bekommen haben, sollten möglichst auch nicht zu lange auf einen an Omikron angepassten Impfstoff warten. (Foto: IMAGO, imago images/Lobeca)
Risikogruppen, die noch keine dritte Impfdosis bekommen haben, sollten möglichst auch nicht zu lange auf einen an Omikron angepassten Impfstoff warten. imago images/Lobeca

Wie sinnvoll ist jetzt eine vierte Impfung? Und für wen?

Aktuell besteht kein Anlass sich Sorgen zu machen. Eine dritte Impfung kann bei der Omikron-Variante die meisten schweren Verläufe verhindern – auch bei Risikopatienten. Für Dreifach-Geimpfte liegt der Schutz vor schweren Verläufen laut RKI in allen Altersgruppen bei der Omikron-Variante bei über 90-Prozent – momentan noch mehr, weil die Zahlen sich teilweise noch auf die Delta-Variante beziehen.

Allerdings ist derzeit beim aktuellen Infektionsgeschehen das Ansteckungsrisiko durchaus hoch. Doch ein Stück weit leben wir jetzt in der Situation, dass das Infektionsrisiko zwar so hoch ist wie noch nie in der Pandemie, gleichzeitig aber das Risiko für einen schweren Verlauf so gering wie noch nie ist.

In der Praxis werden jetzt aber viele Menschen in den nächsten Wochen eine Impfdurchbruchsinfektion durchlaufen und damit einen ganz guten Schutz gegen Omikron aufbauen. Das Immunsystem vieler Menschen lernt das Omikron-Virus schon kennen, bevor die angepasste Impfung zur Verfügung steht. Inwiefern Genesene und die später mit dem Omikron-Impfstoff versorgten Menschen gleich geschützt sind, muss sich zeigen. Langfristig ist aber eine vierte Impfung für Risikopatienten sehr wahrscheinlich.

Aus Israel gibt es schon einige Daten zur Wirksamkeit einer vierten Spritze. (Foto: IMAGO, imago images/ZUMA Wire)
Aus Israel gibt es schon einige Daten zur Wirksamkeit einer vierten Spritze. imago images/ZUMA Wire

STIKO empfiehlt vierte Impfung für ausgewählte Personengruppen

Mittlerweile hat auch die Ständige Impfkommission (STIKO) eine Empfehlung zur vierten Corona-Impfung ausgesprochen. Demnach sei eine zweite Auffrischimpfung für Personen ab 70 Jahren, Bewohnern von Alten- oder Pflegeheimen, sowie für Menschen mit Immunschwäche ab 5 Jahren sinnvoll. Sie sollen die insgesamt vierte Impfdosis frühestens drei Monate nach der ersten Auffrischung erhalten.

Auch für das Personal von medizinischen Einrichtungen und Pflegewohnheimen sowie deren Bewohner, die einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind, wird die zweite Auffrischung empfohlen – allerdings frühestens sechs Monate nach dem ersten Booster.

In Israel gibt es solche Viert-Impfungen schon: Wie sind da die bisherigen Erfahrungen? In welchen Fällen hilft das, wo nicht?

Daten aus Israel zeigen, dass der Effekt durch eine vierte Impfung zumindest aktuell nicht überbewertet werden sollte. In Israel sind bereits über 600.000 Menschen ein viertes Mal mit einem m-RNA-Impfstoff geimpft worden – vor allem Über 60-Jährige, aber auch medizinisches Personal. Das israelische Gesundheitsministerium empfiehlt allen ab 18 eine vierte Impfung. Eine Studie des Ministeriums hatte ergeben, dass sich der Impfschutz bei Menschen über 60 nach einer vierten Impfung verdoppelt, im Vergleich mit dem Schutz vier Monate nach der dritten Impfung.

Der Schutz vor schweren Verläufen ist durch die vierte Impfung auch nochmal hoch gegangen – und das ist aber vor allem für Risikopatienten wichtig, für die mittelfristig eine vierte Impfung schon ein Thema werden wird – auch um sich vor schweren Verläufen zu schützen.

Das betrifft vor allem immungeschwächte Menschen, aber eine vierte Impfung für alle halten die meisten Fachleute gerade für wenig sinnvoll, auch weil das Infektionsgeschehen nicht wirklich gedrückt werden könnte.

Ist es sinnvoll, dass eine vierte Impfung mit einem angepassten Omikron-Impfstoff auch hierzulande kommt?

Mit einem an die Omikron-Variante angepassten Impfstoff wird im März oder April gerechnet. Der ist schon längst entwickelt und wird gerade in klinischen Studien getestet und muss dann besser schützen als der aktuelle Impfstoff – das ist die Messlatte.

Das Ganze ist auch ein Test, wie schnell der Impfstoff nach dem Entdecken einer neuen problematischen Variante angepasst werden kann. So kann es ja sein, dass im nächsten Herbst und Winter eine neue Variante im Umlauf ist, die sich nochmal stärker von Delta und Omikron unterscheidet. Dann ist es natürlich wichtig, den Impfstoff schnell anpassen zu können - vielleicht nicht als Impfstoff für alle, aber für Risikopatienten. Und wie schnell das gehen kann, sehen wir jetzt gerade bei der Omikron-Anpassung.

Sind im nächsten Herbst, Winter immer noch sehr Omikron-nahe Varianten im Umlauf, ist das umso besser. Dann kann der angepasste Omikron-Impfstoff wichtig werden. Vor allem dann wird eine vierte Impfung für Menschen mit geschwächtem Immunsystem wichtig.

Vierte Impfung für alle?

Bezüglich einer vierten Impfung für alle, scheinen sich Wissenschaft und Politik in Deutschland aber derzeit einig: Solange es keinen angepassten Impfstoff gibt, sei eine vierte Impfung für alle weniger sinnvoll.

Zwar hat Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) eine Empfehlung für alle nicht ausgeschlossen, verwies allerdings auf Twitter auf eine Studie in Israel. Diese spreche gegen eine Impfung für alle, so Lauterbach.

Die Studie ergab, dass eine vierte Impfung den Schutz zwar wieder auf das Niveau direkt nach der dritten Impfung anhebt, die Zahl der Antikörper steige darüber hinaus allerdings nicht entscheidend. Das Fazit: Eine vierte Impfung könne lediglich dazu dienen, den Schutz zu erhalten, nicht aber, ihn zu erhöhen.  

Gefährlich ist aber auch die vierte Impfung für niemanden. Für pflegende Angehörige kann es deshalb durchaus Sinn ergeben, den eigenen Schutz durch eine erneute Booster-Impfung möglichst hoch zu halten, um Angehörigen so wenig wie möglich zu gefährden.

Risikogruppen empfiehlt die STIKO, sich frühestens drei Monate nach der dritten Impfung erneut boostern zu lassen. Alle, die keine Risikopatienten sind, sollten etwas länger warten – hier empfiehlt die STIKO, mindestens ein halbes Jahr Abstand zwischen Dritt- und Viertimpfung

Immunschutz: Interview mit dem Immunologen Carsten Watzl, Uni Dortmund

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