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Die Illusion des Verstehens Verständliche Texte fördern die Selbstüberschätzung

Texte, die sich leicht lesen - was gibt es Schöneres? Doch sie haben auch eine Schattenseite: Wer alles versteht, neigt dazu, sein eigenes Wissen deutlich zu überschätzen. Komplexe Texte hingegen führen dem Leser die eigenen Grenzen vor Augen. Eine neue Studie wirft Fragen auf: Was bedeutet das für die öffentliche Meinungsbildung?

Zum Beispiel Wissenschaft

Wissenschaft ist kompliziert. Wer komplizierte Zusammenhänge einem breiten Publikum vermitteln will, muss sie vereinfachen. Leichter verständlich machen. Konsumierbar. Kurze Sätze. Aufs wesentliche konzentrieren. Wenig Fremdwörter, nur so viele Zahlen wie nötig.

Dann kommt es im besten Fall zu einem "Heureka-Effekt". Hurra! - Alles verstanden. Ob Relativitätstheorie oder die politischen Verhältnisse im Iran ... Scheint ja alles eigentlich ganz einfach. Und genau das kann ein Problem sein - darüber berichten Psychologen um Lisa Scharrer von der Uni Münster im Fachblatt Public Understanding of Science. Menschen, die einen leicht konsumierbaren Artikel lesen, neigen sie dazu, ihr Wissen deutlich zu überschätzen.

Das Experiment

Versuchspersonen wurden "einfache" und "schwierige" Texte zum Lesen gegeben:

Als "einfach" galten populärwissenschaftliche Darstellungen, die sich an eine breite Öffentlichkeit richten: Texte aus Onlinezeitschriften und -Zeitungen wie "Spiegel.de", "Stern.de" oder "Suedddeutsche.de".

Bei den "schwierigen" Texten handelte es ebenfalls zwar um journalistische Artikel, die sich allerdings an ein spezielles Fachpublikum richteten, z.B. Beiträge aus dem "Ärzteblatt" oder "Springer-Medizin.de" erscheinen.

In den Artikeln ging es beispielsweise um die gesundheitlichen Auswirkungen von Salzkonsum, den Zusammenhang veganer Ernährung mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder die Frage, ob Chili im Essen möglicherweise den Blutdruck beeinflusst.

Älterer Mann sitzt auf einem Sofa und liest Zeitung.

Beim Lesen verständliche aufbereiteter Texte zu Wissenschaftsthemen neigen Leser oft zur Selbstüberschätzung in Bezug auf ihr eigenes Wissen

Die Welt scheint einfach

Die Leserinnen und Leser des jeweiligen Artikels sollten nun beurteilen, ob sie die Kernthese (wissenschaftliche Behauptung) des Artikels für richtig oder falsch hielten. Darüber hinaus sollten die Versuchsteilnehmer ihre eigene Sicherheit bei ihrer Einschätzung beurteilen. Sind sie überzeugt? Oder wären sie geneigt, für ein besseres Urteil noch mal einen Experten zu Rate zu ziehen?

Das Ergebnis

Bei einfacheren Texten waren die Leserinnen und Leser weniger geneigt, einen weiteren Experten zu Rate zu ziehen. Sie betrachteten ihre eigene Urteilsfähigkeit in diesem Fall bereits als ausreichend und sahen daher weniger die Notwendigkeit, das nochmals durch den Rat von Experten abzusichern.

Die Erklärung

Die Lektüre populär aufbereiteter Texte, so die Wissenschaftler um Lisa Scharrer, erfordere geringere kognitive Leistungen als die Detailfülle und der Fachjargon eines Artikel, der sich an ein Publikum mit entsprechendem Vorwissen richtet. Bei leichter verständlichen Texten entsteht eine Art "Illusion des Verstehens", während sie bei der Lektüre eines an ein Fachpublikum gerichteten Artikels in Bezug auf ihr eigenes Wissen und Verstehen schnell an ihre Grenzen stoßen.

Das Fazit: Verständlichkeit ist nicht alles

Fördern einfache Texte also Stammtisch-Parolen und eine vorschnelle Meinungsbildung?

Grundsätzlich, so Lisa Scharrer, sei es wünschenswert, dass wissenschaftliche Erkenntnisse und komplexe Sachverhalte in die Öffentlichkeit vermittelt werden. Dazu sei es unabdingbar, bestimmte Inhalte zu vereinfachen. Allerdings solle bei der Veröffentlichung solcher Texte nicht allein auf die Verständlichkeit geachtet werden. Es sollten auch Maßnahmen ergriffen werden, dass Laien beim Lesen solcher Artikel nicht Gefahr laufen, die Tiefe ihres eigenen Wissens zu überschätzen.

Frau liest im Park

Lesen ist gleich Abtauchen in eine andere Welt

Warnhinweis für komplexe Themen?

Scharrer hält es für sinnvoll, auch bei vereinfachten Texten explizit darauf hinzuweisen, dass die Zusammenhänge komplex sind, dass es auch andere Positionen zu diesem Thema gibt, dass manche wissenschaftlichen Fragen noch offen sind. Das zeigt auch die neue Studie an der Uni Münster.

In Zeiten wo immer mehr komplexe Inhalte über das Internet verbreitet werden kann und dort auch leicht zugänglich sind kann es allerdings, so die Einschätzung von Lisa Scharrer, immer wieder dazu kommen, dass gerade in diesen Medien viele Autoren oder Autorinnen oder Kommentatoren ihr eigenes Fachwissen überschätzen.

Ein Mann schaut verzweifelt auf seinen Computer und mobile Geräte.

Beim Lesen komplizierter Texte mit vielen Details und Fachbegriffen stoßen wir mitunter schnell an unsere Grenzen